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Opernausstellung in London : Bis die Ohren bluten

Immer noch wegweisend: „Einstein on the Beach“ von Philip Glass. In London ist ein Film der Proben der Gruppe Spaceship in Los Angeles zu sehen. Bild: Getty

Was sehen wir im Museum, wenn das Thema „Oper“ heißt? Gehört Musiktheater nicht vor allem auf die Bühne? Das Londoner Victoria and Albert Museum inszeniert eine vermeintlich elitäre Gattung.

          Das Victoria and Albert Museum hat sich zur Einweihung seiner großzügigen neuen Ausstellungsfläche eine schier unmögliche Aufgabe gestellt: die Entwicklung der Oper über bald vier Jahrhunderte in ihren vielen Facetten so darzustellen, dass sich Novizen ebenso angesprochen fühlen wie Eingeweihte. Es ist die Mission der in Zusammenarbeit mit der Covent-Garden-Oper gestalteten und durch zahlreiche Opernsendungen der BBC unterstützte Schau, „Oper: Leidenschaft, Macht und Politik“, das oft als elitär gebrandmarkte Musiktheater einem breiteren Publikum näherzubringen. Bei der Konzeption vor fünf Jahren sahen Martin Roth und Kasper Holten, damals beide frisch ernannt auf ihre jeweiligen Posten als Leiter des V&A und Operndirektor von Covent Garden, eine Ausstellung über die Landesgrenzen und Sprachbarrieren überwindende, alle Kunstformen vereinende Gattung auch als Demonstration des gemeinsamen europäischen Kulturerbes.

          Soziologische Inszenierung

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Zur Gliederung des ausufernden Stoffes hat die Kuratorin Kate Bailey sieben Uraufführungen in sieben Metropolen herausgegriffen: Sternstunden der Operngeschichte, die den Besucher vom Venedig des Frühbarock über London, Wien, Mailand, Paris und Dresden ins stalinistische Sankt Petersburg führen. In ihren gesellschaftlichen, künstlerischen und politisch-historischen Zusammenhang gestellt, werden die Werke als Momentaufnahmen einer Epoche museal inszeniert. Der Ansatz ist eher soziologisch als musikologisch.

          Als Kunstgewerbemuseum, das zugleich die nationale Sammlung für Mode und für die darstellenden Künste beherbergt, hat das V&A Zugriff auf reichhaltiges Material zur Veranschaulichung der multimedialen Kunstform als europäisches Kulturphänomen. Exponate aus dem eigenen Bestand sind durch eine Fülle eindrucksvoller Leihgaben angereichert worden, etwa das Klavier, auf dem Mozart spielte, als er sich für die Premiere von „Don Giovanni“ in Prag aufhielt, Bellottos detailfreudige Darstellung des Marktgewimmels auf dem Wiener Platz Freyung, Rodins bronzene Johannesschüssel und die mit Kaffee befleckte handschriftliche Partitur von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, auf der die Notation vor nervöser Energie überquillt. Auf einer nachgebauten Barockbühne wird die Mechanik für die spektakulären szenischen Effekte vorgeführt, die das Publikum staunen machen und den Kartenverkauf fördern sollte.

          Zart besaitet: „Lady Macbeth in Minsk“ war Stalin zu blutig. Bilderstrecke

          Damit wird ein Leitmotiv der Ausstellung bildhaft gemacht: das Wechselspiel zwischen Publikumsgeschmack, kommerziellen Interessen und künstlerischer Gestaltung, das die Geschichte dieser kostenaufwendigen Kunstform prägt. Gemälde, angewandte Kunstgegenstände, Autographe, historische Stadtpläne, Operngläser, Kostüme und Bildschirme mit szenischen Auszügen sind von dem kanadischen Regisseur Robert Carsen in theatralische Tableaus integriert worden, die das jeweilige Milieu beschwören. Über Kopfhörer erklingen passend zum Standort von Antonio Pappano, dem Dirigenten und Musikdirektor von Covent Garden, ausgewählte Opernpassagen. Die Ausstellung will durch die Summe der Teile das totale Erlebnis einer Aufführung erzeugen. „Oper: Leidenschaft, Macht und Politik“ verkörpert in seiner Darbietung gewissermaßen die Idee des Musiktheaters als Gesamtkunstwerk.

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