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Andres Veiels „Himbeerreich“ Kettensägensätze

Mit einer Betonung hier und einer kleinen Geste da machen großartige Schauspieler hochkomplizierte Sätze aus der Finanzwelt plötzlich verständlich. Trotzdem geht Andres Veiels Wirtschaftsdrama „Himbeerreich“ schließlich pleite.

© dapd Vergrößern Manfred Andrae (l.) und Ulrich Matthes in Andres Veiels „Himbeerreich“

Hundertzehn Minuten mit dem Zug Richtung Nordwest zu fahren, um im „Nord“-Haus des Stuttgarter Staatsschauspiels zu entdecken, dass es immer noch einen RAF-Spruch gibt, der mich aus einem Dämmerzustand zu reißen vermag, kam schon etwas unerwartet. 21.35 Uhr: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagte die wirklich böse Bankerin Dr. Brigitte Manzinger, nachdem sie mit fiesestem Hochmut von ihrer knallharten Killer-Bankarbeit erzählt hatte und schließlich doch auch ausgemustert worden war.

Da hatte die Uraufführung des Theaterstücks „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater in Berlin, in Veiels eigener Inszenierung schon eine Stunde vor sich hin gearbeitet, als mir der Satz einen Stoß gab und mir bewusst machte, dass ich mich inzwischen nicht mehr im geistigen Kampf gegen Turbokapitalismus, sondern nur noch im Kampf gegen die Langeweile befand. Bekanntlich die härteste aller Kampfsportarten. Erst später kam ich dahinter, dass der Spruch nicht von Ulrike Meinhof, sondern von Ingeborg Bachmann ist. Aber ich wollte mir auch „Die Würde des Menschen ist antastbar“ noch nie an den Kühlschrank kleben.

Hochkomplizierte Sätze, plötzlich verständlich gemacht

Dennoch ist die RAF-Spur in Andres Veiels Dokumentarstück deutlich. Weniger weil der Theatergänger in Stadtmitte die Straßenbahn Richtung Stammheim nehmen könnte. Sondern weil „Das Himbeerreich“ ein Ausdruck von Gudrun Ensslin ist, mit dem sie die reiche BRD meinte. Und weil Veiel mit seinem Stück die von Deutsche-Bank-Chef und RAF-Opfer Alfred Herrhausen verkörperte Kapitalseite seines berühmten Dokumentarfilms „Black Box BRD“ mit dem Vergrößerungsglas neu aufnimmt. „Das Himbeerreich“ ist eine Montage aus Interviews über die erste Liga der Banker, über ihr Sprechen und Denken, ihre brutale Intelligenz, ihre Geilheit auf Milliardengeschäfte, die Millionen ins Unglück stürzen können, und ihre Gewissensbisse, wenn sie eines Tages selber dran sind.

Premiere von "Das Himbeerreich" © dapd Vergrößern Ein übel gelaunter Mafiaboss hat mehr Herz als sie: Susanne-Marie Wrage als Frau Dr. Manzinger in Veiels Inszenierung

Dabei hatte sich „Das Himbeerreich“ so faszinierend aufgebaut: Fünf ältere Bankiers in scharfen Anzügen stehen auf der sehr schick metallisch leuchtenden, sehr leeren Bühne. Alle beruflich im Abseits. Erläutern uns, was wir Feuilletonheinze auf den Wirtschaftsseiten noch nie kapiert haben. Großartige Schauspieler, die hochkomplizierte Sätze plötzlich verständlich machen, durch eine Betonung hier, eine kleine Geste da: Da ist man doch hin und weg!

Ein gutes Gesetz

Mit dem Aufzug runtergeschwebt kommt bald Frau Dr. Manzinger. Ein übel gelaunter Mafiaboss hat mehr Herz als sie, die diese Versagertypen nun auseinanderzunehmen hat. Derartige Monstersätze sagt Susanne-Marie Wrage: „Wir stehen auch für ein Modell, das in sich utopisch ist und zugleich gesamtgesellschaftlich Maßstäbe setzt, wenn Sie so wollen: Ein breeding ground für eine ethisch fundierte community. Vielfalt, die wir diversity nennen, ist zu einem Wettbewerbsvorteil geworden.“

MoBi 11.01. Theater "Das Himbeerreich" © dpa Vergrößern Eines Tages sind sie selber dran: Manfred Andrae (l.) und Jürgen Huth in Veiels Inszenierung

Und dann ist das Stück doch irgendwie pleitegegangen. Fünf Schauspieler stehen meistens nur so da, wenn einer spricht, und ich erinnerte mich an die Kabaretttruppen, die ich als Kind im Fernsehen gesehen hatte. Und passend zu dieser Beobachtung: die komplizierten Satzgebilde, die ja auch dankenswerterweise wie eine Motorsäge durch unsere comedyversaute Sprachwelt schneiden, zerbröseln immer mehr. Die Anforderung ans Publikum wird immer noch kleiner.

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Ich glaube, es gibt im Theater das ungeschriebene Gesetz, dass ein Autor nicht sein eigenes Stück inszenieren sollte. Es ist ein gutes Gesetz, und das Stück von Andres Veiel könnte also noch eine große Zukunft haben.

Weitere Aufführungen

In Stuttgart:

Sonntag, 13. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Donnerstag, 24. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Freitag, 25. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Samstag, 26. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Donnerstag, 31. 1., 19,30 Uhr (ausverkauft)

Freitag, 01. 2., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Samstag, 09. 2., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Sonntag, 10. 2., 18.00 Uhr (ausverkauft)

Donnerstag, 14. 2., 19.30 Uhr
Freitag, 15. 2., 19.30 Uhr
Samstag, 16. 2., 19.30 Uhr

In Berlin:

Mittwoch, 16. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Donnerstag, 17. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Sonntag, 20. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Mittwoch, 23. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)
Montag, 28. 1., 19.30 Uhr (ausverkauft)


Dienstag, 12. 2., 20.00 Uhr (ausverkauft)
Dienstag, 19. 2., 20.00 Uhr (ausverkauft)
Samstag, 23. 2., 20.00 Uhr (ausverkauft)
Mittwoch, 27. 2., 20.00 Uhr (ausverkauft)

Quelle: F.A.S.

 
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