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Bayreuth-Visionen: Wolfgang Rihm Ich bin für Bayreuth zu groß

28.05.2008 ·  Wir haben bedeutende Protagonisten des Musiklebens befragt: Was würden sie als Leiter der Richard-Wagner-Festspiele ändern? Der Komponist Wolfgang Rihm hält einem Wettstreit der Ideen entgegen, dass Bayreuth letztlich vor allem eines sei: eine Idee.

Von Wolfgang Rihm
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Zu Bayreuth gedacht: Bayreuth ist für mich Wagner. Also: Richard Wagner. Nicht primär: „die Wagners“. Ich möchte mich nicht an einem „Ideenwettbewerb“ für einen Ort beteiligen, der bereits eine Idee ist. Nämlich die Idee Richard Wagners. Dort soll(te) sein - also Richard Wagners - Werk in bestmöglicher Weise immer wieder neu interpretiert werden. Punkt. Das Repertoire ist überschaubar, das Interesse unvermindert groß. Es müsste doch möglich sein, Wagners (= Richards!) Idee so lange zu verwirklichen, bis sie sich aufgelöst hat. Das wird noch lange dauern. Alle anderen Ideen brauchen andere (= eigene) Orte.

Ich war nur ein einziges Mal in Bayreuth. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, genau weiß ich das nicht mehr, erlebte ich dort „Parsifal“. Die Musik gehört zum Wunderbarsten, was es gibt. Viele Menschen, denen ich damals in Bayreuth begegnete, waren kenntnisreich und stark auf die Sache bezogen. Viele andere Menschen waren oberflächlich und hilflos. Aber das ist an anderen Orten ebenso. Mich störte das nicht. Was mich aber störte und nachhaltig meine Bayreuth-Präsenz verhindert, ist die engmensurierte Bestuhlung. Ich bin für Bayreuth einfach zu groß. Aber das wird man dort zu verschmerzen wissen.

Immer wieder Wagner

Ich wünsche Bayreuth also weiterhin fruchtbare Konzentration auf Richard (!) Wagner. Sollte diese Konzentration von Menschen befördert werden, die auch „Wagner“ heißen - wer könnte dagegen etwas einwenden!?

PS: Ich schrieb von „bestmöglicher Weise“ der Interpretation. Natürlich weiß jeder, dass das „verdeckte Orchester“ eigentlich nur bei „Parsifal“ wirklich gut klingt. So habe ich es auch dort gehört. Die kammermusikalische Polyphonie der „Meistersinger“ stelle ich mir mittels verdeckten Orchesters nur höchst mangelhaft darstellbar vor. Aber, wie gesagt: Das weiß jeder. - Im Grunde ist sowieso schon lange alles gesagt. Bis auf das Ungesagte. Und das sind die neuen Werke, die entstehen. Nein, Wagner wäre heute kein Filmregisseur. (Man hört diesen Gemeinplatz - er wäre heute Filmregisseur - etwa so oft wie den: Mozart wäre heute Popsänger.) Der Grund ist einfach: Wagner wollte ein Repertoire schaffen, das sich in stetiger Neuinterpretation immer wieder neu gebiert. Ein Film ist fertig und fix. Das hätte Wagner nicht interessiert. Etwas, das immer gleich bleibt - wie langweilig! Kein Risiko! Aber vielleicht irre ich mich ja.

Wolfgang Rihm wurde 1952 in Karlsruhe geboren. Er zählt zu den bedeutendsten und einflußreichsten Komponisten der Gegenwart. Sein umfangreiches Œuvre umfasst auch zahlreiche Werke für das Musiktheater. 2006 brachte die Bayerische Staatsoper sein Monodram „Das Gehege“ nach einem Text von Botho Strauß zur Uraufführung.

Quelle: F.A.Z.
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