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Gounod-Oper in Leipzig : Menschliche Dummheit, getarnt als Staatsräson

So viele Perücken, Petticoats, Plastikschwerter und wogende Reifröcke gab es seit Jahrzehnten nicht. Bild: Tom Schulze

140 Jahre war sie verschollen, jetzt erlebt sie ihre große Auferstehung: Anthony Pilavachi hat Charles Gounods Oper „Cinq-Mars“ in Leipzig in Szene gesetzt.

          Im Leipziger Opernhaus ging es zu wie beim Karneval in Köln. Eine so bestürzend üppige Assemblage aus Tressen, Locken, Orden und Blingbling, so viele Perücken, Petticoats und Plastikschwerter, so viele Kniebundhosen, Spitzenkragen und wogende Reifröcke gab es seit Jahrzehnten auf keiner Opernbühne mehr zu sehen. Kein Kunstblut. Keine Nackedeis. Wir sind so was gar nicht mehr gewohnt. Welcher Regisseur traut sich das wieder? Und: Warum?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Anthony Pilavachi hat sich für seine Inszenierung der Mantel-und-Degen-Oper „Cinq-Mars“ von Charles Gounod mit seinem Ausstatter Markus Meyer noch einmal in die alte Opernfundus-Wundertüte gestürzt, so beherzt und konsequent, dass der Nachtkritiker im Radio anschließend meint, es handele sich eventuell um Parodie. Das Gegenteil trifft zu: „Cinq-Mars“ ist ein wirklich böses, blutiges, ernsthaftes Stück. Eine Tragödie in vier Akten, unwiderstehlich fließend komponiert mit jener typisch „unseichten Leichtigkeit“, die Ulrich Schreiber so besonders gefiel am französischen Opernstil Gounods – aber auch mit Massenchören, dramatischen Tableaus und einer jederzeit aktualisierbaren politischen Storyline, wie nur je eine Grand Opéra. Auch das Ende ist echt grand-opéra-mäßig: spektakulär, aber hoffnungslos. Zum Showdown steigen die beiden hübschen jungen Adligen, die sich teils aus Liebe, teils aus Patriotismus für den Kampf in Tyrannos verschworen hatten, gemeinsam aufs Schafott. Man hört das Beil des Henkers fallen. Ein blechunterfütterter Trommelwirbel sowie zwei Pizzikato-Doppelpunkte, heftig und kurz in die Luft gestochen, bestätigen: Menschliche Dummheit, getarnt als Staatsräson, hat obsiegt. Mal wieder.

          Insgesamt hatte Charles Gounod zwölf Opern hinterlassen. In gelegentlichem Gebrauch sind nur noch zwei davon, nämlich seine Goethe- und Shakespeare-Adaptionen, die „Faust“-Oper sowie „Roméo et Juliette“. Dass jetzt, nach rund hundertvierzig Jahren Dornröschenschlaf, ausgerechnet der tief im Historismus wurzelnde, in den Jahren nach Krieg und Kommune entworfene „Cinq-Mars“ so glänzend wieder neu erstehen konnte, ist letztlich das Verdienst einer einzelnen Person: Nicole Bru. Sie hatte, aus Leidenschaft für die französische Romantik, vor acht Jahren das Institut „Palazzetto Bru Zane“ in Venedig gegründet und seither durchfinanziert: ein musikwissenschaftliches Zentrum, gewidmet dem Erbe der französischen Musik des neunzehnten Jahrhunderts. Seither sind schon ein gutes Dutzend Wiederentdeckungen geglückt. Das Aufführungsmaterial zu einer CD-Aufnahme von „Cinq-Mars“ kam 2015 zusammen, Ulf Schirmer dirigierte damals diese Ersteinspielung mit seinem Münchner Rundfunkorchester. Zufällig ist er auch Intendant in Leipzig, und, überzeugt von der Qualität der Gounodschen Musik, hat er sich für sein Haus gleich die szenische Wiederauferstehung reserviert.

