Seit im Vatikan die Raben fliegen, werden die unerhörten Begebenheiten rund um den Papst immer unerhörter. Nichts ist, was es scheint - diese dem Katholizismus eigentlich vertraute transzendentale Sicht der Dinge hat plötzlich eine paranoide Pointe bekommen: Wer fliegt als Nächster auf? Hinter jedem Mann kann ein Hintermann stecken, hinter diesem wiederum ein Hinterhintermann. Wo endet die Leutseligkeit, wo beginnt die Tarnung?
Der sich unaufhaltsam entspinnende Verdacht etabliert eine paradoxe Kommunikation, in der sich die Schwierigkeiten der Feindbestimmung spiegeln. Steht der Feind also zum Beispiel in der Redaktion der Satirezeitschrift „Titanic“, die sich mit ihrem jüngsten Papst-Cover als Spaßpostille für Grundschüler empfiehlt? Oder sitzt der Feind nicht eher in der Zentrale der Deutschen Bischofskonferenz, die dem Vatikan empfahl, gegen dieses Cover gerichtlich vorzugehen, und damit erst die Aufmerksamkeit schürte, die jedermann hätte vorhersagen können, wenn es einem unfassbar schlecht beratenen Papst tatsächlich einmal einfällt, ein Satireblatt vom Markt zu klagen, wie nun sage und schreibe zum ersten Mal in der Kirchen- und Mediengeschichte geschehen?
Ein großes musikpolitisches Ereignis
Und selbst in seinem Urlaubsort Castel Gandolfo nahe Rom, im Hof des dortigen Apostolischen Palastes hoch über dem Albaner See, zuhausiger geht’s nimmer für Benedikt XVI. - selbst dort traut sich seit vorgestern niemand mehr, Freund und Feind noch zuverlässig, also nach den bisher geltenden Regeln der Hofhierarchie, unterscheiden zu können.
Daniel Barenboim war mit seinem West-Eastern Divan Orchestra geladen, Beethovens fünfte und sechste Sinfonie zu spielen. Ein musikpolitisches Ereignis erster Ordnung, wurde hier doch der Utopie einer israelisch-palästinensischen Verständigung, der sich Barenboim in bewundernswerter Weise widmet, neue Schubkraft gegeben. So schien auch Benedikt XVI. seine Einladung an den Dirigenten verstehen zu wollen: als eine ausdrückliche Unterstützung des Heiligen Stuhls für Barenboims Friedensprojekt. Dessen Wurzeln gehen auf das Jahr 1999 zurück, als Barenboim und der inzwischen verstorbene Literaturwissenschaftler Edward Said ein Forum für junge Juden, Muslime und Christen gründeten, aus dem dann ein Orchester hervorwuchs, zu dem derzeit Musiker aus Israel, Palästina, Syrien, Jordanien, Ägypten, Libanon, Algerien, Tunesien, Iran, Türkei und Spanien gehören. Feiert Benedikt in Castel Gandolfo etwa ein musikalisches Assisi? Das legendäre, unter diesem Namen bekannt gewordene Treffen seines Vorgängers Johannes
Ein interreligiöser Verständigungsappell
PaulII. mit Führern anderer Religionen war Joseph Ratzinger seinerzeit überhaupt nicht lieb; der Wahrheitsanspruch des Christentums schien ihm darunter zu leiden. Seitdem hat Benedikt seine Kampfvokabel des Relativismus vielfältig relativiert und den Dialog der Religionen als ein vorrangiges Ziel seines Pontifikats markiert. Wobei die Tendenz, einen einheitlichen Vernunftbegriff für die Wahrheit seiner Religion zu vereinnahmen, etwas Unmelodiöses behalten hat. Wie klingt es aber, einen Gottesbeweis aus der Musik zu führen? Eine Probe darauf lieferte der Papst bei seiner kurzen Ansprache im Anschluss an Barenboims Konzert. Hier interpretierte er Beethovens Musik als quasi naturrechtliche Melodie, in der die Schöpfung für alle Menschen verständlich zu singen beginnt.
Flugs war da der Musik als Universalsprache die Offenbarung des Göttlichen eingeschrieben, und von dieser päpstlich-romantischen Interpretation her las sich Barenboims Motto „Beethoven für alle“ wie von allein als interreligiöser Verständigungsappell an Juden, Muslime und Christen. Der Dirigent selbst erklärt das einzigartige Unternehmen seines West-Eastern Divan Orchestra so: „Ich kann die Welt nicht ändern. Wir zeigen, dass unsere Musiker gelernt haben, die Erzählungen der jeweils anderen zu akzeptieren, ohne damit einverstanden sein zu müssen - und dann dennoch zu kooperieren. Die Musiker sitzen am gleichen Pult und versuchen, den gleichen Ton gleich laut, gleich lang zu spielen. Gleich, gleich, gleich. Dazu hat kein Israeli, kein Palästinenser die Möglichkeit - es sei denn, er ist Musiker.“
Der Papst schien an dieser Beschreibung auch aus dogmatischen Gründen Gefallen zu finden, konnte hier doch die Musik als anthropologischer Platzhalter der Religion ausgelegt werden. Auf einmal stand die Frage im Konzerthof: Kann das Christentum seine Begründungslast womöglich mit Beethoven teilen? Das wäre zweifellos eine veritable apologetische Entlastung. Die Handvoll Kardinäle, die in schwarzen Limousinen aus Rom ins luftige Castel Gandolfo vorgefahren war, nahm die päpstliche Deutung aufmerksam zur Kenntnis, wobei die Gesten der Zustimmung einem Dominoeffekt zu gehorchen schienen, insofern, als man zu nicken bereit war genau in dem Maße, wie der hoch aufgeschossene Kardinal Bertone im Publikum den Takt vorgab, jener zweitmächtigste Mann im Vatikan, der als Kristallisationsfigur der aktuellen Verwerfungen gilt und mit dem es sich jedenfalls im Augenblick kein Würdenträger auf offener Bühne verderben möchte.
