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Bayerisches Staatsballett : Lasst uns Schritte diskutieren, nicht den Vietnam-Krieg

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Technik unbestechlich, Ausstrahlung magisch: das Bayerische Staatsballett Bild: Wilfried Hösl

Ultrascharf: Igor Zelensky führt das runderneuerte Bayerische Staatsballett mit George Balanchines „Jewels“ zu neuer Brillanz . Was soll da das Gerede über unpolitische Kunst?

          November 2018: Kontext ist alles, Content nichts. Es ist beim augenblicklichen Stand und Niveau gesellschaftlicher Debatten möglich, nahezu jedes Kunstwerk mit genderpolitischen Aussagen hoch- oder runterzuargumentieren. Interessanterweise ist es im Tanz nicht der falsche Blick auf Frauen, den man den Balletten etwa von George Balanchine (1904 bis 1983) bislang vorwirft, aber wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Abrechnung auch auf dem Genderfeld erfolgt. Irgendwann kommt jemand darauf, dass die New Yorker Ballerinen zu Balanchines Leb- und Schaffenszeiten gar nicht so frei, selbstbewusst, unabhängig und glücklich gewesen sein können, wie sie in seinen Balletten auf der Bühne aussahen.

          Wen wird es dann kümmern, dass sein Biograph Bernard Taper dem größten klassischen Choreographen des zwanzigsten Jahrhunderts bescheinigt, er habe sein Ensemble vollkommen frei von Tyrannei geführt und den Tänzern zwar viel und intensiv geraten, dies oder jenes zu tun, hingegen von Befehlen oder Sanktionen, wie er sie selbst während seiner Ausbildung und Karriere erduldete, vollkommen abgesehen. Einstweilen begnügt man sich damit, ihm, dem Begründer des New York City Ballet, ihm, dem einstigen Eleven der kaiserlichen Ballettschule des Zaren, der das Ballett ins zwanzigste Jahrhundert und in die Neue Welt katapultierte, in eine Welt wohlgemerkt, die bis dahin keinen Tanz außer den barfüßigen von Isadora Duncan oder Martha Graham kannte, ästhetische Rückwärtsgewandtheit zu attestieren.

          Die Vergangenheit der Künste zu studieren, sie und ihre womöglich auch jahrhundertealten Meisterwerke in zeitgenössischer Ausdrucksweise zu spiegeln, ihre Maßstäbe setzenden Ergebnisse in Form aktueller Kunst zu diskutieren, das scheint kein legitimes ästhetisches Verfahren mehr zu sein. Statt im Detail die Entwicklung einer Sprache zu analysieren, wird reflexhaft reagiert: „Nichts als eine dreifache Verbeugung vor Vergangenheit und Tradition des Fachs“ sei das jetzt in München zur Premiere beim Bayerischen Staatsballett gelangte, 1967 uraufgeführte dreiteilige Ballett „Jewels“ von George Balanchine, so schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Das Ballett habe sich zum politischen Zeitgeschehen der sechziger Jahre nicht verhalten, so der Vorwurf, es sei „eskapistisch“, und das, obwohl es zur Zeit von Vietnam-Krieg und Rassenunruhen entstanden sei. „Jewels“ „huldigt nostalgisch den Insignien der Monarchie“, haha, und jetzt kommt’s: „den Juwelen, für die eine Marie Antoinette den Hunger des Volkes in Kauf nahm“.

          Das ist wirklich lustig. Erstens befand sich Balanchine 1967 in bester Gesellschaft, indem er kein Antikriegsballett oder Antirassendiskriminierungsballett schuf, mit Barnett Newman etwa, der mit „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue“ auch kein Antikriegsbild malte, oder mit Jacques Derrida, der ebenfalls kein Pamphlet veröffentlichte, sondern Philosophie, oder mit Samuel Beckett, der in jenem Jahr in Berlin das „Endspiel“ inszenierte.

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