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Bayreuther Depeschen (VIII) Durch Mitlesen wissend

02.08.2008 ·  Am Tag zwischen „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ kündigt der „Nordbayerische Kurier“ einen Vortrag über „Pilgern auf dem Schwäbischen Jakobsweg“ an. Aber ich bin ganz froh über einen Tag ohne Katharina Wagner und blättere durch alte Festspiel-Berichte Friedrich Dieckmanns.

Von Patrick Bahners
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„Wohin geht man in Bayreuth, wenn das Festspielhaus dichtgemacht hat?“ So fragte Friedrich Dieckmann in seinem Bericht über die Festspiele des Jahres 1985, der in der DDR in der Zeitschrift „Musik und Gesellschaft“ erschien. Seine Bayreuther Berichte von 1977 bis 2006 sind jetzt in einem kartonierten Band versammelt, den ich gestern am Büchertisch beim Parkplatz des Festspielhauses aus der großen Flut gerettet habe. Das Buch eröffnet ein Aufsatz über den Chéreau-Ring im zweiten Jahr, nach Angaben des Autors „womöglich die ausführlichste Theaterbesprechung neuerer Zeit“; am Ende wird der Dorst-Ring, der 2008 ins dritte Jahr geht, als „das Phänomen einer Übergangsphase“ abgefertigt.

Am spielfreien Tag 1985 war Dieckmann versucht, ins Kino zu gehen; „Otto, der Film“ stand auf dem Programm. „Otto Waalkes, der komische Prolet, der proletarische Komiker, als balzend-kobolzschlagender Eindringling in die Hautevolee - wie mochte das geraten sein?“ Gegenfrage nach dreiundzwanzig Jahren: Otto, der Proletkultkomiker? Der nie ohne Ballonmütze auftritt? Agitiert von Gernhardt, Eilert und Knorr, dem Kollektiv der Kalauerbrigade? Ich kann nur hoffen, dass Dieckmann seine klassenanalytischen Kategorien etwas verfeinert hat, wenn er in die Verlegenheit kommt, die heutigen komödiantischen Grobiane sortieren zu wollen.

Debütant unter Hügelglossatoren

Der Besucher aus dem Osten ging dann doch nicht in den Ostfriesenfilm, sondern tat seine kulturbürgerliche Pflicht und zahlte fünfzehn Westmark für einen Vortrag des Malers Ernst Fuchs. Mit Musik! Von „Tonmaschinen“ begleitet, ließ der Wiener Pinselfürst einen austriakischen Sondersang ertönen, „so ein Blabbern und Röhren, Säuseln und Dröhnen, Schmachten und Schmalzen“. Dieckmann machte es wie die Bayerische Staatsregierung mit Ausnahme von Kultusminister Maier im Chéreau-Ring und verließ den Saal. Heute, am Tag zwischen „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, tritt in Bayreuth kein Mützenträger mit „Phonoapparaten“ vor zahlendes Publikum. Der einzige Vortrag, den der „Nordbayerische Kurier“ ankündigt, hat das Thema „Pilgern auf dem Schwäbischen Jakobsweg“, Referent ist Pfarrer Michael Thein vom Evangelischen Bildungswerk. Das Kinoprogramm bietet „Freche Mädchen“, aber ich bin ganz froh über einen Tag ohne Katharina Wagner.

So will ich mit Dieckmann in der Aktentasche ein Café aufsuchen, um mir beim Kollegen Belehrung und Anregung zu holen. Nach acht Tagen Depeschendienst bin ich zwar nicht ausgebrannt wie Rick Redfern, der Reporter der „Washington Post“ im Comicstrip „Doonesbury“, der Obama nach Europa begleitete und seit seiner Heimkehr mit seinem Blog dreiundzwanzig Stücke im Rückstand ist. Aber als Debütant unter den Hügelglossatoren darf ich die Meister nicht verachten.

