Home
http://www.faz.net/-gs3-1351f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayreuth Eine Brünnhilde mit lyrischer Schlagseite

29.07.2009 ·  Durchwachsene Sängerleistungen, doch ein energiegeladenes Dirigat, das den Schluss des ersten Aktes förmlich explodieren lässt: „Rheingold“ und „Walküre“ als Wiederaufnahmen bei den Bayreuther Festspielen.

Von Christian Wildhagen
Artikel Video (1) Lesermeinungen (2)

Seine Dramen definierte Richard Wagner einst als „ersichtlich gewordene Taten der Musik“. Das Wunder einer solchen Weltschöpfung aus dem Klang ist wohl an keinem Ort so eindrucksvoll nachzuerleben wie im Bayreuther Festspielhaus. Wagners Dramen in seinem eigenen Theaterbau und der von ihm geschaffenen Akustik hören zu können macht fraglos den ungebrochenen Zauber dieses eigentümlichen Kult-Ortes tief in der fränkischen Provinz aus. Die notwendige Bewahrung ebendieser äußeren Bedingungen führt jedoch dazu, dass Erneuerung und Fortschritt, von Wagner selbst so vehement gefordert, hier kaum auf musikalischem Gebiet, allenfalls im sängerischen Bereich, am ehesten aber bei Szenerie und Regie Platz greifen können – und müssen.

Dass es hiermit in den vergangenen Jahren, trotz einiger Perlen, nicht zum Besten stand, ist kein Geheimnis; ebensowenig, dass Bayreuth auch auf vokalem Gebiet längst jene Vorbildfunktion eingebüßt hat, die es noch bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein beanspruchen konnte. Insofern bereitete die nunmehr dritte Wiederaufnahme von Tankred Dorsts 2006 entstandener „Ring“-Inszenierung bislang kaum Überraschungen. Und bei Besetzungen, die gegenüber dem Vorjahr nur in wenigen Rollen verändert wurden, waren Quantensprünge ohnehin nicht zu erwarten. So bekommt es das leidgeprüfte Ohr auch an diesen ersten beiden Abenden einmal mehr mit allerhand notorischen Unsitten des Wagner-Gesangs zu tun. Die in der Auseinandersetzung um die neue Festivalleitung gleich von mehreren Parteien ins Spiel gebrachte Idee einer Sänger-Akademie könnte hier Wunder wirken.

Zu laut, zu undeutlich

Generell wird auch bei diesem „Ring“-Durchgang wieder vielfach zu laut und wenig textdeutlich gesungen; nur wenige Sänger wissen die Segnungen der Bayreuther Akustik für leise Töne und eine textgetragene Artikulation zu nutzen. Wie das im Idealfall klingen kann, demonstrierte Mihoko Fujimura bei ihrem kurzen Auftritt als Erda im „Rheingold“; aber auch Arnold Bezuyen zeigte nach nervösem Beginn, dass man den Feuergott Loge nicht nur pointiert spielen, sondern auch geradezu belcantohaft („Weibes Wonne und Wert“) gestalten kann. Umso mehr stachen die Vokalverfärbungen beim Alberich von Andrew Shore und die fast tonlose Konsonantenspuckerei von Wolfgang Schmidts Mime heraus. Kwangchul Youn bewies als Fasolt, mehr noch aber als Hunding, wie man charakteristisches, textnahes Singen mit schöner Tongebung verbinden kann.

Ragte Albert Dohmen als Obergott Wotan im „Rheingold“ kaum aus der ohnedies blassen, aber rollendeckenden Schar seiner Mitgötter heraus, so machte sich das Kräftesparen für die „Walküre“ bezahlt: Mit erfreulich wenig konditionellen Problemen überstand seine eher unheldische Stimme die Gewaltakte des zweiten und dritten Aufzugs, und Dohmen mobilisierte sogar noch letzte Reserven für einen eindringlichen Abschied. Linda Watson stand ihm als souveräne, in der Deklamation mitunter nachlässige, aber intensiv spielende Brünnhilde zur Seite. Ihre Welt ist nicht so sehr die extreme Höhenlage des „Hojotoho!“; farbig und anrührend klingt ihre Stimme vor allem in lyrischen Passagen, etwa in der „Todesverkündigung“.

Mit dem erfahrenen Endrik Wottrich und Eva-Maria Westbroek als hingebungsvoller Sieglinde besitzt die Aufführung ein starkes Wälsungenpaar, dem man die langsam erwachende Zuneigung ebenso abnimmt wie das unendliche Leid des zweiten Aktes. Auch Wottrich und Westbroek könnten ihre lyrischen Ansätze noch ausbauen, das eine oder andere Piano mehr wagen; im Ganzen aber sind sie fraglos die verdienten Sympathieträger der Aufführung. Zu diesem Eindruck trägt auch das energiegeladene Dirigat von Christian Thielemann bei, der den Schluss des ersten „Walküre“-Aktes vor entfesselter Euphorie förmlich explodieren lässt. Schon im „Rheingold“ beeindruckte die interpretatorische Weitsicht, mit der Thielemann ganze Szenenfolgen überspannt. Feinste Zäsuren, eine ausgefeilte Agogik und eine alle Unwägbarkeiten des Bayreuther Grabens souverän meisternde Klangregie machen seine Interpretation zur tragenden Komponente dieser ersten beiden diesjährigen „Ring“-Abende.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 34