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Staatsballett München : Schön, reich und verzweifelt

  • -Aktualisiert am

Zauberhaft, aber gelangweilt: Sergei Polunin (als Rudolf) mit Anastasia Pershenkova (als Gräfin Marie Larisch). Bild: Wilfried Hösl

Lehrstunde anderer Art fürs Staatsballett: Warum man „Mayerling“ wahrscheinlich als unaufführbar einstufen muss und Igor Zelenski mehr Geld, Geduld, Infrastruktur und Vertrauen braucht.

          Von Tschaikowskys „Schwanensee“ gibt es Dutzende choreographische Fassungen, auch sein „Dornröschen“ existiert in Versionen von viereinhalb wie von zweieinhalb Stunden. Den Klassikern ergeht es im Ballett wie im Schauspiel oder in der Oper. Eine Besonderheit des Tanzes ist es, dass hier andererseits Werke entstehen, in denen Stück und Inszenierung nicht zu trennen sind, ohne das Werk so wesentlich zu verändern, dass es denselben Titel nicht mehr zu Recht trüge. So nannte John Neumeier kürzlich sein Puschkin-Ballett verlegen „Tatjana“ – wissend, dass nichts John Crankos „Onegin“, das beste Handlungsballett des zwanzigsten Jahrhunderts, überstrahlen könnte.

          Ein Meisterwerk des psychologischen Handlungsballetts

          Ein weiteres Beispiel einer solch unveränderlichen Einheit von Stoff und Choreographie ist Kenneth MacMillans „Mayerling“ von 1978, für das John Lanchbery Musik von Franz Liszt umarbeitete. Bei der Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts war jetzt das Stanislawski-Ballett damit zu sehen. Das Libretto der englischen Autorin Gillian Freeman erzählt von dem österreichisch-ungarischen Kronprinzen Rudolf, der 1889 auf dem Jagdschloss Mayerling seine siebzehnjährige Geliebte Mary Vetsera erschoss und dann sich selbst. Das dreiaktige Ballett zeigt ihn vor dem letzten dramatischen Pas de deux und den finalen Schüssen als einen von seelischer Kälte und Einsamkeit vernichteten Menschen, der Sinn und Verstand in Drogenexzessen und sexuellen Ausschweifungen verliert und endlich seiner Todessehnsucht nachgibt, nicht ohne sich den letzten Kick dadurch zu versetzen, dass er den Tod seiner Geliebten herbeiführt. Dass Rudolf wahrscheinlich durch einen sadistischen Erzieher gebrochen, durch eine gleichgültige Mutter und einen Vater, dessen Ansichten er verachtete, in die seelische Verzweiflung getrieben wurde, kann das Ballett nur andeuten. Ausmalen kann es aber einen wie innerlich toten, Prinzessinnen und Prostituierte durch sein Bett schleifenden Unerlösten.

          Das Ensemble des Stanislawsky-Ballets Moskau zu Gast in München.
          Das Ensemble des Stanislawsky-Ballets Moskau zu Gast in München. : Bild: Wilfried Hösl

          Als „Mayerling“ 1978 Premiere feierte, erschütterte das Sujet, vor allem aber die leidenschaftliche charismatische Darstellung durch Lynn Seymour als Baroness Vetsera. Das Werk gilt als Meisterwerk des psychologischen Handlungsballetts. Nur ein Narr würde es wagen, die Geschichte neu choreographieren zu wollen. Was das Gastspiel der Russen in München nun schmerzhaft bezeugte, war, wie fragil im Tanz selbst solche legendären Meisterwerke sind. In der Rolle des lebensmüden Kronprinzen war der noch nicht einmal dreißigjährige und seiner Kunst mindestens ebenso überdrüssige Sergei Polunin zu erleben. Was für eine Enttäuschung. Wieder, muss man sagen, denn bereits im Münchner „Spartacus“ blieb er hinter den Erwartungen zurück.