Dieckmann blickt in den jüngsten Texten des vor der Festspieleröffnung 2007 fertiggestellten Bandes zweimal in hochgemuter Spannung voraus auf Katharina Wagners Inszenierung der „Meistersinger“, die er „das Allerschwerste“ nennt. Den historischen Moment des Stückes, den das eingebildet kritische Geschichtsbild „der jüngsten aller Urenkelinnen“ unkenntlich macht, hat Dieckmann 1999 anlässlich der letzten Inszenierung des Werkes durch Wolfgang Wagner charakterisiert. „Ein elf Jahre lang ausgestoßener Flüchtling sieht Deutschland wieder und bringt ihm seine Huldigung dar - nicht dem von fern aufziehenden Preußen-Reich, sondern jenem alten Deutschland, über das der eiserne Pflug der Industrialisierung schon hinweggeht, der Kulturnation, wie sie sich in der alten Reichsstadt verkörperte, dem reformatorisch beflügelten Zentrum der Drucker und Kupferstecher, der Maler und Bildgießer, der Humanisten und Dichtmeister.“ Diese „Heimkehrer-Oper“, die nach dem Scheitern der Revolution an der Utopie der „bürgerlichen Herrschaft“ festhielt, der in Gestalt des Ritters von Stolzing der bildungswillige Adel sich einfügen sollte, sei „der nationalistischen Emphase fern“, was immer „ein kurzfristiger chauvinistischer Missbrauch und ein längerfristiges Starren auf diesen Missbrauch, als ginge es um dessen Beglaubigung“, den Deutschen hätten einreden wollen. Das Starren ist nun, mit freundlicher Unterstützung von Siemens, einstweilen auf unbefristeten Betrieb eingestellt.

„Das Klischee zum Mittel der Werkdestruktion“

Mit warmen Worten würdigte Dieckmann vor neun Jahren Wolfgang Wagners lebenslange Bemühungen um die „Meistersinger“, das „Identifikationswerk“ des Prinzipals, der sich in Hans Sachs wiedererkannt habe, dem Wegbereiter einer des „schöpferischen Regelverstoßes“ mächtigen Jugend. Dem Regisseur der Version von 1996 hielt er unkreative Regelverstöße vor: Wenn Wolfgang Wagner dem Ständchensänger den Schluss des zweiten Aufzugs übertrage, werde „das Klischee zum Mittel der Werkdestruktion“. In der Versessenheit auf solche „oft überdeutlich hervorgekehrten Details“ ist die Allerjüngste ganz der Papa. Von ihrer Inszenierung kann man allerdings nicht sagen, dass sie durch „ihre Konventionalität“ gerettet wird, dass sie „gelingt, insoweit sie sich mit Bedacht und Vergnügen in die vom Autor vorgegebenen Grundrisse fügt“.

Alle literatur- und musikkritischen Beiträge Dieckmanns, des Schülers von Ernst Bloch, versuchen den geschichtsphilosophischen Gehalt der untersuchten Werke als das freizulegen, was sie uns heute noch zu sagen haben. Eigenheiten von Dieckmanns Stil, die für sich betrachtet kurios oder sogar komisch wirken können, haben ihre Funktion im Zusammenhang dieser Absicht. Er will den Sinn der Werke herauspräparieren, und seine Sprache ist ein funkelndes Besteck. Sein Vokabular wirkt regelmäßig altertümlich, aber die Philologie würde wohl nachweisen können, dass die Archaismen oft Neologismen sind. Von Dieckmanns Manier gilt Nietzsches Wort über die Meistersinger-Ouvertüre als Sinnbild des deutschen Nationalstils: Sie ist von vorgestern und von übermorgen.

