Home
http://www.faz.net/-gs3-zq6m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayreuther Depeschen (IX) Gut gedacht, gut gemacht

03.08.2008 ·  Es ist Schluss und das Publikum verleugnet seine Erschöpfung nicht. Auf seinen Qualitätsmaßstab pocht es jedoch weiterhin. Und wenn auf der Bühne handwerkliche Mängel und gedankliche Schwächen zusammenkommen, so wird dies buhend quittiert. Doch jetzt, nach neun Tagen und sieben Aufführungen, löst sich die Wohngemeinschaft wieder auf.

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die ersten Akkorde gleichen einer Treppe, die nach oben führt und sich gleichzeitig verbreitert. Christian Thielemann führt sich in der „Götterdämmerung“ wieder als Meister der Dilatation ein. Tankred Dorst hat sich dagegen in den Kopf gesetzt, die Räume eng zu machen. Der Rhein ruft die Vorstellungen der Weite und Majestät auf. Hier nicht. Die Halle der Gibichungen ist im Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann ein Betonkasten, der vom Flusspanorama noch weniger übriglässt als die Dresdner Waldschlösschenbrücke.

Am Hof ist eine endlose Party im Gang, beim Champagnereinschenken wird nicht wie an den Ständen der noblen Hotelkette draußen auf den Mikrometer genau der Eichstrich beachtet, weil sonst die armen Serviererinnen draufzahlen müssen. Zwischen Smokingjacken (ohne die Eiscremefarbenpracht des Klaus von Dohnanyi) und Cocktailkleidern fallen eine Rasputinfigur und ein Hermelinmantelträger auf, der nicht Gunther ist, sondern wahrscheinlich Ludwig II. oder Alfons der Viertelvorzwölfte. Dann schließlich nähert sich das Welt- oder wenigstens das Werkende mit Riesenschritten, die Thielemann nach Kräften verlangsamt und bisweilen beschleunigt, so dass etwa im Vorspiel zum dritten Aufzug der großartige Effekt eines koketten Torkelns der Motivmassive entsteht.

Das Publikum verleugnet seine Erschöpfung nicht. Man kennt sich so lange, dass man sich nichts mehr vormachen muss. Es gibt wohl niemanden im Saal, der bedauert, dass der „Ring“ nicht fünf Abende plus Vorabend umfasst, nicht einmal Hans Maier, obwohl er in dem Fall jeder seiner Töchter eine Karte hätte spendieren können. Noch nicht erlahmt ist die Freude der Allesseher an der Detailkritik. Gunther wird hier wieder zum Walkürenfelsen mitgeschleppt. Kann dann die Intrige aufgehen? Ist der Einsatz des Tarnhelms überzeugend? Antwort: Nein, denn ein goldenes Tüchlein, über den Kopf gebreitet, bringt den Bauch von Stephen Gould nicht zum Verschwinden. Nachdem sich im Schlussbild die Partygäste zerstreut haben, sieht die Villa Rheinriegel endgültig aus wie ein Wohnblock aus einem Mike-Leigh-Film. Das Liebespaar, das zu allerletzt über die Bühne spaziert, wäre von Mike Leigh bestimmt in abgründige Improvisationen verwickelt worden.

Handwerkliche Mängel und gedankliche Schwächen

Es ist gefährlich, wenn der Regisseur das Personal des Stücks um die Figuren gleichgültiger Beobachter ergänzt. Tankred Dorst tritt am Ende dieses letzten Abends zum erstenmal in diesem Jahr vor den Vorhang. Es gehört sich nicht, einen Zweiundachtzigjährigen auszubuhen, der auf einen Stock gestützt geht und sich zum zweitenmal der Mühe der Überarbeitung seiner Inszenierung unterzogen hat. Aber das Publikum pocht mit dieser rabiaten Aktion auf seinen Qualitätsmaßstab. Für die Diskussion über die Zukunft der Festspiele ist der Befund wichtig, dass bei Dorst, bei Katharina Wagner und nach Meinung einer starken Fraktion auch bei Marthaler handwerkliche Mängel und gedankliche Schwächen zusammenkamen. In der Gegenprobe bewies Herheim, dass das konsequent Gedachte als gut Gemachtes imponieren kann, dass also der Gegensatz von Regietheater und Konvention ein falscher ist. Der von Herheim verdrängte Schlingensief wird in diesem Sinne seinerseits schon vermisst: Er war „zumindest nicht langweilig“. Das System der Kartenzuteilung mit der alle sieben oder auch zwölf Jahre hereinbrechenden Gnade begünstigt bei der Bewertung der Sängerleistungen wohl den autosuggestiven Jubel, stärkt in der Beurteilung der Regie hingegen, in der sich die meisten Besucher eben doch sicherer sind, ein durchaus vernünftiges Anspruchsdenken.