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          Am Pult steht diesmal freilich nicht Schirmer, sondern der junge belgische Dirigent David Reiland. Er legt feurige Tempi vor und verführt das Gewandhausorchester zu Höchstleistungen, was Farbvaleurs und Durchhörbarkeit anbelangt. Auch die Klangbalance gerät beglückend selbstverständlich perfekt, wovon die Sänger profitieren. Alle, bis in die kleineren Nebenpartien, agieren glänzend. Einzig die Sopranistin Fabienne Conrad hat manchmal sängerisch schwächere Momente, obgleich auch sie wunderbar lebhaft spielt. Fast pausenlos steht sie als Prinzessin Marie de Gonzague auf der Bühne und singt um ihr Leben: Sie ist es, die, als Preis und Unterpfand und als eine femme fatale et fragile, in allen Schlüsselszenen der Politintrige gebraucht wird. Marie de Gonzague, später Königin von Polen, gab es wirklich am Hofe des französischen Königs Louis XIII, ebenso alle anderen Figuren, etwa ihr unsterblich Geliebter, der tollkühne Marquis Henri de Cinq-Mars, der zugleich (höchstwahrscheinlich) auch als Geliebter des Königs Dienste tat und dann plötzlich, zwanzigjährig, zwischen die Fronten gerät. Eine herrlich lyrische Tenor-Partie hat Gounod für seinen Titelhelden komponiert, mit ohrwurmverdächtigen Duos und Cavatinen (etwa im letzten Akt), was Mathias Vidal mit leuchtender Attacke und schönem Schmelz absolviert. Ihm zur Seite kämpft für Freiheit und Recht, wie es sich gehört, ein kraftvoll-sonorer Bariton-Freund: De Thou, großartig gesungen von Jonathan Michie. Mag sein, dass diese beiden Helden historisch und musikalisch auch so etwas wie ein geheimes Liebespaar sind. Offiziell allerdings liebt Cinq-Mars seine Marie, die nimmt ihm der fiese Kardinal (eine stumme Rolle) weg, schon nimmt das Schicksal seinen Lauf.

          Pilavachis Chor- und Personenführung ist so logisch und präzise, dass all diese historischen Bilderbuchfiguren sofort lebendig werden. Selbst wenn sie an der Rampe stehen und ihren Zorn oder ihr Leid direkt ins Publikum singen: Keinen Augenblick stellt sich das Gefühl ein, man wohne hier einem Kostümfest bei – nicht mal dann, wenn die Kurtisanen Marion Delorme (Danae Kontora) und Ninon de Lenclos (Sandra Maxheimer) just ein solches veranstalten, inklusive Tanz, Spiel und Hinterzimmer. Und auch ein, zwei surreale Irritationen hat Pilavachi eingebaut: Mitten hineingemalt in das nach Art Eschers endlos verwinkelte Schlosslabyrinth steht ein kleiner Mann und winkt. Oder: Mitten in der Ballettszene schält sich die Primaballerina eine Banane. Das sind dann jene Schaltstellen, bei denen das heilige Pathos der Handlung kurz entlüftet wird.

          Zwanzig Minuten rasender Beifall. Jubel und Tränen. Ja, es gab echte Ergriffenheit am Ende, denn die in Terzen geführte Preghiera von Cinq-Mars und Freund Le-Thou, die an Wucht und Feuer dem Freiheitsschwur von Posa und Don Carlo nicht nachsteht, in die aber bei Gounod ab der zweiten Strophe das ganze Volk mit einstimmt, hat einen starken Appellcharakter. Unmöglich, danach zur Tagesordnung überzugehen. Nur noch zweimal ist „Cinq-Mars“ dieser Tage in Leipzig zu erleben. Nur dreimal taucht das Stück in der nächsten Saison auf dem Spielplan auf.

          Quelle: F.A.Z.

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