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„Atropa“ in den Münchner Kammerspielen : Wann hört Troja auf zu brennen?

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So ist die Beleuchtung im Krieg: Steven Scharf (Agamemnon) Gundi Ellert (Hekabe) Bild: Wilfried Rabanus

Aufgerauhte Antike: Mit „Atropa“ zeigt Tom Lanoye in den Münchner Kammerspielen nicht nur einen blutüberströmten Agamemnon, er stellt auch große Fragen.

          Agamemnon hat in fremdem Blut gebadet. Teufelsgleich überströmt bis auf die Nadelstreifen, steigt der Kulturpolitiker aus dem Untergrund herauf, in den er sich - er ist ja kein Unmensch - zur Vernichtung einer ganzen Stadt zurückgezogen hatte. Zur Feier der Stunde reicht er Kirschkäsekuchen an die fassungslosen Hinterbliebenen des trojanischen Königs und pumpt Kaffee aus einer Thermoskanne. „Die Operation ist abgeschlossen“, sagt der Besudelte in der Manier von George W. Bush, und: „Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen, hab’ ich doch selbst ein Kind verloren.“ Das sagt ausgerechnet er, der es fertiggebracht hat, eine Tochter (Iphigenie) zu opfern, um einen Krieg zu führen (gegen Troja), um eines anderen Tochter (Kassandra) zu gewinnen, um diese wie die eigene lieben zu können (und darüber hinaus).

          Wer die „Schlachten!“ des flämischen Dramatikers Tom Lanoye kennt, weiß, dass dessen zeitgenössische Abrechnungen mit dramatisch überlieferten Herrscherposen zynisch, roh und blutig ausgehen können. Und dass es sich bei seinen Figuren - in einer Verbeugung vor ihren Originalen, ob von Shakespeare oder Euripides - um meisterhaft scharf gezeichnete Charaktere handelt, angespitzt durch eine verblüffend schwerelose heutige Unmittelbarkeit. So auch in „Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas“, das der Regisseur Stephan Kimmig jetzt genauso bissig, blutig und unmittelbar auf die große Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat.

          Auf dem schmalen Grat zwischen Krieg und Frieden

          „Atropa“ meint dem Autor zufolge sowohl die Schicksalsgöttin Atropos als auch das Todeskraut Tollkirsche, deren Saft den Blick verträumt verschleiert. Atropa ist aber auch die Verschmelzung aus Atriden und Europa oder - je nach aktueller Krise - aus Europa und Athen. In „Atropa“ verknüpfte Lanoye 2008 die Atriden-Tragödien des Euripides und Aischylos, von Iphigenies Opferung bis zu Klytämnestras Rachemorden, kritisch mit Reden und Argumenten von Donald Rumsfeld und George W. Bush zu Zeiten des Irakkriegs. Er fragt darin nach der Rechtfertigung für einen Krieg. Nach proklamierten und nach wahren Gründen.

          Anna Maria Sturm (im Vordergrund), Katja Bürkle und Steven Scharf

          Kennt man den in kunstvolle Alexandriner getauchten Text, dann schmerzen nicht Kimmigs Zusätze, nur seine Streichungen zuweilen; kennt man ihn nicht, verschmerzt der Abend beides. Denn Kimmig, der an den Kammerspielen zuletzt vor vier Jahren Lanoyes Antiken-Bearbeitung „Mamma Medea“ in fesselnde Variationen von Fremdheit setzte, gibt sowohl der mächtigen Rhetorik der Griechen als auch der ohnmächtigen Redundanz der Amerikaner Raum, in sich, ob in ihrer Wahrheit oder ihrem Irrsinn, aufzugehen. Er fängt weder an, den Text in Tagespolitik zu ersäufen - denn für die Absurdität von Krieg und Frieden hat jeder Beispiele genug -, noch lässt er sich von Lanoyes Alexandrinern zu übermäßig viel Pathos verführen. Lieber balanciert er auf dem schmalen Grat zwischen Krieg und Frieden. Denn ein Krieg gegen die einen bedeutet nicht automatisch einen Frieden mit den anderen, und vertraut dabei zu Recht auf die subtile Verwandlungskraft seines Ensembles.

          Agamemnon steigt das Blut rasch zu Kopf

          Im Mittelpunkt dieser Aufgabe steht vor allem Katja Bürkle in ihrer Doppelrolle als Iphigenie und Kassandra: Beide nehmen bei Lanoye statt der Opfer- nun Kriegerrollen an, indem sie sich bewusst für ihren Tod entscheiden. Doch die erste ist bei Bürkle ein zartes Mädchen, ein Heimatliebe-Cheerleader voller naiver Vorfreude auf die Männerliebe (nicht wissend, dass diese einen Krieg auslösen kann). Die zweite ist eine wütende, fanatische Draufgängerin, die in Agamemnon Liebe in Gewalt verwandelt. Besonders scharfkantig wirkt diese Doppelrolle, als Kassandra Klytämnestra anklagt, durch ihre Passivität die wahrhaft Schuldige zu sein.

          Währenddessen sorgen Gundi Ellert als Hekabe und Katharina Hackhausen als Andromache für die starken Tränen aus Wut und Trauer im Kontrastprogramm zu Agamemnons blutigem Kaffeeklatsch. Und Walter Hess schleudert als Namenloser Lanoyes Troja-Trümmer-Ode mit erschütternder Intensität dem abgrundtiefen Euphemismus Agamemnons entgegen.

          Wie denn kann dieser von einem Kampf der Kulturen sprechen, wenn es ans Morden und Zerstören geht, sich von den Ermordeten postum noch Absolution durch den Vorwand der Befreiung erteilen lassen und überhaupt den ganzen präventiven Krieg im Schicksal begründen? Doch Steven Scharfs Agamemnon ist ein einflussreicher, unsicherer Mann, dem das Blut rasch zu Kopf steigt, geblendet selbst als Allererster vom Duktus seiner hohlen Kampf- und Vaterlandsansagen - eine schöne Irritation im unergründbaren, geweißelten Eisenschacht von Bühnenbildnerin Katja Haß.

          Sie lässt ihren Mann allein

          Die diesen Krieg durch ihre Liebenswürdigkeit entfachte, nun aber über die Liebe motzt, als wäre diese Hass, ist Helena. Als spröder Geist mit bewegtem Gesicht begleitet Anna Maria Sturm die Szenen: Und erinnert sie der Schmerz der anderen einmal zu sehr an ihren eigenen Kummer, verfällt ihre Helena als Ausflucht in ihr altes, einfältig seliges Lächeln. Helena steht als Mahnmal für den eigentlichen Grund dieses Krieges. Doch das wird so konsequent ignoriert, dass sie am Ende ihre Schuld erflehen muss, um nicht auch noch mit dem Leben davonzukommen: Entgegen der antiken Überlieferung tötet Klytämnestra sie, als letzte der vier stolzen Frauen, die Agamemnon als Gefangene aus Troja mitgebracht hat und die sie nun um diese Erlösung anflehten.

          Dann, und auch das ist neu, lässt Klytämnestra ihren Mann mit seiner Schuld und der Entscheidung über seinen Tod allein. Als Ehefrau hat sie zu viel erduldet, als Racheinstrument zu viel getan. „Die Welt ist riesengroß.“ Mit diesen Worten lässt Wiebke Puls sie wieder zu sich kommen. „Das Leben auch. Wir nicht.“ Und Agamemnon? Dem ist genau dies „wir“ beim Blutbad in der Macht als wunder Punkt geblieben, der jetzt sticht.

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