Schon eilen die Gedanken zu den Kartenkontingenten des nächsten Jahres voraus. Hat man mit der den Mitgliedsbeitrag um das Vierfache übertreffenden Spende für die Gesellschaft der Freunde die Verdopplung der Zuweisung in diesem Jahr bewirkt, und lohnt es sich, noch einmal zu erhöhen? Der Schwarzhändler, den man namentlich kennt, hat heute 500 Euro für jede Karte geboten, auch für eine Hörkarte, und mit dem Schein gewedelt. Im Gespräch kam dann heraus, dass er sich bei der Hörkarte wohl doch etwas hätte herausgeben lassen. Während des Gesprächs rief auf dem Handtelefon mehrfach die Kaufwillige an, die wissen wollte, ob sie endlich ihr Auto verlassen könne. Ohne garantierte Karte die Autotür zu öffnen wäre ihr offenbar zu riskant gewesen; die Peinlichkeit einer Begegnung mit Bekannten musste sie vermeiden.

Ein Taschentuch für den letzten Akt

Die Besucher der „Götterdämmerung“ haben wie die Gibichungen nah am Wasser gebaut. Einer erzählt, er habe für den letzten Akt früher immer ein Taschentuch dabei gehabt. Eine andere hat noch am Pfingstmontag pausenlos geheult, im „Tristan“ in der Staatsoper Unter den Linden, als Barenboim ohne Partitur dirigierte, wahrscheinlich wieder, mit der fabelhaften Formulierung von Friedrich Dieckmann über Barenboims Bayreuther „Meistersinger“ 1999, „zunehmend inspiriert“.

Wie sind die Bayreuther Festspiele nun so, nach neun Tagen und sieben Aufführungen? Wie eine Wohngemeinschaft gemäß der Definition von Frank Elstner. Bevor er berühmt wurde, war Günther Jauch einmal zu Gast bei Elstner, der ihn darauf ansprach, dass er als Student in einer Wohngemeinschaft gelebt habe, und ihn aufforderte, das den Zuschauern zu erklären. Da lebe man also mit wildfremden Leuten zusammen? Im Festspielhaus hockt man zwanzig Stunden lang mit wildfremden Leuten aufeinander. Aus der Nähe ergeben sich in Dunkelheit und Hitze Chancen und Risiken der Intimität, die am Tag der Abschiede aber schon in humoristische Distanz rücken. Der Lederhosenträger mit schwarzen Locken und prächtigen Waden, der immer die Damen in der Reihe vor mir erfreute, indem er sich kurz vor dem Verlöschen der Lichter an ihnen vorbeidrückte, hat heute ein langes Beinkleid angelegt und wünscht zum letztenmal viel Vergnügen.

Unansehnliches Bein und Tätowierungen

Solche Enthüllungen werden nicht durchweg als erfreulich erlebt. Dass auch auf Oberschichtdamenschultern Tätowierungen prangen, kann man immerhin als interessante Information verbuchen. Ein Vollbartträger, der darauf hinweist, er sei schon jenseits der Vierzig und halte sich ja auch zurück, nimmt Anstoß an Damen, die unbestrumpfte Beine zur Schau stellen. Neben ihm sitze eine „alte Fregatte“, eine heruntergehungerte Mittsechzigerin, was wolle die denn von ihm? Die Temperatur in Theatern solle zur Förderung des Wollsockenttragens um zwanzig Grad heruntergesetzt werden. Er selbst kühlt noch nicht ab: Wo zuviel unansehnliches Bein gezeigt werde, da werde er eklig, er sei mit seiner Mutter ein eingespieltes Team. Die hat aber keine Karte bekommen, kann sich deshalb auch nicht beteiligen an der Inspektion der offenkundig gelifteten Vorzeigefrauen. Der Begleiter einer knallrot gewandeten, knallrot geschminkten rundum gestrafften Person spricht sich für die Streichung der Waltraute-Erzählung und der Lebenserinnerungen Siegfrieds aus. Er muss ja glauben, durch Wegschneiden lasse sich alles verschönern.

Nur das bekannteste Gesicht unserer tausendachthundertköpfigen Wohngemeinschaft habe ich seit neun Tagen nicht mehr gesehen. Angela Merkel muss noch da sein, wie das Handyfotoblitzgewitter unmittelbar vor jedem Aufzug beweist, sitzt dem Vernehmen nach in Reihe acht. So überzeugt der Tarnhelm.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr 1