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Barenboim spielt Chopin Grazie mit haarigen Bocksbeinen

08.03.2010 ·  Daniel Barenboim ist als Dirigent und Völkerverständiger international in Anspruch genommen. Jetzt gab er in Berlin einen seiner selten gewordenen Soloabende als Pianist - eine große Hommage an den Jahresjubilar Frédéric Chopin.

Von Jan Brachmann
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Gewitterstunden konnte erleben, wer bei Frédéric Chopin Klavierunterricht nahm. Der zierliche Komponist, der sich selbst als Mann ohne Muskeln beschrieb, geriet über verständnislose Grobiane am Flügel so in Wut, dass er Bleistifte zerbrach und Stühle umwarf. Doch wenn jemand sein Ideal des mattschimmernden Tons und der sprechend belebten Gesanglichkeit traf, flüsterte Chopin: „Wie gut, mein Engel!“ Das kam einer Seligsprechung gleich.

Nachdem Daniel Barenboim am Sonntagnachmittag in der Berliner Philharmonie das Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2 gespielt hatte, wäre Chopins Ausruf eine angemessene Reaktion gewesen. Im diskretesten Halbschatten flimmerten die Sextolen der linken Hand wie Lichtflecken der Sommersonne unter einem Baum. Die Melodie rechts konnte in einer Lautstärke einsetzen, wo das Klavier wie auch die menschliche Stimme über die reichsten Nuancen verfügt: im Mezzopiano. Und dann das Erstaunliche: Trotz der Verstärkung der Melodie durch Doppelgriffe wurde Barenboim noch leiser.

Verzögerungen hörte man, die mit ausdrucksvoll bewegtem Atem ebenso zu tun hatten wie mit harmonisch überraschenden Varianten. Was für ein Delicatissimo, wenn die vorgezogenen Betonungen der Gesangslinie beantwortet wurden durch ein plötzliches Leiserwerden der linken Hand und die Melodienote dabei bebend ihre harmonische Funktion und ihre Farbe änderte!

Der weltbekannte Dirigent und Konzertpianist Daniel Barenboim stellt seine Kunst in den Dienst des Nahost-Friedens. In Kairo dirigierte der israelisch-argentinische Chef der Berliner Staatsoper Unter den Linden Beethovens Fünfte - mit arabischen Musikern. 30 Jahre nach dem Frieden von Camp David will Barenboim auch den kulturellen Austausch zwischen Israel und Ägypten in Gang bringen.

Dynamik im mikroskopischen Bereich

Barenboim, durch weltweites Dirigieren und Völkerverständigen arg beansprucht, gibt nur noch selten Klavierabende. Dieser hier war ausschließlich dem Jahresjubilar Chopin gewidmet und begann mit einer Rarität: den Variationen op. 12 über die Ariette „Je vends des scapulaires“ aus der Oper „Ludovic“ von Ferdinand Hérold und Jacques Fromental Halévy. Gerade dieses Stück im sogenannten „style brillant“, einer Synthese aus instrumentaler Virtuosität und vokalem Schmelz, ließ Barenboims Begabung für Chopin besonders hervortreten. Als erfahrener Operndirigent besitzt er orchestrale Phantasie im Umgang mit dem Klavier, und zugleich versteht er etwas von der menschlichen Stimme.

Chopin selbst empfahl allen seinen Schülern, Gesangsunterricht zu nehmen - er selbst war von Sängerinnen zeitlebens fasziniert. Barenboim nun tupfte manche Fiorituren ohne Pedal im leichten Portato dahin wie ein Geiger, der mit dem Bogen auf die Saiten klopft. Kantablere Phrasen wiederum folgten den Erregungskurven szenischer Rede, um dann in seufzendem Legato zu verdämmern. Durchweg wurde das linke Pedal zur Deckung des Klangs benutzt, was die Dynamik in den mikroskopischen Bereich hinein öffnete.

Grobe Missgriffe

Chopins Musik allerdings verlangt nicht nur Delikatesse und Diskretion, sondern auch Schneid und Brillanz. Dieser sportlichen Seite des Klavierspiels kann man nur durch ein tägliches Trainingspensum genügen, wie es Barenboim wohl kaum noch zur Verfügung steht. Man muss sich dazu halt mindestens ein paar Monate lang allein auf das Klavierspiel konzentrieren. Zwar ist Barenboims Linke, durch die chromatischen Rasereien im Eingangssatz der h-Moll-Sonate wie in der Etüde cis-Moll op. 25 Nr. 7 stark gefordert, hörbar noch immer in blendender Form. Sogar im Ausdauersport des Mittelteils der As-Dur-Polonaise bewies sie prächtige Kondition.

Doch der stürmische Schluss der Sonate, die gesamte g-Moll-Ballade und überwiegend auch das Scherzo cis-Moll op. 39 bewegten sich in seiner Darbietung auf einem technischen Niveau, das kaum professionell genannt werden kann. Gerade bei der h-Moll-Sonate, die ihm in den ersten drei Sätzen bestürzend schön gelang, waren die groben Missgriffe am Ende besonders schmerzlich. Wer ist denn nicht entsetzt, wenn unterm schwebenden Gewand einer Grazie plötzlich die haarigen Bocksbeine eines gewaltbereiten Fauns sichtbar werden?

Doch bei der Mazurka a-Moll op. 17 Nr. 4 mit ihrer melodischen Morbidezza über verrauchten Akkorden oder bei der unvermutet auftauchenden Mittelstimme in den Achtelwirbeln des cis-Moll-Walzers op. 64 Nr. 2 - da hatte Barenboims klangliche Raffinesse immer wieder die sagenhafte Qualität eines Vladimir Horowitz.

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Von Gerhard Stadelmaier

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