http://www.faz.net/-gqz-8d8gw

Drama „Geächtet“ in München : Verdacht auf Unschuld wird nicht gewährt

Bijan Zamani als Amir und Nora Buzalka als Emily in Antoine Uitdehaags Inszenierung von Ayad Akhtars Drama „Geächtet“ am Münchner Residenztheater Bild: Matthias Horn

Was unsere Gesellschaften bedroht: Das Münchner Residenztheater zeigt Ayad Akhtars „Geächtet“ als Parabel von Paranoia und Hass.

          Das eine Stück heißt „Terror“, das andere „Geächtet“. Das eine stammt von dem deutschen Strafverteidiger, Schriftsteller und Kleist-Preisträger Ferdinand von Schirach, geboren 1964, das andere von dem amerikanisch-pakistanischen Dramatiker, Broadway-Star und Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar, Jahrgang 1970. Das eine verhandelt die Frage, ob ein deutscher Luftwaffenpilot ein vollbesetztes, von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abschießen darf, wenn er damit verhindern kann, dass die Maschine in ein Fußballstadion mit siebzigtausend Zuschauern gelenkt wird, das andere beschreibt den privaten und beruflichen Absturz eines erfolgreichen Anwalts pakistanischer Herkunft als Kollateralschaden der Terroranschläge vom 11. September 2001. Das eine spielt in einem deutschen Gerichtssaal, das andere in einem luxuriösen Apartment in Manhattan. An deutschen Bühnen sind es die meistgespielten Stücke der Saison.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Schirachs „Terror“, das im letzten Herbst gleichzeitig in Frankfurt und in Berlin uraufgeführt wurde, wird zurzeit an etwa zwei Dutzend deutschsprachigen Bühnen gezeigt. Am Ende des Stücks, das eine Gerichtsverhandlung nachspielt, sprechen die Zuschauer das Urteil über den Angeklagten, indem sie wie Geschworene abstimmen. Die aktuelle Statistik weist laut Verlag eine Freispruchquote von knapp sechzig Prozent aus. Die Mehrzahl der Zuschauer hält es also für richtig, die kleinere Gruppe der etwa 150 Flugzeugpassagiere zu opfern, wenn damit die Sicherheit der weitaus größeren Gruppe der siebzigtausend Stadionbesucher gewährleistet werden kann.

          Weil er glaubt, dass er dazugehört

          Amir Kapoor ist kein Opfer und kein Terrorist. Er ist die Hauptfigur von „Geächtet“, das nach seinem Siegeszug am Broadway nun unter anderem in Hamburg, Berlin, Dortmund, Zürich und Wiesbaden inszeniert wird und jetzt am Münchner Residenztheater in der Regie von Antoine Uitdehaag Premiere hatte. Amir, von Beginn an überzeugend gespielt von Bijan Zamani, ist der eine unter Tausenden, der es geschafft hat: gebildet, karriereorientiert, perfekt assimiliert. Aber in dem Prozess, den Akhtar seiner Hauptfigur in „Geächtet“ macht, hat Amir keine Chance.

          Dass nach den Anschlägen auf die Twin Towers die Rechte der kleineren Gruppe, etwa jenes der geltenden Unverschuldsvermutung, geopfert werden, weil die größere Gruppe sich bedroht fühlt, nimmt Amir in Kauf, weil er glaubt, selbst zur größeren Gruppe zu gehören. Denn er trägt Hemden, die sechshundert Dollar das Stück kosten, und ist mit Emily verheiratet, einer „weißen Frau“, wie es im Stück mehrfach heißt, die zielstrebig an ihrer Karriere im Kunstbetrieb arbeitet. Außerdem steht er kurz davor, von seinen jüdischen Kollegen als Partner in die angesehene Kanzlei aufgenommen zu werden. Mit Namensnennung: Leibowitz, Bernstein, Harris und Kapoor, drei jüdische Namen und ein muslimischer.

