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Bayreuther Depeschen (IV) Gefährliche Briefschaften

29.07.2008 ·  Die Markgrafen-Buchhandlung in Bayreuth ist ein Asyl der Literaturliebhaber. An diesem Tag dreht sich auch hier alles um Wagner: von gelockten Gelehrten, schreibenden Tenören und erdichteten Romanzen. Der tägliche Festspielbericht von Patrick Bahners.

Von Patrick Bahners
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Es gibt Siege, über die man nicht froh werden kann. Glücklich, wer sie nicht mehr erleben muss. Cosima Wagner weihte ihr Leben dem Andenken Richard Wagners. Niemand sollte sich vor den Verewigten schieben, sie selbst, die Leiterin der Festspiele, am allerwenigsten. Wenn es nach den Gewaltigen des Insel Verlags gegangen wäre, hieße das Taschenbuch, das Dieter Borchmeyer am Morgen des vierten Festspieltages in der Markgrafen-Buchhandlung vorstellt, nicht „Nietzsche, Cosima, Wagner“, sondern „Cosima, Nietzsche, Wagner“. Die Biographie von Oliver Hilmes ist ein großer Verkaufserfolg, da müsste man noch etwas mitnehmen können. Borchmeyer, eigentlich ein galanter Mann, sah sich zum Widerspruch genötigt. Cosima sei in den Beziehungen der beiden Genies nur das Medium gewesen, eine Art Gralspostbotin. Er musste in seinem Kontrakt nachschlagen, wo der Titel seiner Wahl garantiert war. So weit ist es selbst in den Traditionsverlagen heruntergekommen mit den Autoren: Was sie sind, sind sie nur durch Verträge.

Die Markgrafen-Buchhandlung gegenüber dem Markgräflichen Opernhaus ist ein Asyl der Literaturliebhaber. Zwar werben im Erdgeschoss als Pappkameraden die heutigen Spitzentitelautoren, die nicht fürs Schreiben berühmt sind. Das geht in einer kleinen Stadt nicht anders, wenn ums Eck die Konkurrenz gleich zweier Kettenbuchboutiquen lauert. Aber während der Festspielzeit steht im Schaufenster auch esoterische Sekundärliteratur wie eine Abhandlung über den „Ring des Nibelungen“ im Licht der strukturalen Semantik.

Romantische Tradition

Borchmeyer ist ein Gelehrter, der nicht nur für die Kollegen, sondern auch fürs Volk schreibt. So sieht er auch aus. Der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste verkörpert eine romantische Tradition: Als Literaturprofessor ist er selbst eine literarische Erscheinung. Mit seinen Silberlocken würde er jeden Maikäferbund schmücken, mit seiner glockenhaften Statur hätte er in der Paulskirche zur Unordnung rufen können. Er versteht von allem etwas und stellt, da er gerade dabei ist, noch ein weiteres Buch vor, das ein anderer geschrieben hat, der britische Journalist Jonathan Carr.

„Der Wagner-Clan“ ist ein großer Erfolg, im Verkauf wie bei der Kritik. Wenige Wochen vor den Fespielen ist Carr, der auch als Biograph von Helmut Schmidt hervorgetreten war, verstorben. Seine Witwe Dorothea ist mit Günter Berg, dem Verleger von Hoffmann und Campe, nach Bayreuth gekommen. Sie nutzt die Chance, Missverständnisse zu korrigieren, die durch die Übersetzung entstanden sind. Im englischen Original werde Christian Thielemann keine Romanze mit Katharina Wagner angedichtet, sondern gerade umgekehrt das entsprechende Gerücht als Erdichtung qualifiziert. Ein Ding der Unmöglichkeit, befindet Borchmeyer - der Walser-Fachmann muss als Experte für abseitige erotische Verstrickungen gelten. Widerspruch aus dem Publikum: Bei Wagner sei kein Ding unmöglich! Als Zeitungsente entzaubert Frau Carr die Nachricht, ihr Mann habe sich kurz vor seinem Tod abweichend von seinem Votum im neunzehnten Kapitel des Buches gegen eine Nachfolgerin Wolfgang Wagners aus dem Familienkreis ausgesprochen.

