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Bachfest in Leipzig : Diese Liebe ist unersättlich

  • -Aktualisiert am

Menschenfreundlich, weise gefasst: Ton Koopman dirigiert Bach in Leipzig. Bild: Gert Mothes

Kommet zuhauf: Mit seinem „Kantaten-Ring“ zieht das Bachfest Leipzig ein Massenpublikum an und kann dieses auch begeistern.

          Die internationale Gemeinde von Johann Sebastian Bach ist nur mit der Richard Wagners zu vergleichen: an bedingungsloser Hingabe sowieso – und neuerdings auch an Kondition und Durchhaltevermögen. Wagner persönlich wäre wohl blass (und neidisch?) geworden, wenn er erlebt hätte, was sich dieser Tage im fußläufigen Umkreis seiner Leipziger Geburtsstätte beim dortigen Bachfest ab- (und nebenbei als „Kantaten-Ring“ auch auf sein Musikepos an-)spielte: 33 Kantaten des Thomaskantors – nur nicht verteilt über ein halbes Kirchenjahr wie zu ihren Entstehungszeiten, sondern innerhalb von 48 Stunden. Dem Festival, jetzt unter der Intendanz von Michael Maul, bescherte diese Idee einen Massenansturm von bislang nicht gekanntem Ausmaß.

          Was erst einmal wie eine sportlich zahlenspielende Laune des Archiv-Präsidenten John Eliot Gardiner und seiner Leipziger Mitstreiter im 333. Geburtsjahr Bachs aussah, gestaltete sich vor Ort beispielsweise wie folgt: vier Konzerte, in einem Falle in gottesdienstlicher Einbettung, aber auch sonst mit der Lesung der zu den Kantaten gehörenden Evangelientexte verbunden. Zudem als kleine Ziersträußchen Motetten aus der zu Bachs Zeiten gängigen Sammlung des „Florilegium Portense“, eine Prise Orgel, ein wenig Erbauung: in der Summe zehn Zeitstunden und knapp sieben davon auf harten Kirchenbänken – bei Temperaturen, die sich angesichts des Feuchtigkeits- und Kohlendioxid-Ausstoßes von mehr als 1600 Besuchern und Akteuren in der Thomaskirche nach dem dritten Konzert in Folge auf gefühlte 33 Grad erhöht hatten.

          Atemloser Applaus

          Die Last dessen mussten nicht zuletzt der so tief mit Bach verbundene Masaaki Suzuki und sein japanisches Collegium – nun ja: ausbaden, nicht zuletzt, weil bei solchen atmosphärischen Verhältnissen das Agieren auf den historischen Instrumenten zu einer Art Würfelspiel wurde, unüberhörbar besonders in den Blechbläsergruppen. Außerdem aber kam man bei diesem flirrenden Hitzetraum auf den seltsamen Gedanken, dass sich Suzukis ganz eigener Lyrismus, seine nazarenisch-introvertierte Innigkeit, Weichheit und Legato-Seligkeit, die dann in einem seltsamen Zirkelschluss zu fast romantischen Klangbildern führen kann, unter streng-hartem Winterlicht vielleicht ganz anders angehört hätte als unter Umständen, wo es eher innerer Abkühlung als tröstlicher Erwärmung bedurft hätte.

          Und dennoch: Die zwei pausenlose Stunden lang in enge Sitzreihen gezwängten, verschwitzt hochgeröteten oder schon grünlich erbleichten Zuschauer-Kohorten standen am Ende unter der Orgelempore mit den Musikern, applaudierten atemlos und ließen sich ihren Bach von nichts und niemandem nehmen. Das muss dann wohl Liebe sein – in diesem Falle nur begrenzt durch den programmgemäßen Innenstadt-Pilgerzug hinüber zu Leipzigs zweiter Bach-Wirkungsstätte, wo sich Gardiner und seine Ensembles schon zum nächsten Konzert rüsteten.

          Star singt im Chor

          Nun ist Sankt Nikolai nicht so ikonisch wie die Thomaskirche, die weitgehend ihr bachzeitliches Aussehen behalten hat und wo sich seine Grabstätte befindet, während ihr Pendant seit zweihundert Jahren in einem heiteren, aber postbachischen Aufklärungsklassizismus leuchtet; dafür ist sie komfortabler für Musiker wie Hörer, akustisch besser – und hatte an diesem Abend den unschätzbaren Vorteil einer geballten Ladung unverbrauchter Frischluft. Ebendas – Frische und Unverbrauchtheit – schienen sich auch der „Bach-Präsident“ Gardiner und seine englischen Musiker auf die Fahnen geschrieben zu haben.

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