Home
http://www.faz.net/-gs3-zp8t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayreuther Depeschen (V) Thielemanns Triumph

30.07.2008 ·  Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings“ ist jetzt im dritten Jahr zu sehen. In der „Walküre“ erlebt unser Berichterstatter Patrick Bahners endlich jene Momente, auf die er seit fünf Tagen Bayreuth gewartet hat - dank eines überwältigenden Christian Thielemann.

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Auf dem Karree oberhalb der Wagnerbüste Arno Brekers im Park des Festspielhauses stehen versetzt zueinander sechs Bänke mit Messingschildchen, die den Stifter verewigen. Für dieses Pausensitzmöbelensemble haben nicht wie für die Bänke im Garten der Villa Wahnfried die Mitglieder eines regionalen Richard-Wagner-Verbandes gesammelt - kurios übrigens, dass sich die Anhänger des Anarchisten Wagner zu Verbänden zusammenschließen wie Betonbauer und Dampfmacher in Ernst Forsthoffs Staat der Industriegesellschaft. Ein einzelner Wagnerianer hat hier zur Smokingjacke (apropos: Klaus von Dohnanyi hat kein lindgrünes und auch kein lindwurmgrünes Jackett im Koffer und kann nicht mehr wechseln) die großen Spendierhosen mit roten Streifen angelegt. Obwohl ihm der Dank der Kunstnation gebührt, zeichnet er nur mit seinen Initialen: P.S.M.

Alle sechs Bänke werden als Dankesgaben für die Festspielleitung ausgewiesen, deren Leistungen P.S.M. allerdings nicht pauschal würdigt. Vielmehr sind die Ehrenbänke datiert: „Der Festspielleitung 1989 gewidmet“ ist die erste, weiter geht es über die Jahre 1990, 1994 und 1999 bis 2004. Nun besteht die Festspielleitung ja schon seit 1966 ausschließlich aus Wolfgang Wagner. Es sind also keine unterschiedlichen Personen gemeint; jedes Jahr gibt es nur insofern eine neue Leitung, als sich die Aufgabe der Organisation festlicher Aufführungen der Werke Richard Wagners immer wieder neu stellt.

Keine Aufzeichnung von Schlingensief

Der spendable Stammgast ist der Auffassung, dass es herausragende Jahresleistungen der Leitung gibt, an die man sich bei späteren Besuchen bevorzugt erinnert. Nach welchen Kriterien mag er die Ehrenjahre aussuchen? Würdigt er die denkwürdige Neuinszenierung, oder zieht er jedes Jahr eine Saisonbilanz der Gesamtkunstwerkstatt? 2004, im bislang letzten prämierten Jahr, hatte Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ Premiere, von dem die Festspielleitung 2008 nichts mehr wissen will. Während man die Videokonservierung von Katharina Wagners grässlicher Verwurstung der „Meistersinger“ als volksaufklärerische Tat verkauft, soll von Schlingensiefs Arbeit am Ritus keine Aufzeichnung existieren.

Auf dem Täfelchen der sechsten Bank ist der Platz für die Jahreszahl freigelassen. P.S.M. hat offenbar nicht nur Kredit, er gibt auch Kredit. Trotz der ungeklärten Nachfolgefrage steht für ihn fest, dass die Kreativität der Festspielleitung eine sichere Bank ist. Es muss ein großer Tag im Festspielbüro sein, wenn die postalische Anweisung des den Parkbesuchern unbekannten Gönners eingeht, welche Jahreszahl ins Messing geritzt werden soll. Der Widmungsakt wiederholt sich schließlich kaum häufiger als der Landgang des Fliegenden Holländers und kann als wichtiges Indiz für die Bewertung der Festspiele durch ihre treuesten Besucher dienen. Zwischen 1994 und 1999 und zwischen 1999 und 2004 lagen jeweils vier nicht zur Ehre der Bänke erhobene Leitungsjahre. Dass der Pausenflaneur also nicht an 2006 oder 2007 erinnert wird, ist noch kein Zeichen der Krise von Bayreuth - zumal wir nicht ausschließen können, dass der Gravurbefehl manchmal erst mehrere Jahre später erfolgt, wenn sich die Leistung der Jahresleitung im Vergleich einordnen lässt.

Phantasie von der Stange

Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings“ ist jetzt im dritten Jahr zu sehen. So recht möchte man nicht glauben, dass noch einmal die Jahreszahl 2006 auf einer Bank prangen wird. P.S.M. ist mit Sicherheit nicht so leicht zufriedenzustellen wie die Pragmatiker unter den Wagnerianern, die einander in den Pausen der „Walküre“ versichern, das Bühnenbild und die Kostüme seien schön und die Sache für eine moderne Inszenierung erträglich. Nun ja, auch der Schönheitsbegriff der Kulturkonservativen ist nicht mehr, was er einmal war. Das Bühnenbild bietet die Ruinen des Staates der Industriegesellschaft, die Kostüme stammen aus einem Fabrikverkauf für Phantasie von der Stange. Sie lenken ab wie das übrige von Dorst verstreute Geraffel.

