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Barenboim in Argentinien : Das Gelingen lässt sich nicht wiederholen

Daniel Barenboim bei Proben zu Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ mit der Staatskapelle Berlin im Teatro Colón in Buenos Aires Bild: Monika Rittershaus

Für eine Tournee mit der Staatskapelle Berlin kehrt Daniel Barenboim in sein Geburtsland Argentinien zurück. Er wird gefeiert wie ein Fußballstar, aber sein Glück liegt in der Arbeit mit den Musikern.

          Ganz oben sei der Klang am intensivsten, sagt Daniel Barenboim. „Sie müssen mal hochgehen, zu den Stehplätzen! Was da an Energie ankommt!“ Im sechsten Rang des Teatro Colón hörte Barenboim als Kind die legendären Pianisten Artur Rubinstein und Claudio Arrau. Hier, in einem der schönsten Opernhäuser der Welt, mit seinem mangofarbenen Marmor aus Italien, dem ganzen Blattgold, dem roten Samt, den riesigen Kristalllüstern, hat Barenboim als Kind sein Idol, den Dirigenten Wilhelm Furtwängler, mit der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach erlebt. Michael Gielen begleitete damals die Rezitative – vom Klavier aus. Fast siebzig Jahre ist das her, und an solchen Anekdoten bemerkt man, welche Spanne aufmerksam gelebten Lebens Barenboim inzwischen durchmisst.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Argentinien war einmal, bevor das Land durch Populismus und Militärjuntas zerrüttet wurde, märchenhaft reich. Vor hundert Jahren gehörte es wirtschaftlich zur Weltspitze. Der Dirigent Arturo Toscanini bekam am Colón, das 1908 eröffnet wurde und architektonisch dem Prunk von London, Moskau und Paris die Stirn bietet, höhere Gagen als an der Mailänder Scala oder der Met in New York. Der Tenor Enrico Caruso erlebte hier prägende Jahre seiner Karriere, die Sopranistin Maria Callas verdiente am Haus das Geld für ihre Pelzmäntel.

          Noch heute sieht man in manchen Straßenzügen des Viertels Recoleta, wo auch Barenboims Hotel – ein funkelndes Souvenir der Belle Époque – liegt, dass Buenos Aires nach dem Vorbild von Paris geplant worden war. Die starke Hand des französischen Hauptstadtpräfekten Georges-Eugène Haussmann scheint auch hier die Straßen geführt und die Fassaden gemeißelt zu haben, bevor der Nützlichkeitsbrutalismus späterer Dekaden alles vermurkst hat.

          1950 gab er in Buenos Aires sein erstes Konzert

          In den Nachsommer dieses Reichtums fiel die Geburt von Daniel Barenboim: 1942 kam er hier als Kind zweier Musiklehrer, als Enkel jüdischer Einwanderer aus Russland zur Welt, 1950 gab er in Buenos Aires sein erstes Konzert, wenig später wanderten seine Eltern mit ihm nach Israel aus. Unendlich glücklich sei er, sagt er zu seinem Orchester, der Staatskapelle Berlin, im Graben des Teatro Colón, dass er nun in diesem Haus zum ersten Mal eine szenische Opernproduktion leiten könne: Richard Wagners „Tristan und Isolde“, in der Inszenierung von Harry Kupfer, wie sie vor achtzehn Jahren in Berlin, im Haus Unter den Linden, Premiere hatte.

          Und weil er so glücklich ist, hat er vor der ersten Probe Süßigkeiten für alle kaufen lassen: Alfajores, aus dem Café Petit Colón, gebackene Maismehl-Kekse, gefüllt mit Dulce de leche, der süßen, braunen Milchcreme, umhüllt von Kokosflocken. Hundertachtzig Leute, Musiker, Sänger, Techniker, Mitarbeiter der Staatsoper, sind für einen Monat zum Gastspiel nach Buenos Aires gekommen. Die Instrumente der Musiker waren in einer Frachtmaschine in São Paulo wegen eines technischen Defekts gestrandet. Normalerweise hätte die Reparatur mehrere Tage gedauert, aber durch das Eingreifen der deutschen Botschaft in Argentinien sind die Instrumente rechtzeitig zum Probenbeginn da.

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