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Auschwitz-Oper : Ich lebe, du lebst, sie lebt

Ein Meisterwerk, dem Vergessen entrissen: die Oper „Die Passagierin” des polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg Bild: dpa

Ein Meisterwerk, großartig, ergreifend, überwältigend: Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“ wird bei den Bregenzer Festspielen wiederdentdeckt und zeigt, dass man von Auschwitz singen kann, ohne den Schrecken zu verkleinern.

          Mit einem Schlag erheben sich alle von ihren Plätzen: eine kollektive Geste, voll Empathie und Ernst, Rührung und Verwirrung. Selten war eine solche Einheit der Gefühle so zu erleben in einem Opernhaus. Wem gilt der Beifall? Sind es die wunderbaren Sänger? Oder ist es die Überlebende aus dem KZ? Die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit verschwimmen hier in einem pathoserfüllten Moment.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          In dem Augenblick nämlich, als auf der Bühne des Festspielhauses in Bregenz die zarte, auratische Gestalt der polnischen Schriftstellerin Zofia Posmysz auftaucht, die, sechsundachtzigjährig, vorsichtig über den Schotter der Bahngleise hereingeführt wird vom Regisseur und Intendanten David Pountney; als sie sich dort verneigt und sich selbst begegnet in ihrem handfesten Abbild, der Opernfigur Martha, da meldet sich die alte Frage wieder, die seit der ersten amerikanischen Holocaust-Fernsehserie nie richtig verstummt war: Kann die Hölle von Auschwitz künstlerisch so verwandelt, verschönert und verkleinert werden, dass sie in einen Operabend hineinpasst, mit Arien, Soli, kontemplativen Ensembles und Freiheitschören?

          So realistisch wie möglich

          David Pountney und sein Inszenierungsteam beantworten diese Frage klar mit einem „Ja“. Sie haben das Wagnis unternommen, diese erste Oper des weithin immer noch unbekannten polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg als Eröffnungspremiere der Festspiele auf eine große Bühne zu bringen: „Die Passagierin“ nach einer Romanvorlage von Posmysz, als szenische Uraufführung. Die konzertante fand statt vor drei Jahren in Moskau, erstmals erklang die „Passagierin“ 1969, aber nur auszugsweise am Klavier: Da spielte Weinberg selbst sie den Freunden aus dem sowjetischen Komponistenverband vor, woraufhin sein Freund und Nachbar Schostakowitsch begeistert erklärte, diese Musik enthalte „nicht eine leere, gleichgültige Note“. Man kann es jetzt in Bregenz erleben.

          Die Täterin trifft ihr Opfer: Michelle Breedt (rechts) als ehemalige SS-Aufseherin Lisa und Elena Kelessidi als frühere KZ-Gefangene Martha
          Die Täterin trifft ihr Opfer: Michelle Breedt (rechts) als ehemalige SS-Aufseherin Lisa und Elena Kelessidi als frühere KZ-Gefangene Martha : Bild: dpa

          Vieles, etwa die Jazzpassagen, die multiplen Rhythmen, das Ironisch-Tonmalerische, die atonale, die Tonalität wie ein Zitat handhabende Tonsprache, die Folklore-Implantate und das große Orchester-Espressivo erinnern an Schostakowitsch, entsprechen dem Idiom jener Zeit. Weinberg, als polnischer Jude und als Flüchtling in Moskau ausgestoßen in einer Parallelwelt lebend, hat sich eine Zeitlang mit Filmmusiken über Wasser halten müssen. Und er hat in der Isolation einen stark ausgeprägten Personalstil entwickelt. Seine Musik ist lyrisch, jede Eingebung wird aus der Linearität des Menschengesangs heraus entwickelt. Die Wiener Symphoniker spielen das unter der feurigen Leitung von Teodor Currentzis, als gelte es das Leben.

          Melodien gegen den Terror

          Wie geschaffen zum Singen die Vokalpartien, wenn auch rhythmisch nicht immer leicht. Streng durchkonstruiert das Stück, die schnelle Abfolge knapper Szenen erzeugt einen Sog nach vorwärts. Und obgleich es lärmend losgeht mit einem Angriff der Schlagzeugbatterie in Quintolen und Triolen, so überwiegen dann doch unerwartet die Stille und Sparsamkeit eines Kammerspiels.

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