Fricka zum Beispiel: Wotans Gattin muss im zweiten Aufzug der „Walküre“ die Position vertreten, die niemandem sympathisch sein kann, auch den treuesten Goldhochzeitern im Publikum nicht. Aber Wotan unterwirft sich der Heiligkeit des Ehegesetzes, muss seine im Inzest vereinten Lieblinge preisgeben und Hunding vom Verband der Haus- und Weibseigentümer Genugtuung zusprechen. Als etwas Grandioses, Objektives muss das von Fricka geltend gemachte Recht erscheinen. Hier trägt sie den schwarzen Kopfputz einer calvinistischen Kaufmannswitwe, eine nervtötende Liebesspielverderberin.

Konfuse Hilfstruppen

Man verstehe die Geschichte, geben die Bühnenbildschönfinder zu bedenken. Nun könnte es ein kühnes Regiekonzept sein, ein Gegenentwurf etwa zu Stefan Herheims „Parsifal“, im Gegensatz zur handelsüblichen Symbolüberfrachtung ein Bedeutungsdefizit ins Bild setzen zu wollen. Vielleicht hatte Dorst das im Sinn, als er es seine Absicht nannte, aus der Geschichte des „Rings“ das Mythische herauszupräparieren. Aber die einfache Handlung wirkt hier vielfach unbeholfen. An der bühnenhandwerklichen Präzision hapert es ebenso wie an der Durchsichtigkeit des Geschehens auf die von den mythischen Akteuren repräsentierten elementaren Mächte. Zu Alberichs Verwandlung im „Rheingold“ lautet die Regieanweisung: „eine ungeheure Riesenschlange windet sich statt seiner“, also auf demselben Fleck, „am Boden“, nicht: kriecht aus der Kulisse. Konfus der himmlische Hilfstruppeneinsatz im Kampf von Siegmund und Hunding: Es kommt doch darauf an, dass an Wotans Speer das von Wotan gestiftete Schwert zerspringt.

Die Festspielleitung 2008 hat leider nicht auf Eleonore Büning gehört, die in ihrer F.A.Z.-Kritik der Wiederaufnahme des vergangenen Jahres (Der Thielemann-„Ring“ in Bayreuth im zweiten Jahr: „Rheingold“ und „Walküre“, stellenweise überarbeitet) Endrik Wottrich als Siegmund eine krasse Fehlbesetzung nannte. Hingegen zeigt Albert Dohmen als Wotan gegenüber dem Vorabend eine markante Steigerung. Vielleicht kann ein Sänger tatsächlich seelische Reserven mobilisieren, wenn sich in der „Walküre“ die tragische Größe Wotans aufschließt, der im „Rheingold“ als Spätzeitfürst auf Mafianiveau eingeführt worden war. Wieviel Pracht und Herrlichkeit Wotans Regiment noch im Niedergang darstellt, das macht unter dem Dirigat Christian Thielemanns das Oktett der Walküren glanzvoll erfahrbar. Thielemanns in der Nachfolge Wilhelm Furtwänglers kultivierte Kunst der idiosynkratischen Tempoformung erlebt im dritten Akt der „Walküre“ ihre Bewährungsprobe, die sie mit überwältigender Wirkung besteht.

Die Waberlohe leuchtet

Das mitreißende, lebenszeitverschlingende Melodrama des ersten Aufzugs hat im dritten Aufzug eine Situation heraufgeführt, in der gar keine Zeit mehr zu vergehen scheint. Die Handlung, die Bestrafung Brünnhildes, hat das Bezwingende, aber auch das Abstrakte einer logischen Demonstration. Wotan setzt die Implikationen des von ihm heraufbeschworenen Konflikts in die symbolische Tat um. In der Oper stehen seit jeher Personifikationen auf der Bühne, mehr oder weniger verpuppte Allegorien. Aber es ist eine ungeheure Leistung Wagners, dass wir mit einer Person leiden, die nichts anderes ist als ein kantischer Gedanke, der freie Wille, der sich gegen das Subjekt wenden kann, das ihn zu haben meint. Der erste Tag des „Rings“ kulminiert in seinem analytischen Kommentar. Die Motive entfalten nun ihre strukturierende Macht. Thielemanns Stil plötzlicher Dehnungen und Raffungen könnte diese Ordnungsleistung gefährden, erreicht aber, dass wir auch das Zurruhekommen des Dramas als dramatisches Geschehen erleben.

Am Ende leuchtet auf, worauf ich seit fünf Tagen Bayreuth gewartet habe: die Waberlohe. Dorst lässt die Lohe auch jenseits des Flammenkreises wabern, der die schlafende Brünnhilde einschließt. Ganz abstrakt wäre besser gewesen. Denn der Held, der die Schlafende befreien wird, ist ja kein Feuerwehrmann in einem Schutzanzug. Je kleiner, je zeichenhafter die Flammen, desto ungeheurer der Akt der Selbstdisziplinierung, dessen Zeugen wir sind. Alle Dynamik, die der Geschichte bleibt, steckt im Kreislauf der Motive, die den Willen Wotans von der Welt abschneiden. Verhalten lässt Thielemann die „Walküre“ enden, da das Feuer nur brennt, solange die Musik dauert. Wenn P.S.M. im Saal war, trägt die letzte freie Bank vielleicht schon morgen die Jahreszahl 2008.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3