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Bayreuth 2005 Wagner für alle

 ·  Keine alte Wagnerwäsche, die es bücherweise auszubreiten gälte, kein Barbie-Alarm oder Zickenkrieg: Verdächtig ruhig ist es vor Beginn der Bayreuther Festspiele am Montag. Es gibt aber wieder einen echten Grund, nach Bayreuth zu fahren.

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Es gibt kein Heiaha-Hojotoho in Bayreuth. Don't worry, alles okay, das ist nur Routine in diesem „Ring“-freien Jahr.

So etwas kommt in dem von Stadt, Land und Bund ausreichend subventionierten Familientheater im Fränkischen in unregelmäßigen Abständen vor, immer dann, wenn der eine „Ring“ (Flimms) bereits abgespielt und der nächste (der von Dorst) noch in Arbeit ist. Es gab aber diesmal auch nicht das übliche Halli und Hallo vor Bayreuth oder um Bayreuth herum.

Keine alte Wagnerwäsche, die es bücherweise auszubreiten gälte, keine Breker-Büste, die im Park auf- oder abgebaut werden müßte, keine beleidigten Tanten oder Nichten, keinen Barbie-Alarm oder Zickenkrieg, keine Enthüllungen, Hausverbote, Bruder- oder Cousinenrufmorde, kurzum: Nicht die winzigste Sau ließ sich diesmal zwecks Vorberichterstattung durchs erregte Wagnerianerdorf jagen, ja, nicht mal ein toter, verwesender Hase.

Ich sehe in Shorts nicht gut aus

Sogar dem „Spiegel“ fiel nichts Bösartiges mehr ein. So druckte man auf hinteren Seiten ein Kurzinterview mit dem japanischen Bayreuth-Debütanten Eiji Oue ab, der zur Festspieleröffnung am kommenden Montag „Tristan und Isolde“ in Marthalers Neuinszenierung dirigieren soll und zu Protokoll gab, daß in diesem Stück die Gefühle „bis an die Grenze gehen“ und daß er persönlich, anders als weiland Jimmy Levine, im Graben lange Hosen trage, denn: „Ich sehe in Shorts nicht gut aus.“

Wer dies lesen muß, den sehret die Sorge. Das eine wußte man, das andere will man nicht wissen. Es ist zum Haarausraufen. Auch die neue Rororo-Monographie von Brigitte Hamann über „Die Familie Wagner“ kann da keine echte Abhilfe schaffen: Sie weiß nichts Neues, erst recht nicht, was wird, listet dafür kühl und lückenlos noch einmal die Chronik eines von Generation zu Generation fortschreitenden Ideenniedergangs auf. Der reicht bis hin zur jüngsten Urenkelin Katharina, die sich von einer vor drei Jahren als Wunderkur zur Wiederbelebung dargereichten, blitzblonden Revoluzzerin mit rundem Grübchenkinn rasch weiterentwickelte zur vierkantig konturierten Haustochter vom Dienst, eingestellt zur Verteidigung des Status quo.

Man ist halt dabeigewesen

Der Schwund der künstlerischen Substanz bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth ließ sich so lange hinnehmen, wie die Aura der Einmaligkeit noch medialen Glanz abstrahlte und es um die heilige Familie sowie den authentischen, historischen Ort entsprechend rummelte. Wer sieben Jahre auf seine Bayreuth-Karten wartet, der nimmt auch in Kauf, daß er musikalisch Durchschnittliches, sängerisch oft Unterdurchschnittliches hören und die szenische Langeweile hart absitzen muß. Man ist halt wieder dabeigewesen, man kann mitmeckern auf Niveau. Außerdem: Die Bratwürste springen wieder. Und Stoiber, Merkel und Gottschalk kommen auch.

Wie lange diese Wagnerpilgertradition aus aller Welt noch anhalten wird, wenn es am Ende gar keine Schlagzeilen mehr gibt außer im „Nordbayrischen Kurier“ und infolgedessen auch der Promi-Faktor sinkt, steht dahin. Wenn die Wagner-Familie mit ihrem schmucken Theaterchen in der dritten Generation nach Richard das Ganze zu einer allenfalls provinziellen Attraktion herunterwirtschaften sollte, ähnlich, wie es schon den Ohnsorgs in Hamburg und den Millowitschs in Köln widerfuhr, dann ist das Spiel eines Tages aus. Wagners Werk wird's überleben. Denn Wagner wird weitergespielt, anderswo.

Wer kann, fährt nach Erl

Die Argumente sind ausgetauscht, es kommen nun keine besseren mehr hinzu. Unlängst klagte sogar schon die „Financial Times“ über die fortschreitende Verkalkung („artistic sclerosis“) eines Festspielbetriebs, der seit 1966 von Alleinherrscher Wolfgang Wagner mit jovialem Witz, aber auch gußeiserner Hand sowie ausgeprägten persönlichen Idiosynkrasien regiert wird, mit dem Ergebnis, daß es im vorigen Jahr den sängerisch haushoch überlegenen „Parsifal“ bei der Konkurrenz in Baden-Baden zu hören gab und in diesem Jahr die mit Sicherheit musikalisch aufregendere „Tristan“-Produktion (mit Placido Domingo) von der Plattenfirma EMI nachgeliefert wird.

Wer kann, fährt sowieso vorher noch rasch nach Erl, wo Gustav Kuhn seit ein paar Jahren sein Ersatz-Bayreuth präsentiert. Und auch von einer szenischen Werkstatt kann schon lange keine Rede mehr sein, da haben die Stadttheater das Heft des Handelns übernommen. Kleinere Häuser (wie zuletzt Meiningen, demnächst Weimar) wagen sich an den ganzen „Ring“, auch beim Festival in Bergen und in Aix sollen „Ringe“ geschmiedet werden, und die eigensinnigste aller derzeit kursierenden „Ring“-Inszenierungen (von Schlömer, Nel, Wieler und Konwitschny) wird im September zum letzten Mal in Stuttgart gezeigt.

Wagner für alle

Wem das zu weit oder aber zu gewagt ist, der kann dann vom 7. August an ins Kino um die Ecke gehen, wo die Firma Universal noch einmal den legendären Bayreuther Chereau-„Ring“ zeigt, frei nach dem Motto „Wagner für alle“ im „Ring“-freien Jahr: alle vier Abende nacheinander in fünfundzwanzig deutschen Städten, von Neubrandenburg bis nach Aschaffenburg. Das ist großartig; allerdings bleibt einzuwenden, daß das Hojotojo aus der Konserve kommt und die schönste Surround-Anlage die Bayreuther Akustik nicht ersetzen kann.

Es gibt also doch einen letzten wahren und echten Grund, warum man in diesem Jahr wieder nach Bayreuth fahren muß: die direkt gerichtete, trennscharf klare, unübertroffene und offenbar unkopierbare Akustik des Festspielhauses mit seinem verdeckten Graben. Man wird das Gefühl nicht los, daß sich für diese einmalige Örtlichkeit, die Stammvater Richard einst ersann, weil er einen adäquaten Schutzraum für das Kunstwerk der Zukunft schaffen wollte, doch eines Tages wieder Verwendung finden ließe.

Quelle: F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169 / Seite 37
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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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