Das Wort „unterstehen“ kennen wir nur noch im reflexiven Gebrauch (und dann eigentlich auch nur in der Parodie des empörten Anstands) sowie im Zusammenhang mit Behörden und Amtspersonen. Nach Dieckmann aber „unterstand“ der „Ring“, das „jedes reale Theatermaß“ sprengende Werk von Wagners Exiljahren, „der bis in die Mitte der fünfziger Jahre von ihm genährten Erwartung einer europäischen Revolution“. Gewählte Ausdrücke und umständliche Syntax sind die Stilmittel einer intellektuellen Dramatisierung. Das „Büchlein“, in dem Tankred Dorst sein Regiekonzept erläutert, war „für 25 Euro in Buchhandlungen zu erstehen“. In Buchhandlungen. Bis ins sprachliche Material prägt sich ein emphatischer Geschichtsbegriff aus: Nichts ist bedeutungslos, nichts ohne Alternative. In einem Resümee seiner „Bayreuth-Erfahrungen im geteilten Deutschland“ setzt Dieckmann seine Festspielbesuche in ein dialektisches Verhältnis zur Weltpolitik. Thomas Manns Reden von 1933 und 1937 haben seinen Weg zu Wagner nicht begleitet, sondern „akkompagniert“. Der „Zufall will“, dass just vom „Tannhäuser“ des 9. August 1955, den Dieckmann erlebte, ein Mitschnitt auf „CD-Schallplatte“ nicht einfach da ist, sondern „zuhanden“.

Treffen in der Milchbar

Als Dieckmann 1965 auf der Straße in Bayreuth seinem nach Tübingen übergesiedelten Lehrer Bloch wiederbegegnete, verabredete man sich „in die neue Milchbar am Luitpoldplatz“. Ich suche ein altes Café, habe an allen Ecken und Enden der Fußgängerzone aber nur die Wahl zwischen der „Coffeelounge“ oder dem einer Verkaufsstelle für „ofenfrische“ Backwaren angeschlossenen „Stehcafé“. Wissen die Bürger dieser Jean-Paul-Stadt denn mit der Beschaulichkeit des Ortes gar nichts mehr anzufangen? Die Geschäftsinhaber hängen in die Schaufenster hier gerne „Zehn Gebote“ oder „Sieben Punkte, die für uns sprechen“. Es soll also eine Offenbarung sein, dass man sich mit dem Stück Kuchen nicht mehr hinsetzen kann. Wahn, Wahn, überall Wahn.

In der Sophienstraße finde ich schließlich das Café Funsch. Hier verkauft man hausgemachte Marzipanpralinen, die Kuchenauswahl ist groß mit eigener Abteilung für Buttercremetorten, das Stück Johannisbeerbaiser hat Wagnertubenvolumen. Eine Fülle handgeschriebener Plakate preist allerdings ein unüberschaubar diversifiziertes gastronomisches Angebot an, es gibt auch Sushi aus Marzipan - Krisensignale. Die schwerhörige Greisin bestellt zum Zwetschgenkuchen einen Espresso. Alles, was ist, endet, als nächstes die deutsche Cafékultur.

Mehrfach hat Dieckmann sich mit der Zukunft der Bayreuther Festspiele nach dem Abschied von Wolfgang Wagner beschäftigt. Seine Anmerkungen zur Stiftungssatzung nehmen sich prophetisch aus. Einer seiner Reformvorschläge ist „die mitlaufende Projektion des gesungenen Textes“. Da die Worte „kaum je vernehmlich“ sind, soll der Zuschauer „instand gesetzt“ werden, „sie zu seiten der Bühne (nicht darüber, das führt zu permanentem Kopfnicken) mitzulesen“. Die Textverständlichkeit enttäuscht auch in diesem Jahr, die Ausnahme ist wieder „einer der kultiviertesten und sonorsten Bässe, den die Weltbühne der Oper heute aufzubieten hat“, Kwangchul Youn, „ein königlicher Sänger“. Dieckmanns Notizen zu Marthaler und Dorst lese ich nicht unter permanentem, aber doch mit wiederholtem Kopfnicken. Der mit Schwarzweißfotos illustrierte Band mit dem Titel „Bilder aus Bayreuth“ ist für weniger als 25 Euro in Buchhandlungen zu erstehen.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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