          Bissig, schnell, pointiert, boulevardesk

          Aber Amir ist kein Muslim mehr. Er hat sich von der Religion seiner Familie abgewandt und ist in die „Phase der Intelligenz“ eingetreten, während seine Frau in ihren Gemälden mit den Einflüssen islamischer Kunst kokettiert und von deren unverfälschter Spiritualität schwärmt. Als sie den einflussreichen Kurator Isaac kennenlernt, wittert sie ihre große Chance und steigt mit ihm ins Bett. Isaac, den Götz Schulte im groben Tweedanzug als eine Art Luis Trenker der Kunsthochgebirgswelt spielt, jovial, viril, verschlagen und mit einer genau dosierten Prise des neurotischen jüdischen Intellektuellen, erkennt in Emily ein neues Marktsegment: „Eine junge westliche Malerin, die sich auf islamische Darstellung stützt? Nicht ironisch? Sondern dienend? Das ist ein ungewöhnliches, bemerkenswertes Statement.“

          Broadway-Star und Pulitzer-Preisträger: der amerikanisch-pakistanische Dramatiker Ayad Akhtar, Jahrgang 1970

          Akhtars Dialoge sind an Albee und Yasmina Reza geschult: bissig, schnell, pointiert, boulevardesk. Im Zentrum des komplexen, so schwierige Themen wie Assimilation, Rassismus, Paranoia, Selbsthass, Begehren und Entfremdung klug verhandelnden Stücks steht ein Abendessen zu viert: Amir, der pakistanischstämmige Anwalt, der seinen Nachnamen von Abdullah zu Kapoor geändert hat, Emily, bei Nora Buzalka die typische Ostküstenschönheit, reich, naiv, protestantisch und leicht wässrig, Isaac, der zynisch-saturierte Intellektuelle, und Jory, Isaacs afroamerikanische Frau und Amirs Kollegin und seine Konkurrentin in der Kanzlei. Lara-Sophie Milagro spielt sie als Ellenbogen auf Stöckelschuhen, beherrscht und berechnend.

          Was unsere Gesellschaften bedroht

          Das Geplauder über Basketball und Artischocken gerät rasch völlig außer Kontrolle, als Amir Isaac und Emily Verklärung und Verharmlosung des Islams vorwirft. Muslime schlagen ihre Frauen, sagt Amir, und wird am Ende Emily verlieren, weil er sie geschlagen hat. Den nächsten Anschlag werde wahrscheinlich ein Mann begehen, der so ähnlich aussehe wie er, sagt Amir, und gesteht wenig später, dass er einen Hauch von Stolz gespürt habe, als die Twin Towers in sich zusammengestürzt waren. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der erfolgreiche Anwalt in einen „verkappten Drecksdschihadisten“, der Isaac ins Gesicht spuckt und ihm genüsslich gesteht, dass er manchmal nichts dagegen habe, wenn der iranische Präsident alle Israelis ins Meer treiben will.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Es sind nicht ihre Konflikte, die hier eskalieren, und sie sind es doch. Dass die beiden Paare dies zu spät erkennen, ist die Schuld, die alle Beteiligten auf sich laden, auch wenn am Ende nur Amir, dem „Tier“, wie Isaac ihn beschimpft, die Rechnung präsentiert wird. Antoine Uitdehaag hat Akhtars Eskalationsdrama in München stimmig, aber recht konventionell auf die von Momme Röhrbein schlicht und funktional eingerichtete Bühne gebracht. Mit „Terror“ und „Geächtet“ stehen zwei Stücke auf unseren Bühnen, die danach fragen, was unsere Gesellschaften bedroht, wie weit sie in ihrem Schutzbedürfnis gehen dürfen und welche Faktoren den Minimalkonsens, ohne den sie keinen Bestand haben, aushöhlen könnten. Es lohnt sich, sie zu sehen.

          Weitere Aufführungen

          Samstag, 20. Februar, 20 Uhr
          Freitag, 4. März, 20 Uhr
          Sonntag, 13. März, 19 Uhr

          Weitere Themen

          Traumziel Mittelalter

          Romanphänomen Iny Lorentz : Traumziel Mittelalter

          Das Buch „Die Wanderhure“ brachte Iny Klocke und Elmar Wohlrath den Durchbruch: Das Paar schreibt unter dem Namen Iny Lorentz Bestseller in Serie, gerade erschien eine weitere Fortsetzung. Aber wie verfasst man gemeinsam ein Buch?

          Genderstern am Himmel?

          Zukunft der Rechtschreibung : Genderstern am Himmel?

          Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich gegen ein einzelnes Zeichen für alle Geschlechter entschieden. Wie geht es jetzt weiter mit dem Gendern? Die Chefredakteurin des Dudens im Interview.

          Topmeldungen

          Fahrverbote in Deutschland : Der Diesel im Griff der Elite

          Wieder wurden bei einer Entscheidung zum Diesel-Fahrverbot die Leute auf dem Land vergessen, die sich das Leben in der Stadt oft nicht leisten können. Für sie ist der Diesel eine soziale Frage. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.