05.03.2007 · Mit Hollywoodmündchen sieht sie so nett aus: Anna Netrebko singt an der Staatsoper Massenets „Manon“. Anders als im Salzburger „Figaro“ sieht man zwar viel Anna fürs Geld, doch vom Charme der Partitur ist leider nichts zu hören.
Von Julia Spinola, WienAnna ist in der Stadt. Im CD-Laden der Staatsoper hält sie Punkt Mitternacht Signierstunde. Zwei Nächte später ist das Phänomen Netrebko auf der Bühne zu bestaunen, in einer Rolle, die wie kaum eine andere Gelegenheit bietet, die Ebenen von Fiktion und Wirklichkeit reklameträchtig ineinanderfließen zu lassen.
Die Titelpartie von Jules Massenets „Manon“ erlaubt es der aus der südrussischen Provinz auf die Theaterbretter der Welt katapultierten Starsopranistin, auch auf der Bühne - statt nur in Talkshows und Videoclips - ausgiebig in ihrem Dauerklischee zu schwelgen: der unentwegten, selbstbespiegelnden Inszenierung ihres glamourösen Aufstiegs aus der Keuschheit der strengen Mariinsky-Schule ins Schmetterlingsparadies der bunten Blätter. Die Fans sind selig, weil das auf der Bühne gezeigte Märchen der auf halben Weg dem Kloster entflohenen, sodann zur Schönheitskönigin von Paris gekürten Kindfrau so echt erscheint, dass sie daran glauben können. Und weil man, anders als im Salzburger „Figaro“, so viel Anna sieht fürs Geld.
„Bedürfnis nach Flirt“ drückt sich in Musik aus
Nun ist Massenets Bearbeitung des berühmten Stoffes nach dem Roman des Abbé Prévost alles andere als ein plumpes Rührstück. Die Grenze von Süße und Sentiment wird hier raffiniert in der Schwebe gehalten. Private Tragödie, Genremalerei in den Massenszenen, eine bei den Bouffes-Parisiens abgeschaute frivole Leichtigkeit, die atmosphärische Beschwörung der „douce époque“ des achtzehnten Jahrhunderts und Kulminationsmomente des großen Affekts mischen sich zum betörenden Parfum.
Jenes „Bedürfnis nach Flirt“, das der „Manon“-Verehrer Debussy Massenet bescheinigte, drückt sich in einer Musik aus, die Eindeutigkeiten meidet und ihren Reiz eher aus einer virtuos eingefangenen Flüchtigkeit denn aus dem permanenten Druck auf die Tränendrüse bezieht. So süß und eingängig ihre wie aus dem Nichts heraus auftauchenden Melodien auch sind, erweisen sie sich doch, wenn man genauer hinhört, als recht flatterhafte, ihren Stimmungsumschwüngen wehrlos ausgelieferte und in permanenten Umfärbungen begriffene Gestalten.
Vom Charme der Partitur war nichts zu hören
Zwischen Arie und gesprochenem Dialog vermittelt Massenet durch mannigfache Übergänge vom Melodram bis hin zum begleiteten Rezitativ. Und auch die Orchestersprache glitzert vielgestaltig, statt sich mit viereckigen Begleitmustern zufriedenzugeben. Vom Charme dieser Partitur war leider am Premierenabend unter der Leitung von Bertrand de Billy nicht allzu viel zu hören.
Das Orchester der Wiener Staatsoper spielte die großen Linien süffig aus, steuerte effektvoll, doch allzu zielstrebig auf die Höhepunkte zu, pinselte auch das abwechslungsreiche instrumentale Kolorit kräftig aus - doch von den Geheimnissen der Andeutung, von süßen Tändeleien und fragilem Klangraffinement wusste es nichts. So zog in das Treiben auf der Cour de la Reine zu Beginn des dritten Aktes ausgelassene Oktoberfeststimmung ein.
Schwarze Stellwände und ein bisschen fauler Zauber
Der Madonna-, Michael-Jackson- und Netrebko-Clip-Experte Vincent Paterson gab im Oktober an der Los Angeles Opera mit einer „Manon“ sein Opernregiedebüt, die ganz auf die Präsentation des Traumpaares Netrebko/Villazón in Hollywood-Manier setzte. Als Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden wird sie im April in Berlin zu sehen sein. Die Wiener Produktion kann zwar nicht mit dem doppelten Glamourfaktor auftrumpfen - den Chevalier Des Grieux singt hier Roberto Alagna, der zuletzt als Bühnenflüchtling während einer laufenden Aida-Vorstellung an der Mailänder Scala Aufmerksamkeit erregte -, hat dafür jedoch wahrscheinlich die interessantere Inszenierung im Repertoire. Dem Regisseur Andrei Serban und seinem Ausstatter Peter Pabst gelingt es, zwischen Massenszenen und Kammerspiel zu vermitteln.
Die mannigfachen Stimmungen des Stückes halten sie einfallsreich in permanenter Bewegung. Die in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlegte Geschichte wird auf einer durch suggestive Filmprojektionen, jäh aus dem Schnürboden herabsinkende Plakatwände, lebensgroße Pappgestalten oder raffinierte Spiegeleffekte animierten Kulisse erzählt. Erst im Schlussbild, wenn alle Illusionen dahin sind, erkennt man, dass sie im Grunde nur aus schwarzen Stellwänden und ein bisschen faulem Zauber bestand.
Ihre Manon ist weder Kindfrau noch Femme fatale
An allen der zahlreichen Nebenfiguren hat die Personenregie gefeilt, und beinahe alle sind sie fabelhaft besetzt: allen voran zu nennen ist Adrian Eröd, als ein baritonal wie darstellerisch beeindruckender Lescaut und Ain Angers imposanter Graf Des Grieux. Und auch Alagna lief, beflügelt von den ersten Bravo-Rufen, zu großer Form auf, wenn sein Tenor auch in der Höhe schon bedenklich zu spleißen beginnt.
Manon wird als eine Schwester von Wedekinds Lulu gezeigt, als eine Reinkarnation der Schauspielerin Louise Brooks. Doch Anna Netrebko gelingt es kaum, das mit der geforderten Differenziertheit darzustellen. Sie hampelt und kichert, spitzt das Schmollmündchen und legt den Finger auf die Lippen, wackelt mit dem Po, legt den Kopf schief, geht über den großen Onkel und zupft unentwegt an sich herum. Ihre Manon ist weder Kindfrau noch Femme fatale. Sie ist nichts als ein verwöhntes Dummchen. Statt an die Brooks fühlt man sich, trotz des charakteristischen schwarzen Pagenkopfs, eher an Ingrid Steeger erinnert.
In jeder ihrer Geste liest man die Reklame ab
Natürlich sieht die Netrebko blendend aus und kann alles, auch das Allerwenigste, tragen. Und natürlich hat sie ein unvergleichliches, satt und samtig strömendes, narkotisierend schokoladendunkel umflortes Timbre. Auch an ihrer Intonation hat sie gearbeitet. Doch schon rein technisch gibt es Defizite: Ihre balsamische Stimme ist nicht flexibel und nicht leicht genug für die vielen Parlando-Schattierungen dieser Partitur.
Und statt Französisch singt sie ein kindliches Kauderwelsch, das alle Sprachkonturen in einem Meer dunkler Nasallaute ersäuft. Man sähe von alledem ab, wenn uns Anna Netrebko einmal gestattete, hinter ihre Designfassade zu blicken. Doch stattdessen liest man beinahe jeder ihrer Gesten die Reklame ab.