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Bayerisches Staatsschausspiel Großartige Schmerzensstudien

12.07.2010 ·  Gerhart Hauptmanns Trauerspiel „Rose Bernd“ überzeugt durch unaufgesetzte Intensität und unaufdringliche Authentizität, was Regisseur Enrico Lübbe vor allem seiner zarten wie harten Titeldarstellerin Lucy Wirth zu verdanken hat.

Von Teresa Grenzmann
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Wird es dem Schmerz im Herzen zu eng, wandert er schnurstracks zur Kehle und drückt fest zu. Er trennt Rumpf von Kopf, Gefühl von Verstand und lässt beide ohnmächtig taumeln. Gelingt dies nicht, wie bei Rose Bernd, wird es noch qualvoller: Sie wehrt sich gegen ihren eigenen Schmerz, und deshalb würgt dieser sie - eineinhalb Stunden lang. So lange dauert das ergreifende Erlebnis des selten gespielten schlesischen Trauerspiels "Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann am Bayerischen Staatsschauspiel. Das Stück hatte Hauptmann 1903 nach einem wahren Gerichtsfall um eine junge Kindsmörderin, bei dem er selbst als Geschworener auf Freispruch plädierte, in kürzester Zeit niedergeschrieben.

Seine unaufgesetzte Intensität und unaufdringliche Authentizität hat der düster fließende Abend von Regisseur Enrico Lübbe vor allem seiner zarten wie harten Titeldarstellerin zu verdanken: Lucy Wirth, kaum älter als die zweiundzwanzig Jahre alte Rose im Stück, changiert ungeschminkt vom fröhlich-naiven Lachen eines Bauernmädchens in derben Gummistiefeln und verführerischem Blümchenkleid zum markerschütternd stummen Schrei einer im patriarchalischen Dorfsystem gelynchten Frau, welche die Last ihrer Schuld bereits mit sich schleift, noch ehe sie die Sünde begangen hat. So finden Lübbe und sein Bühnenbildner Hugo Gretler für Roses ersten und letzten Auftritt fast identische, in naturalistischer Verneinung wunderbar puristische Trostlosigkeitsszenarien an Sickerwassersound, am Ende nur um das Mitwissen des Zuschauers verschärft.

Abend der psychischen, nicht der physischen Schmerzen

Düsternis, dann ein gellender Schrei: Auf allen Vieren kriecht Rose Bernd über die Ebenenkante und schliddert abwärts. Dabei wirft sie ein Dutzend Eimer um, die ihren Inhalt als dreckigen Laufsteg vor ihr ausbreiten, vermischt mit einigen Kirschen, die als Symbole für die verlorene Unschuld wie blutrote Tränen Richtung Abflussrinne kullern. Über ihr im Gegenlicht zeichnen sich nun die dunklen Silhouetten der übrigen Dorfbewohner ab, grenzen Rose zu einer Sündenbock-Gestalt aus, die an Lars von Triers beklemmendes episch-theatrales "Dogville"-Dogma erinnert.

Dies ist ein Abend der psychischen, nicht der physischen Schmerzen - und es sind großartige Schmerzensstudien, die der Regisseur und sein Ensemble darin finden: Christoph Flamm, den Rose im Drama aufrichtig zu lieben scheint, spielt im Residenztheater Dirk Ossig als gierigen Draufgänger, den sein genuscheltes Hochdeutsch auch nicht gebildeter erscheinen lässt. Flamms Frau sitzt bei Lübbe nicht als alte, kranke Gattin im Rollstuhl, sondern besitzt als frische, fesche Schönheit allein das falsche Geschlecht, um ihre Hausberge versetzen zu können. Den Moment ihres großen Schmerzes - als sie erkennt, dass Flamm nicht mit ihr, sondern mit Rose ein Kind gezeugt hat - verzaubert Juliane Köhler in ein berührendes minutenlanges Ringen um Fassung. Als sie diese Nachricht Roses Bräutigam, dem kreuzbraven August, überbringt, ist es Thomas Gräßle, der ein herzzerreißendes Bild von einem gepeinigten Bündel Mensch abgibt.

Der dritte Mann, vor dem Rose in die Selbstisolation flieht, ist Marcus Calvins Streckmann, ein grober Narzisst, der sie vergewaltigt und erpresst und ihr die Schuld als rote Kirschen mitten auf den Mund drückt. Aus Scham leistet sie einen Meineid und nimmt ihrem Kind sofort nach der Geburt das Leben. Doch Lucy Wirth treibt ihre Rose immer wieder voran, zwingt sie, in wilder, instinktiver Entschlossenheit Wirbel für Wirbel aufzustehen, wenn es längst nicht mehr geht. Schließlich legt sie ihren Kopf weit in den Nacken und presst aus ihrer Tiefe einen gequälten Schrei: die Geburt des Schmerzes aus der Kehle. Und man wird das Gefühl nicht los, dass diese Rose Bernd ihren Kampf durch Dreck und Kirschen - trotz aller Verluste - gewonnen hat.

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