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„Bahnwärter Thiel“ im Gorki-Theater Überrollt von der Welt

Wenn die Unordnung der Welt nicht mehr in Harmonie gehalten werden kann: Armin Petras inszeniert indirekte Rede zwischen Wahn und Wirklichkeit in Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ am Gorki Theater.

© Thomas Aurin Indirekte Rede, direkte Leidenschaft: Regine Zimmermann und Peter Kurth im „Bahnwärter Thiel“

Zu der Zeit, in der Gerhart Hauptmann seine frühe Novelle „Bahnwärter Thiel“ schrieb, die 1888 veröffentlicht wurde, spuckten Lokomotiven noch Funken und Feuer. Wenn sie vorbeidonnerten, erfüllte „rasendes Tosen und Toben“ die Luft, „die Gleise bogen sich, die Erde zitterte - ein starker Luftdruck - eine Wolke von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende Ungetüm war vorüber“. Entgleiste solch ein Zug, gab es kein Zurück mehr, und ähnlich ergeht es dem korrekten Bahnwärter, der Tag für Tag auf einem abgelegenen Streckenabschnitt dafür sorgt, dass der Schienenverkehr ungehindert funktioniert. Als er sein erstes Kind bei einem Unfall verloren hat, ist es um ihn geschehen.

Der Regisseur Armin Petras hat die berühmte Erzählung nun nicht dramatisiert, sondern ziemlich wortgetreu belassen und bloß gekürzt auf die Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters gebracht. „Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe nieder. Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee und begann gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten“. Obwohl die Schauspieler Hauptmanns Text also in indirekter Rede sprechen, hat man bald den Eindruck, tatsächlichen Dialogen und Debatten beizuwohnen.

Wahn und Wirklichkeit

Peter Kurth in der Titelrolle und Regine Zimmermann als Thiels zweite Frau Lene verhelfen der unerhörten Dringlichkeit des Originals zu einer famosen szenischen Wirksamkeit und machen es sich aufs beste als herausfordernden, biegsamen Kunststoff zu eigen. Hinzu kommt die Tänzerin Diane Gemsch, die in einer Choreographie des Unbewussten die Zerrüttungen des Eisenbahners und seine Phantasien ausdrückt und die Dreidimensionaliät der Geschichte demonstriert. Sie arrangiert immer wieder einfache Objekte wie Laubwerk, Eheringe oder Abbildungen auf einer Glasplatte, die per Kamera auf eine wandgroße Leinwand übertragen werden.

Kommentierende Filmszenen oder Gestalten im Schattenriss zeigen, wie Thiel von seiner ersten, verstorbenen Gattin träumt. Oder wie sich in seinem Kopf der Wald rings um seine Dienstbude beseelt. Wirklichkeit und Wahn vermischen sich auch, wenn Lene in der Tänzerin eine ebenso blonde, sinnliche Doppelgängerin erhält und zwei Mädels für ihn an einschlägigen Metallstangen wie von Madonna inspirierte erotische Gymnastik treiben. Da lümmelt der maulfaule Kauz dann vergnügt auf dem Boden und weiß vor lauter Lust nicht aus noch ein. Ansonsten ist er ein offenkundiger Phlegmatiker, doch seine Gemahlin löst in ihm ungeahnte sexuelle Energien aus.

Elende Göre

Gewalt und Leidenschaft bestimmen das Verhalten des ungleichen Paares von Anfang an. Sein Begehren lässt ihn sogar ignorieren, wie Lene seinen Sohn aus erster Ehe, Tobias, schikaniert und ihr gemeinsames Kind bevorzugt. Bei Regine Zimmermann ist diese tüchtige wie eigennützige Person ein resolut-unzufriedenes Weibsbild, das sich, der Beschränkungen ihres Haushalts gewiss, alles nach ihren Bedürfnissen zu organisieren versucht. Sie lüpft den Rock und leckt sich lasziv die Lippen, wenn es ihr nützlich erscheint, aber sie stößt ihren Mann wie einen lästigen Hund weg, wenn es ihr passt.

Er ist ganz devote physische Behäbigkeit, dabei flink, wenn es ihm gefällt, sie hingegen stets von kontrolliert graziler Dominanz und böse lächelnder Hoffart. Er bringt ihr Pflanzenerde mit, nachdem er ein neues Stück Land ergattern konnte, das die Familie ernähren wird. Sie dreht trotzdem durch, verachtet wohl instinktiv die unumgängliche Genügsamkeit und wirft ihm das Zeug mit den Händen ins Gesicht. Er singt später verzweifelt Bachs Arie „Ich habe genug“, während sie ihren Zorn auf seine „elende Göre“ ins Mikrofon brüllt. Sie können nicht mit- und nicht ohneeinander.

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Plötzlich gerät Tobias unter den Zug und stirbt. Thiel gibt seiner Frau die Schuld daran, tötet sie und ihr beider Kind. Das sieht man nicht, weil es nur erzählt wird - und sieht es doch, weil die Darsteller die Dinge so bedrückend plastisch schildern. Armin Petras, der sich hier konsequent auf sein vorzügliches Ensemble und einige wenige, klug eingesetzte Mittel wie Schattenspiel, Musik und Tanz konzentriert, gelingt eine durchkomponierte Inszenierung.

Ergänzt wird sie durch die harte Bildebene aus Video, Film und bearbeiteten Fotos, in denen sich die zunehmend zerstörte Realität des Bahnwärters ins zeitlos Psychotische überhöht. Und wenn am Schluss alles aus dem Lot ist, verschiebt sich auch der breite, helle Holzrahmen, mit dem Olaf Altmann das Bühnenportal umfasste, nach unten und kann die Unordnung der Welt nicht mehr in Harmonie halten.

„Bahnwärter Thiel“ läuft noch am 21. und 29. November, 7. und 25. Dezember und 6. und 26. Januar 2012.

Quelle: F.A.Z.

 
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