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Andrea Breth zum Sechzigsten In Dichterdiensten

 ·  Die Wunderlampe einer Ausgräberin: Andrea Breth, die Regisseurin der tieferen Blicke, zeigt uns, was das Theater heute noch kann. An diesem Mittwoch wird sie sechzig.

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Sie hat es schwer. Mit dem Theater und mit sich. Weil sie sich nicht dem Theater voranstellt, das Haus nicht betritt mit dem Willen zur Macht: Alles hört auf mein Ich-Kommando! - sondern weil sie sich dem Theater unterwirft. Mit dem Willen zum Gehorchen, wenn man „gehorchen“ als hohe Ohrenkunst versteht. Ihre Hauptberufsfrage also: Was bekomme ich zu hören? Und wer da zu ihr spricht, sind nicht die Moden, nicht Tendenzen, nicht das, was gerade auf der Straße herumliegt und was viele ihrer Kollegen aufheben, ins Theater mitbringen und daraus Szenen basteln.

Ihr Ohr ist ins Weite gerichtet. Von wo die Stimmen kommen, die ein ewiges, unbegreifliches Rätsel sind. Es sind die Stimmen der Dichter. Und ihrer großen Figuren. Ihnen hört sie so lange nach, bis sie Körper und Form annehmen und in die Phantasiekonturen von Schauspielern fließen und dort zu tönen, zu wirbeln, zu flirren anfangen, einmalige Gestalt annehmen - für den Moment. Und als seien sie, so jahrhundertalt sie auch scheinen, eben erst geboren. Deshalb wird für Andrea Breth jede Aufführung eines alten Stücks immer zur Uraufführung. Von ihr lange, geduldig und mühefroh durchhorcht. Man sieht dann wahrhaft in ihren besten Fällen: ein bis dahin Unerhörtes.

Nichts Kleingemachtes, nichts Mundgerechtes

Das ist der gnadenlos schwerste Dienst, dem sich ein Theatermacher unterziehen kann: Diener der Dichter zu sein. Nicht sie zu beherrschen. Nicht ihnen zu zeigen, wo es langgeht. Vielmehr: sich von ihnen völlig neue, unbegangene Wege zeigen lassen, ihren schwer lesbaren, aber umso kostbarer zu entziffernden Navigationszeichen (und manchmal sind es nur Sternbilder) auszuliefern. (Dieses Genie-Geheimnis teilt Andrea Breth mit den paar anderen großen europäischen Regisseuren, den „Big Six“, zu denen sie unbedingt zählt: Luc Bondy, Peter Stein, Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Patrice Chéreau.)

Wer hätte gedacht, dass Ferdinand und Luise in Schillers „Kabale und Liebe“ einen irrwitzigen, naturgemäß todgeweihten Paarlauf durch ein zwar verfehltes, aber toll geträumtes Leben versuchen? Andrea Breth hat es 1984 im Stadttheater Freiburg so gedacht. Weil sie es den Figuren ablauschte, ihrem Gleiten und Rutschen. Und sie durch ein riesiges Bühnenbild und einen sich windenden, im Hintergrund verschwindenden Korridor wie Schlittschuhläufer in die Tragödie hineinziehen ließ. Arm in Arm. Und Verzweiflung in Verzweiflung. Sie schaute es ihnen ab - und sah es ihnen nach.

Da hatte Andrea Breth, aus Füssen gebürtig, in Darmstadt aufgewachsen, nach einem kurzen Germanistikstudium in Heidelberg inklusive einer Regieassistenz am dortigen Stadttheater erste Bremer, Wiesbadener und Hamburger Regie-Versuche hinter sich. Und war mit „Emilia Galotti“, zu der sie Kurt Hübner an seiner Berliner Freien Volksbühne verführte, grandios gescheitert. Zusammengebrochen unter der Wucht und der Größe von Lessings Stimmen. Aber immerhin: unter ihrer Größe. Nichts Kleingemachtes, Mundgerechtes, Her- und Hingerichtetes.

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