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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayreuther Depeschen (VII) Die Schule des Helden

01.08.2008 ·  Kurz vor Beginn des „Siegfried“ öffnet sich der Himmel über Bayreuth: Smokingjacken kleben im Regen wie Taucheranzüge. Patrick Bahners hat sich dennoch unbeirrt ins Festspielhaus begeben - und sah einen Petz, der auf den Putz haute.

Von Patrick Bahners
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Wehe, wehe, Wolkenbruch! Eine halbe Stunde vor dem Beginn des „Siegfried“ öffnet sich der Himmel. Die Kaffeetrinker auf dem schmalen Terrassenstreifen des Selbstbedienungsrestaurants flüchten ins Innere, die Schilder über den Champagnerständen schwingen hin und her. Es wird heftiger und heftiger, das wird sich bis vier Uhr nicht mehr legen. Die Kartenbesitzer formieren sich zu einer Schlange in der schmalen überdachten Passage zwischen Restaurant und Festspielhaus, wo eine normalerweise geschlossene Tür geöffnet, aber von der Kartenkontrolle nicht abgesehen wird - obwohl an den Saaltüren eine zweite Kontrolle stattfindet.

Auch wer sich genau in der Mitte der Passage hält, kann die Schwelle des Festspielhauses nicht trocken erreichen. Während der Überquerung des Vorplatzes geht der Regel in Hagel über. Die Hagelkörner werden größer, bald werden sie den Umfang von Dracheneiern erreicht haben. Der Postkartenkiosk kippt um, das Glas zersplittert. Abendkleidbauten fallen zusammen, Smokingjacken kleben wie Taucheranzüge, es ist wie in Kintopp auf der „Titanic“.

Anfangszeiten korrigiert

Und tatsächlich spielt die Band dazu, nur kann man nicht glauben, dass die Fanfarenbläser, die zum Einnehmen der Plätze aufrufen, auf dem Königsbalkon stehen, diesmal kommt das Einleitmotiv aus der Konserve. Die Blicke der Hilfesuchenden treffen auf Jesco von Puttkamer, den Fachmann für Himmelserscheinungen. Hat man nicht irgendwo gelesen, dass Mondflüge die Atmosphäre durcheinanderbringen? Im Festspielhaus eilen die Damen zu den Spiegeln. Die Vorstellung beginnt zehn Minuten später, während des ersten Aufzugs werden auf sämtlichen Aushangzetteln die Anfangszeiten korrigiert.

Der Windstoß, der bei Siegfrieds Auftrittssprung durch ein offenes Fenster einen Papierstapel aufwirbelt, wirkt vor diesem Erlebnishintergrund nur wie leises Gesäusel. Aber Stephen Gould sorgt dafür, dass in den Pausen nicht alle vom Wetter reden werden: Er entfesselt einen Tenorsturm mit allen Schikanen. Sofort ist der Bär los, denn Siegfried selbst ist der Petz, der auf den Putz haut in seiner Kinderstube; das Fell des Tiers, das er laut Regieanweisung an einem Bastseil mit sich führt, hat er sich übergeworfen. Ein österreichischer Besucher weiß nachher zu berichten, in Seattle werde ein richtiger Bär auf die Bühne geschickt. Seine Gattin ist wenig beeindruckt: „Na, die haben's ja dort.“

Eine echte Zwergschule

Warum fliegt in Mimes Schmiede überhaupt Papier herum? Den Brandschutzbestimmungen entspricht das nicht. Die Schmiede ist hier eine Schule - eine echte Zwergschule: ein Lehrer, ein Schüler. Ein altes Periodensystem hängt an der Wand, neben dem Lehrerpult steht ein Skelett. Mit dem Wanderer kommt Feuerzangenbowlenstimmung auf: Der Schulrat macht Visite! Als der Wanderer seinen Kopf einsetzt, ist ein anatomisches Modell zur Hand. Die beiden Lehrkräfte prüfen einander gegenseitig, Mime macht an der Tafel einen Haken für jede richtige Antwort des Wanderers, und als er selbst antworten muss, zeigt er auf, obwohl ja sonst niemand da ist, der Streber. Das sind zur Abwechslung einmal hübsche Einfälle von Tankred Dorst, die beweisen, dass der „Siegfried“ eine großartige Komödie ist. An Mimes Examinierung durch den Wanderer bewahrheitet sich die Lehre des Frankfurter Soziologen Ulrich Oevermann, dass die Professionalisierung des Lehrerberufs den Sinn hat, den Lehrer in die Krise zu stürzen.

Von welchem Alter an ist ein Besuch des „Rings“ pädagogisch ratsam? Ein Ehepaar aus München hat seine Enkel dabei, zwei etwa sechzehn und siebzehn Jahre alte Buben. Vor der Reise nach Bayreuth hatten sie sich für zwei Tage bei den Großeltern einzufinden, wo auf dem Sofa die Handlung und am Flügel sämtliche Leitmotive durchgenommen wurden. Sonst sei die Sache sinnlos, sagt der Großvater, der in den fünfziger Jahren mit acht Geschwistern aufgewachsen ist und sich sein erstes Klavier mit Arbeit in den Schulferien verdient hat. Die braven Motivbüffler dürfen Eis bestellen, soviel sie wollen.

