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Bayreuth Hasentheater

20.07.2004 ·  Seltsam: In Bayreuth haben etliche Theaterkritiker die Seite gewechselt. In Hasenkostümen, riesige Silbertablette balancierend, hoppeln sie um einen Wohnwagen herum, dessen Bewohner gerade Wagner inszeniert.

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Es ist zur Zeit ein seltsam komisches Schauspiel zu belachen - um so komischer, als darin keine Schauspieler verwickelt sind. Sondern Theaterkritiker. Mitarbeiter größerer Zeitungen und Magazine.

Nun schreiben Theaterkritiker normalerweise über Aufführungen, die sie gesehen haben. Und machen nicht bei Aufführungen mit. Wobei es durchaus zum kritischen Geschäft gehören kann, aus einer Inszenierung, die sich mächtig aufbläst, die Luft dergestalt herauszulassen, daß man ("Wer kürzer schreibt, hat länger recht") nur zwanzig oder dreißig Zeilen schreibt: Mehr war's nicht wert. Oder auch vierhundert Zeilen: Um so viel mehr wär's wert.

Theaterkritiker zu Bühnenhasen

Dazu aber muß der Kritiker an seinem Platz sein: im Parkett. Er gehört nicht auf die Bühne oder neben das Regiepult oder ins Pressedramaturgenbüro. Er gehört zum Publikum. Aber nun haben sich etliche Kollegen ziemlich theatralisch verkleidet. Und die Seite gewechselt. Und tragen doch tatsächlich Hasenkostüme. Und balancieren auf den Plüschpfoten riesige Silbertablette. So hoppeln sie um einen Wohnwagen herum, der in diesen Wochen auf dem Festspielgelände in Bayreuth aufgestellt ist.

Dort wird normalerweise Oper gespielt (Wagner, nichts als Wagner). Und da hätten sie als Schauspielkritiker eigentlich nichts verloren. Denn normalerweise sind ihnen Noten und Töne Hekuba, und den "Tristan"-Akkord halten sie für einen traurigen Arbeitszeitkonflikt zwischen Gewerkschaft und Intendanz. Nun freilich tritt ein Mensch aus dem Wohnwagen, der offenbar demnächst in Bayreuth eine Wagner-Oper inszenieren wird - eigentlich eine Angelegenheit für die Kollegen Musikkritiker.

Eine glasklare Prophezeiung

Aber der Wohnwagenbewohner wird in seiner Wagner-Inszenierung, sagt er, nebst einer riesigen Kalkwanne, in der, sagt er, ein riesiges nacktes Weib (eine Statistin) liegt, vor allem, sagt er, auf Hasen Wert legen, die er in allen Formen, sagt er, vor allem, sagt er, in Verwesungsform vorkommen lassen will. Deswegen die Hasenkostüme der Kollegen Theaterkritiker, die einmal in ihrem Leben nicht nur über Theater schreiben, sondern im Theater mitmachen wollen. Also servieren sie dem Theatermacher, der davon lebt, daß nicht über seine Aufführungen berichtet wird, sondern über das, was er für seine Aufführungen ankündigt, die Fragen im voraus, die schon Teil seiner Inszenierung sind.

Und diese servieren sie ihm auf dem Silbertablett in Form eines Hasenballetts in vorauseilendem journalistischem Gehorsam. Der Kollege von der "Frankfurter Rundschau" dienert denn auch gleich: "Die Figur des Hasen soll da für Ihre Inszenierung zentral sein." Der Kollege vom Berliner "Tagesspiegel" kommt demütig mit einem einzigen Wort aus: "Aha." Der Kollege von der "Welt" aber versteigt sich: "Der Widerspruch zwischen Sein und Scheinen ist bei (folgt der Name des Wohnwagenbewohners) schon in seiner naturgegebenen Optik angelegt." Der naturgegebene Schmock-Tick der Vorberichterstattung wird nur noch vom Kollegen vom "Spiegel" übertroffen, der glasklar prophezeien darf: "Am Sonntag ist Premiere." Wenn nun aber die Kollegen Musikkritiker dann im Parkett sitzen und über ihren zwanzig, dreißig Zeilen brüten und die vielen Hasen auf der Bühne sehen werden, sollten sie genau hinschauen: Die süßesten darunter sind die Kollegen Theaterkritiker.

Quelle: G.St., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2004, Nr. 166 / Seite 31
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