Kenner aller Briefschaften

Allen Verdiensten Carrs zum Trotz wird es wohl keine kritische Carr-Forschung geben, die die Auskünfte der Carr-Witwe so akribisch prüfen wird wie den Nachlass der Frau Cosima - es sei denn, Borchmeyer ginge einmal das Material aus. Er präsentiert sich als Kenner aller auf dem Familienpostweg zwischen den Wagner-Stämmen verlorenen, verlegten oder versteckten Briefschaften und will Wolfgang Wagner schon so manchesmal mit seinen Nachfragen verstimmt haben, weil er nicht glauben wollte, dass jedes mutmaßlich peinliche Dokument in dem Schrank gewesen sein soll, den ein früherer Oberbürgermeister von Bayreuth angeblich aus dem Haus von Cosimas Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain weggeschleppt hat.

Eine annotierte Ausgabe von Briefen René Kollos könnte es durchaus einmal geben. Anders als sein Kollege Dietrich Fischer-Dieskau hat Kollo nicht in Büchern den Beweis geführt, dass er ein denkender Sänger ist. Auf unverbrauchte Mitteilungen dürfte man also gespannt sein, die der Herausgeber Borchmeyer zu großen Teilen aus den eigenen Schubladen fischen würde. Der Sänger und der Professor sind seit fünfundzwanzig Jahren befreundet, deshalb hat Dieter Borchmeyer sein neuestes Buch René Kollo gewidmet, und deshalb steht Kollo heute neben Borchmeyer. 1983 hatte der Germanist sein Buch über das Theater Richard Wagners veröffentlicht, und der Tenor hatte gerade in Bayreuth den Tristan gegeben. In dieser Datierungsfrage kommt es zu einer kurzen Unstimmigkeit zwischen den Freunden, die durch Zuruf aus dem Publikum beseitigt wird: „Doch, Herr Kollo! Ich war dabei.“ Kollo wollte den Verfasser kennenlernen und schrieb ihm einen Brief, den er anfing wie Nietzsche seinen ersten Brief an Wagner. Diesen Brief liest Kollo jetzt vor, den Nietzsches natürlich, nicht seinen eigenen.

Kein musikalischer Spätentwickler

Eines weiblichen Mediums bedarf die Künstlerdenkerfreundschaft offenbar nicht, das Interesse an der Sache genügt. Wenn René Kollo nicht singt, will er immer über Nietzsche reden, hat Hildegard Behrens gesagt - sagt Borchmeyer. Kollo hebt hervor, dass man gerade am Bruch Nietzsches mit Wagner sehe, wieviel er von ihm gelernt habe: Er habe die Abhängigkeit nicht zugeben wollen. Borchmeyer ergänzt die Beispiele zu diesem Leitmotiv. Nietzsches Wagner-Kritik wende Wagners Selbstbild ins Negative, der Adept habe die Selbststilisierungen des Meisters weitergetragen, zu dessen eigenhändiger Künstlerlegende auch fingierte, von Nietzsche für wahrgenommene Selbstvorwürfe gehört hätten. So sei Wagner, anders als von Wagner behauptet und von Nietzsche kolportiert, gar kein musikalischer Spätentwickler gewesen. Auf Nachfrage plädiert Kollo entschieden für die Aufnahme von Wagners Frühwerken ins Programm der Festspiele.

Wie kann man lernen, ohne abhängig zu werden? René Kollo zitiert Thomas Mann: Man dürfe Wagner nicht ernstnehmen, sonst sei man ihm verfallen. Auch diesen Satz, wie Kollo ihn vorbringt, muss man offenkundig ironisch verstehen. Er spricht von seiner Weise, Wagner ernst zu nehmen. In seinen Worten: „Man muss ihn mit Distanz nehmen.“ Der Berliner Kollo, der in seiner trockenen Redeweise an den Grafen Lambsdorff erinnert, spricht Distanz französisch aus, „Distance“. Und diese rhetorische Beglaubigung der mit der Vokabel bezeichneten Haltung klingt alles andere als künstlich.

In einer vorderen Reihe sitzt Tankred Dorst. Während Christoph Marthaler seinen „Tristan“ in fremde Hände gelegt hat, ist Dorst zur Überarbeitung seines „Rings“ ans Festspielhaus zurückgekehrt. Wie sich am Abend im „Rheingold“ zeigt, hat er die Studie über die strukturale Semantik offenbar nicht zu Rate gezogen. Genau wird man das natürlich erst wissen, wenn das Buch - nicht von Dieter Borchmeyer - über die Festspiele des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts erschienen ist. Der Titel steht schon fest: „Katharina, Wolfgang, Wagner“.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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