Einladungspolitik mit Überraschungen
Von derlei Hackordnungen zeigte sich Klaus Wowereit in seinem säkularen Format naturgemäß unbeeindruckt. Berlins Regierender Bürgermeister wohnte schon lange vor Beginn des Konzerts am Eingang des Apostolischen Palastes dem Aufmarsch der Gäste bei, darunter auch eine stattliche Anzahl bekannter Gesichter aus Berlin, von denen man zum Teil lange nichts mehr gehört hatte: angefangen von Helmut Kohls Medienmann Andreas Fritzenkötter bis hin zum früheren stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steeg.
Deren Liebe zu Barenboim machte vor vatikanischen Gemäuern nicht halt, und die Wowereitsche Beschwingtheit traf überraschend gut den Nerv der ganzen Szene, in der kaum ein Gast mit der Anwesenheit des jeweils anderen Gastes gerechnet zu haben schien und es deshalb vor und nach dem Konzert viele Mutmaßungen gab um die klandestine Einladungspolitik, die dem Ereignis zugrunde gelegen haben mag und welche hälftig aufgeteilt worden war zwischen der Barenboim-Stifung und dem Vatikan.
Michael Naumann wirkte behende am Knotenpunkt. Als designierter Gründungsdirektor der 2015 ihren Betrieb aufnehmenden Barenboim-Akademie bereitete er in Castel Gandolfo auf dieses neue Projekt des Dirigenten vor, das im Magazin der Berliner Staatsoper angesiedelt werden und aus der Sommerarbeit des Orchesters eine ganzjährige Nachwuchsförderung machen soll. Unter Naumanns leichter Regie stimulierte Beethoven in Rom die Spendenbereitschaft für Berlin.
Der Projektion des Papstes fehlt das Gesicht
So bot der Papst an diesem Nachmittag eine Bühne für manche gute Werke, nur er selbst konnte sich der Loyalität im eigenen Haus wieder einmal nicht sicher sein. Die Sabotage geschah am Großbildschirm. Dort, im Innenhof des Apostolischen Palastes, sollte Benedikt in Nahaufnahme erscheinen, weil er für die meisten im Publikum ja nicht sichtbar war. Minutenlang verdeckte ein großes schwarzes Quadrat ganz oder teilweise das Gesicht des Papstes auf dem Bildschirm - ein technischer Defekt der Leinwand, welcher vom vatikanischen Aufnahmeteam jedoch eisern ignoriert wurde, so dass sich Benedikt zur tragischen Figur ohne Gesicht verwandelte, ohne dass ihm jemand aus seinem Team zur Seite sprang. Seine gesamte Rede nach dem Konzert musste der Papst in diesem misslichen halbgeschwärzten Zustand halten.
Das ist eigentlich ein unglaublicher Vorgang, zumal er von den Verantwortlichen mit Schweigen übergangen wurde, bevor man dann irgendwann die Leinwand einfach ausschaltete. Niemand glaubt an Vorsatz, aber es passt doch ins Bild einer liederlich agierenden Hofmaschinerie. Dass hinter den geschlossenen Fensterläden zum Publikum hin während des Konzerts laut geschwatzt wurde, als gingen den Rest des Palastes die Gäste seines Hausherrn nichts an, machte ebenfalls keinen guten Eindruck. Ein besonders exponiert stehender Sicherheitsmann gähnte für alle sichtbar immer wieder ins kulturelle Ereignis hinein. Und solcher Merkwürdigkeiten mehr. Eingesunken zwischen seinen Leuten sitzend, lässt sich der Papst von Beethoven gefangen nehmen. Nichts ist, was es scheint.
Hoppla !
Heinz Fromm (gast007)
- 13.07.2012, 11:44 Uhr
Zum Thema WAHRHEIT, ewige
Robert Rheinert (Mahlerianer)
- 13.07.2012, 10:56 Uhr
Wahrheit.....nichts als die reine Wahrheit......
Hans Schmitz (Haschmi123)
- 13.07.2012, 07:27 Uhr
Euphemismus für Müdigkeit
Kai Kraushaar (McKittchnique)
- 12.07.2012, 19:21 Uhr