19.02.2012 · Das Wunder von Baden-Baden: In der Strauss-Oper „Ariadne auf Naxos“ brillieren der orchestrale Klang und die Stimme der Sopranistin Renée Fleming.
Von Julia SpinolaGibt es einen besseren Ort für diese Oper als das von Luxus und Glamour umwehte Baden-Badener Festspielhaus? Wo der Intendant Andreas Mölich-Zebhauser dem Kur- und Kulturpublikum das ganze Jahr über ein Programm auf Festspielniveau verspricht und es so geschmackvoll wie geschickt verwöhnt? Zwar geht es in der Selbstreflexion der Gattung Oper, die Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in der zwiegesichtigen „Ariadne auf Naxos“ leisten, durchaus provokant um den Widerstreit zwischen den Gesetzen der Kunst und den Regeln des Kunstbetriebs.
Das sprengende Pauken-Donnerwetter, das im „Vorspiel“ jene „plötzliche Anordnung“ des „reichsten Manns von Wien“ begleitet, nach der die heroische Oper „Ariadne“ und die Posse über „Die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber“ zwecks kürzerer Spieldauer und größeren Unterhaltungswerts gleichzeitig aufzuführen seien - diese drastisch ins musikalische Glashaus polternde Geste lässt an der Gewaltsamkeit der parvenühaft-despotischen Einmischung des Mäzens ins Künstlerische keine Zweifel.
Doch Richard Strauss wäre nicht Richard Strauss, wenn es ihm nicht gelungen wäre, der Kurzschließung einer Opera seria mit einer buffa schließlich eine Apotheose abzuringen, in der er so hymnisch und weltentrückt und wohlklingend komponiert, „wie die Kuh Milch gibt“ (wie er seine Arbeit an der „Alpensymphonie“ einmal kommentierte). Meistens geht dieser Schluss, wenn der Halbgott Bacchus als Deus ex Machina auf die „wüste Insel“ der von Theseus verlassenen und in Trauer gefangenen Ariadne gespült wird, als eine zu ertragende Peinlichkeit an den Herzen der Zuschauer vorbei: Tenor und Sopranistin leisten ihre Brüllorgien ab, das mit nur 37 Positionen besetzte Strauss-Orchester spielt plötzlich triangelfunkenspeiend und klanggewaltig auf, als gelte es, Wagners „Götterdämmerungs-Massen“ zu mobilisieren - zurück bleibt die Erinnerung an das bühnenwirksamere „Vorspiel“ mit seinem kaleidoskopisch funkelnden Parlando-Stil und dem anrührenden Drama des verzweifelten Komponisten, der zusehen soll, wie sein Werk mit einer gemeinen Komödie verschnitten wird.
Nicht so jetzt in Baden-Baden, wo man Philippe Arlaud gebeten hatte, eine passende Inszenierung zu liefern zu jenem Staraufgebot, um das es eigentlich ging. Hier treibt einem das Liebesduett zwischen diesen zwei versprengten, in sich verkapselten heroischen Figuren überraschend die Tränen in die Augen. So sinnlich und sehnsuchtstrunken und betäubend glückstaumelnd hat man den zwischen Todeserfahrung und höchster Erfüllung changierenden Schluss der Oper noch selten erlebt.
Um dem Missverständnis gleich vorzubeugen: Mit der unsuggestiven szenischen Bebilderung von Philippe Arlaud, in der man vergeblich nach dem winzigsten Gedanken suchen kann, mit dem lächerlichen Stühle-Ballett also zum Beispiel, das sich im Bühnenhimmel über einer bemalten Pappkulisse formiert, bevor Bacchus und Ariadne erst dem aufgemalten Vollmond, dann einem gleißenden Licht entgegen schreiten - mit diesen Albernheiten hat das nichts zu tun. Das Wunder ist vielmehr, wie die Musik an diesem Abend ihre eigene Szene schafft, die so mächtig ist, dass ihr die Pappkulissen von Arlaud und die Grabbeltisch-Karnevalskostüme von Andrea Uhmann nichts anhaben können.
Dieses Wunder heißt erstens: Renée Fleming. Die als die Strauss-Sopranistin schlechthin begehrte Sopran-Diva debütierte in der Partie der Ariadne - ein Ereignis, das man spätestens seit Flemings Strauss-CD mit Christian Thielemann und den Münchner Philharmonikern, auf dem bereits Ausschnitte der „Ariadne“ zu hören waren, herbeisehnte. Wie die stolze „Besitzerin“ der womöglich schönsten Sopranstimme der Welt, ihre vokalen Schätze ganz in den Dienst einer empathisch nuancierten Verlebendigung dieser Rolle stellen kann, das war jetzt zu erleben. Die sahnig-flutenden Höhen, die betörend dunklen Mezzo-Färbungen, die satte, warme Mittellage: All diese Qualitäten ihres prächtigen Soprans gießt Fleming in berückende Melodiekurven, die den Seelenkosmos der zwischen Trauer, Verletzlichkeit und Glücksverlangen zerrissenen Prinzessin begreifbar machen.
Dass dies auf scheinbar mühelose Weise möglich wird, dass also die Straussschen Soprankantilenen beginnen, betörend zu schweben, dies ist - zweitens - Christian Thielemanns souveränem und tiefem Verständnis dieser komplizierten Strauss-Partitur zu verdanken. Die Musiker der Dresdner Staatskapelle, die mit Beginn der kommenden Saison offiziell die „seinen“ sein werden, folgen ihm vom ersten Ton der Ouvertüre an geradezu hingebungsvoll mit ihrem duftigen, durchsichtigen und geschmeidigen Klang, lassen sich im „Vorspiel“ zu gestisch irrlichternden Eulenspiegeleien verführen und behalten noch in den großen Steigerungen der „Oper“ eine zarte, leicht melancholisch getönte Distanz.
So kann sich auch ein Sänger wie Robert Dean Smith als Bacchus vorteilhaft entfalten: Statt seinen im Forte und in den Höhen bereits matt und ausgesungen klingenden Tenor ständig bis an die Schmerzgrenzen forcieren zu müssen, darf er - vom Orchester auf Händen getragen - in wunderschön phrasierten, dynamisch differenzierten Bögen zeigen, wie viel melodisches Einfühlungsvermögen in ihm steckt.
Mit Fleming, Thielemann und Sophie Koch, die mit flammendem Mezzosopran den flamboyanten Komponisten gab, knüpfte man in Baden-Baden noch einmal an das Erfolgstrio der „Rosenkavalier“-Aufführung von 2009 an. René Kollo kalauerte sich durch die Sprechrolle des Haushofmeisters, und Jane Archibald blieb den Kaskaden der mörderischen Zerbinetta-Partie nichts an Brillanz und Geläufigkeit schuldig, außer vielleicht einer ernsteren Empfindung, die über das Affektierte, Zur-Schau-Getragene der Koloraturen hinausgehen würde - aber die Frage nach dem Missverständnis dieser Partie wäre ein eigenes Kapitel.