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Oper „Julietta“ : Auch Ihre Träume überwacht das Zentralbüro

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Die Sitzecke wird mir zum grünen Wunderwald: Kurt Streit als Buchhändler Michel auf unabschließbarer Suche nach Juanita Lascarro als Julietta Bild: Barbara AumŸller

Diese Musik kann man nicht vergessen, man kann sich aber auch nicht an sie erinnern: Bohuslav Martinůs fast vergessene Oper „Julietta“ begeistert in Frankfurt.

          Es ist selten, dass aus dem Fluss der Vergangenheit etwas Vergessenes wiederauftaucht und sich plötzlich alle einig sind: Das ist es, wonach wir gesucht haben! So geht es derzeit mit der dritten abendfüllenden Oper des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů. Offenbar trifft diese Musik im Zeitalter der Digitalisierung einen Nerv, der zum Zeitpunkt seiner Entstehung, Mitte der Dreißiger, noch nicht so empfindlich war.

          Komponiert in Paris, in den Jahren 1936 und 1937, uraufgeführt und umjubelt am Nationaltheater in Prag 1938, versank „Juliette ou La Clé des songes“ alsbald ins Zwielicht des Hörensagens, weitergereicht als ewige Geheimempfehlung. Als Martinů vor den Nationalsozialisten Hals über Kopf in die Vereinigten Staaten flüchten musste, ließ er fast alle seine Partituren, auch die zu „Juliette“, in Europa zurück. Zwei Jahrzehnte lang wurde das Stück überhaupt nicht mehr gespielt. Danach gelegentlich, als exotische Rarität. Doch neuerdings greift ein Opernhaus nach dem anderen zu, Bremen, Genf, zuletzt Zürich, kommende Saison will Barenboim das Werk an der Berliner Staatsoper herausbringen, und jetzt präsentierte das Frankfurter Opernhaus eine fulminante Produktion.

          Man stolpert hinein in diese Musik, ähnlich beiläufig wie die Hauptfigur, der Pariser Buchhändler Michel Lepic, anfangs ins Foyer des Hotels der kleinen Hafenstadt stolpert. Und man findet, wie Lepic, aus diesem Stück nicht wieder heraus. Martinůs Traum-Musik zu „Julietta“ (wie es in der deutschen Übersetzung heißt) ist aus vielerlei scheinbar bekannten Sequenzen und bunten Zirkusflicken zusammengesetzt: aus Jazzrhythmen und Akkordeonfetzen, aus großer tragischer Symphonik und kleinen Filmmusikschnitzeln, aus spätromantischem Waldweben und frühbarocken Echomadrigalen, Oberons Hornruf, Kaspars Wolfsschlucht, Berliozschem Hexentanz, Schubertschem Klavierlied, Strawinskyscher Erschütterung, kurzum: aus etwas Altem, etwas Neuem, etwas Geborgtem und etwas Blauem. Ein Hochzeitskleid! Ein überwältigendes, aphoristisch-fragmentiertes Puzzle ist diese Partitur, von eigentümlichem Glanz, und entwickelt sofort einen starken Sog. Der Fluss der Musik, den auch gelegentliche Pausen, Sprechpassagen nicht aufhalten, umarmt den Hörer wie einen alten Bekannten, nimmt ihn gefangen, verfolgt ihn noch auf dem Heimweg, ja manch einen wohl bis in die Träume hinein. Das Seltsamste bei diesem kollektiven Rezeptionsprozess ist, dass sich keiner, den man danach fragt, eine konkrete Melodie so richtig hat merken können.

          Traumpässe für die Verlorenen

          Nicht mal das Lied der verführerischen Julietta, welches leitmotivartig mehrfach auftaucht und mit Debussys Mélisande-Gesang verwandt ist, scheint ein Ohrwurm zu sein. Der Musikwissenschaftler Jürg Stenzl beschreibt in seinem Essay über Martinůs „Julietta“-Musik deren spezielle Faktur als eine „Komponierweise, die einzig dem jeweiligen Augenblick gilt und mit den Bühnenfiguren die Gedächtnislosigkeit teilt“.

          Die Geschichte, nach einem surrealistischen Theaterstück von Georges Neveux, geht etwa so: Michel Lepic sucht eine schöne Unbekannte, trifft sie, verliert sie und findet nie wieder aus dem Traum heraus. Dass er alles wahrscheinlich nur träumt oder vielmehr, dass das Leben selbst vermutlich ein Traum ist, diese Erkenntnis stellt sich erst nach und nach ein. Als Michel so weit ist und alle skurrilen, vergesslichen Wunderland-Personen, die er auf seiner Suche traf, als Ausgeburten der eignen Phantasie begreift, könnte die Oper zu Ende sein. Doch es folgt ein dritter kurzer Akt, der im Zentralbüro der Träume spielt, wo ein kafkaesker Beamter Traumpässe ausstellt, Bettler wegschickt, Schwerverbrecher privilegiert und alles abstempelt. Dies und der Umstand, dass jeder Bittsteller in dem Büro seine eigne Julietta sucht, gibt der Sache die finale, tragische Wendung.

          Alle, mit denen Michel bei seinem Abenteuer zu tun hat, sind, wie in Lewis Carrolls Wunderland, etwas verrückt, vor allem sind sie dement. Sie vergessen, was sie soeben gesagt oder gesungen haben. Das führt zu grotesken Missverständnissen, fast zu Lynchjustiz und Mord, aber zum Glück ist auch Letzteres rasch vergessen oder vielmehr: ungeschehen.

          Fabelhafte Sängerdarsteller sind hier gefragt. Das Ensemble der Frankfurter Oper agiert famos, in allen Doppel- und Tripelrollen glückt die Gratwanderung zwischen Tragödie und Klamotte wie im Spiel. Herausragend der Tenor Beau Gibson als melancholischer Polizeikommissar und verschusselter Lokführer, wie auch Bariton Boris Grappe als gerissener Erinnerungsverkäufer. Schrill die als siamesischen Zwillinge an der Schürze zusammengewachsenen Fisch- und Vogelverkäuferinnen Marta Herman und Maria Pantiukhova, die auch als Hutmacher alias Handleserin gute Figur macht. Beklemmend das joviale Rollenporträt des Traumbürobeamten von Michael McCown. Der dunkel timbrierte Sopran von Juanita Lascarro scheint für die Partie der Julietta-Projektion wie geschaffen. Kurt Streit, als die bessere Hälfte des verhinderten Traumpaares, beweist ein phänomenales Stehvermögen. Sein strahlkräftiger Tenor beseelt auch leise, lyrische Momente des Zweifels. Und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle führt zuverlässig Sänger, Chor und das Frankfurter Museumsorchester mit sämig-breitem Dirigat zum Triumph.

          An diesem Premierenabend riss unbekannte Musik des zwanzigsten Jahrhunderts das Publikum zu Begeisterungstürmen hin. Das Regieteam um Florentine Klepper wurde in den Jubel einbezogen, zu Recht. Es hat werktreu inszeniert, der Musik kein symbolisches Traumdeutungsdekor übergestülpt. Mit Michel verliert man sich an einem alltäglichen Nicht-Ort. Dass die Wandbegrünung austauschbarer Hotel-Interieurs sich selbständig machen und zu einem Urwald heranwuchern könnte, das hatten wir schon öfter befürchtet.

          Quelle: F.A.Z.

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