Unerwünschtes Privileg

Vor Jahrzehnten, als Hans Maier noch bayerischer Kultusminister war, wurde er einmal im Fernsehen in Bayreuth interviewt. Er hatte eine seiner sechs Töchter dabei. Ein Wagnerianer, dessen Kartenwunsch in dieser Saison zum erstenmal nach zwölf Jahren wieder erfüllt worden ist, hat dieses Filmchen noch in unangenehmer Erinnerung. Das Mädchen, so will es das Gedächtnisbild, das natürlich eine Projektion des Jahr für Jahr auf die Gnade der Zuteilung wartenden Musikfreundes sein mag, machte kein Geheimnis daraus, dass es mit dem Privileg des Festspielkartenbesitzes nicht viel anzufangen wusste. Hans Maier ist auch in diesem Jahr beim „Ring“ wieder dabei, abwechselnd begleitet von seiner viertältesten und seiner jüngsten Tochter. Das lebenslange Lernen ist eine bildungsbürgerliche Idee.

Nach seinem Urteil über Dorst gefragt, führt Maier den Chéreau-Ring von 1976 als Referenz an. Als Minister hatte er damals einen Platz in der Loge des Ministerpräsidenten, und am Ende der „Götterdämmerung“ saßen dort nur noch seine Frau und er mit dem französischen Botschafter. Der Botschafter habe aus patriotischer Pflicht applaudiert, das Ehepaar Maier aus Überzeugung. Ein hoher Beamter habe einen Schlüssel mitgebracht, um zu pfeifen. In Maiers Umgebung glaubte man, er müsse gegen Chéreau sein, er sei doch ein Antiachtundsechziger. Aber Chéreau habe an die Sänger gedacht, sei ja selbst Musiker - wie Maier, der Organist. Gerade hat Maier den dritten Band seiner gesammelten Schriften zusammengestellt, die bei Beck erscheinen. Er verspricht sich davon in diesem Jahr eine gewisse Resonanz, denn das Thema ist die Bildungspolitik. Trotz Jubiläum hat er seine Polemiken gegen die Achtundsechziger weggelassen.

Das Gehämmer mag er nicht

Bei Chéreau waren die Riesen wirklich Riesen und die Zwerge wirklich sehr klein. Als er das sagt, klingt Maier wie ein Schulkind, das bei Wagner ins Staunen hineingekommen ist. Ich erinnere mich, dass ich mir, als ich bei meinem Onkel zum erstenmal ein Videoband des Chéreau-Rings sah, genau dieses Bild gemerkt habe: dass die Riesen wirklich Riesen waren. Hinterher war ich dann enttäuscht, dass es nicht in jeder „Ring“-Inszenierung so ist. Chéreau, so Maier, wollte mit Recht den naturmystisch-psychologischen und den sozialkritischen Wagner nicht trennen. Dorst wird von Maier zugutegehalten, dass er den Sängern ebenfalls Raum lässt. Und wenn ein Regisseur kein Chéreau sei, dann sei es besser, wenn er konventionell inszeniere. Maier stören eher die von Dorst gleichwohl eingestreuten Modernismen. Warum muss statt dem Amboss gleich die Weltkugel in Stücke gehen? Mit dieser Frage möchte Maier aber nicht für eine heile Welt plädieren, nur für ein heiles Textbuch. Ohnehin liebt er den „Siegfried“ nicht so sehr, er zieht die „Walküre“ vor. Das Gehämmer mag er nicht, obwohl, so Maier mit vollendeter Gerechtigkeit, es von Wagner so gewollt ist.

Eine Dame schießt auf Maier zu, eine äußerst markante und elegante Erscheinung, die mit ihrer Schwester hier ist. Sie entschuldigt sich für die Unterbrechung des Gesprächs: Sie müsse einfach ihrem alten Kultusminister die Hand geben! Maier kennt die Dame offenbar nicht, sie ist keine Ministerialbeamtin, sondern Lehrerin. „Es war eine Ehre, unter Ihnen zu arbeiten!“ Maier ist etwas verlegen und still erfreut. „Nicht unter mir“, korrigiert er. „Sie waren eine Schutzbefohlene!“ Wenn in Wagners Weltkomödie eine sittliche Eigenart nicht vorkommt, dann ist es diese feinsinnige Menschlichkeit.

In der Schlussszene des dritten Aufzugs muss Siegfried, nachdem er Brünnhilde befreit hat, irritierenderweise ihre Bewegungen nachahmen wie ein Affe vor dem Spiegel. Er wird als „wonniges Kind“ angesprochen, aber sollte er, wenn er diese Ironie versteht, wie Liebesleute sie im überfließenden Glück verwenden, nicht erwachsen werden? Tölpelhaft benehmen muss er sich bis zum Schlussakkord, wenn er zu Boden rumpelt und Brünnhilde nötigt, sich auf das niedrige Niveau ihres Geliebten zu begeben. Das Bundesverfassungsgericht hat vielleicht demnächst zu entscheiden, ob das Grundgesetz das Homeschooling verbietet. Mimes heimpädagogisches Experiment spricht bei Tankred Dorst dafür, dass die erotische Reifungsfähigkeit in der Isolation unrettbar verkümmert.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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