          Polunin scheint sich mit seinen eigenen Fähigkeiten zu langweilen. Er dreht Pirouetten beinahe widerwillig. Das fasziniert dann auch nicht. Sein dramatisches darstellerisches Verständnis erschöpft sich darin, dass er den Kopf in den Nacken legt („wirft“ suggerierte höheren als den tatsächlichen Energieaufwand) und die Augen nach oben wegdreht. Warum sich irgendjemand – selbst ein durch hormonelle Schwankungen irritierter Teenager – von diesem Typ würde sexuell missbrauchen und dann umbringen lassen, leuchtet in Polunins Verkörperung nicht ein.

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          MacMillan und sein Team glaubten daran, dass das Ballett in der Lage wäre, solche psychischen und mentalen Tiefeebenen auszuloten, und bestimmt konnten sie es, weil sie daran glaubten. Aber was kann ein fabelhaft tanzendes ganzes Stanislawski-Ballett ausrichten, wenn im Zentrum Pathosformeln gereicht werden? Vielleicht ist das Interessanteste an „Mayerling“ MacMillans Ansatz, einen narzisstischen, bipolaren Charakter ins Zentrum zu stellen, dessen suizidale Tendenzen seiner ganzen Umgebung bekannt sind und den niemand aufzuhalten wirklich Anstrengungen unternimmt. Wahrscheinlich muss man das Ballett als „unaufführbar“ einstufen, weil unsere Vorstellungen von Liebe, Sex und Unglück nicht mehr so hoffnungslos romantisch sind wie in den späten siebziger Jahren.

          Warum also „Mayerling“ heute spielen? Das, so wissen wir jetzt, ist ein Risiko. Die Einladung des Stanislawski-Balletts erfolgte natürlich schon zwei Jahre zuvor, inzwischen hat Igor Zelenski dessen Leitung abgegeben, um sich ganz auf das Bayerische Staatsballett zu konzentrieren, und der französische ehemalige stellvertretende Ballettdirektor der Pariser Oper, Laurent Hilaire, leitet es. Polunin wiederum tanzt als ständiger Gast in München, nachdem er das Royal Ballet vor fünf Jahren verlassen hatte und von Zelenski aufgefangen wurde – an einem Tiefpunkt seiner Karriere. In München also ist alles offen und ungewiss. Ein Startänzer lässt darauf warten, dass er die Hoffnungen erfüllt, die die ganze Welt in ihn setzt. Ein russischer Ballettdirektor verhandelt mit dem bayerischen Kultusministerium über zehn zusätzliche Tänzerstellen – er braucht sie, gebt sie ihm! – und darüber, dass die Ballettakademie ein angegliedertes Internat erhalten sollte, damit die nächsten Polunins bereits als Neunjährige vernünftig unterrichtet werden und dann später am Bayerischen Staatsballett glänzen können.

          Die siebzehnjährige Geliebte Rudolfs Mary Vestera (Natalia Somova), die er vor seinem Suizid erschießt.
          Die siebzehnjährige Geliebte Rudolfs Mary Vestera (Natalia Somova), die er vor seinem Suizid erschießt. : Bild: Wilfried Hösl

          „First a school“, sagte George Balanchine, bevor er das New York City Ballet startete, und Zelenski hat recht, ebenso handeln zu wollen. Er hat selbst die besten Lehrer gehabt und spricht dankbar von ihnen. Energie, Schönheit und Impulsivität der tänzerischen Bewegung brauchen den richtigen Input an jedem Punkt der kurzen Karriere. Fünf Jahre, sagt Zelenski, brauche er, um die Compagnie so umzuformen, dass sie international zu den Top Ten zählt. Dann werden wir auch das entsprechende Repertoire bekommen, verspricht er. Das klingt vernünftig und aufregend zugleich. Man gebe ihm, was er dazu braucht: Geld und Geduld, Infrastruktur und Vertrauen.

          Quelle: F.A.Z.

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