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Opernaufführung in Brüssel : Hoffnung ist ein süßes Gift

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In der Pose einer Nike: Angeles Blanca Gulin (Mitte) als Frau in Rihms „Gehege“ Bild: B. Uhlig / La Monnaie De Munt

Andrea Breth verknüpft durch ihre Regie in Brüssel sinnfällig die Opern „Il Prigioniero“ von Luigi Dallapiccola und „Das Gehege“ von Wolfgang Rihm. Die Sopranistin Ángeles Blanca Gulín verausgabt sich total.

          Kurzopern finden im Betrieb kaum Halt. Weil sie nicht in das abendfüllende Raster der Spielplangestaltung passen, verschwinden sie oft nach der Uraufführung aus der Öffentlichkeit. Gelingt es, ein Stück mit einem geeigneten Partner zu verkuppeln, kann aus ihnen freilich ein Kassenschlager werden. Paradebeispiel ist die unverwüstliche Paarung „Cavalleria rusticana“ / „Bajazzo“ von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo. Es hat freilich auch seinen Reiz, wenn ein attraktiver Einakter mit wechselnden Partnern in den Spielplänen auftaucht. So erlebt die Kurzoper „Il Prigioniero“ (Der Gefangene) von Luigi Dallapiccola in jüngster Zeit in immer neuen Kombinationen eine erstaunliche Renaissance. Sie ist schon mit Stücken von Dallapiccola selbst („Nachtflug“, „Hiob“), mit Béla Bartóks „Blaubart“, Giacomo Puccinis „Suor Angelica“, Arnold Schönbergs „Erwartung“ oder mit Bernd Alois Zimmermanns „Ekklesiastischer Aktion“ zusammengebracht, gar in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ hineingepfropft worden.

          Eine erstaunlich stringente Ergänzung erfährt die Gefängnisoper jetzt am Brüsseler Théâtre de la Monnaie durch das Kurzstück „Das Gehege“ von Wolfgang Rihm. Beide Male geht es um das Verhältnis zwischen einem Gefangenen und seinem Wächter – seinem vermeintlichen Befreier –, zwischen Täter und Opfer, um das Gefühl des Eingesperrtseins und den Drang nach Freiheit. Dallapiccolas Gefangener ist Opfer eines Unterdrückungsapparats, der zur perversesten Form der Folter greift: zum süßen Gift der Hoffnung. Heuchlerisch nährt der Großinquisitor in Gestalt des Gefängniswärters in dem Häftling die Illusion, er könne freikommen, lässt auch noch die Zellentür offen – um ihn schließlich gnadenlos dem Scheiterhaufen zuzuführen.

          Spartanische Regie

          „Il Prigioniero“ war in Zeiten des Kalten Krieges ein vielgespieltes Stück, dessen Stoßrichtung gleichermaßen gegen faschistische wie kommunistische Systeme gedreht werden konnte. Heute bezieht es seine Brisanz aus den Gemetzeln im Namen vorgeblich religiöser Motive und aus neuen totalitären Tendenzen. Rihms „Gehege“ verweist auf einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte, von dem an die Hoffnung auf Freiheit grenzenlos zu sein schien. Das Monodram beruht auf dem Theaterstück „Schlusschor“ von Botho Strauß, das kurz nach dem Fall der Mauer spielt und noch unter dem Eindruck der damaligen Geschehnisse entstanden ist. Rihm vertonte lediglich die letzte Episode, die jedoch Wort für Wort. In der „nächtlichen Szene“ schleicht eine Frau in den Zoo, befreit dort den Adler aus dem Käfig, versucht, sich ihm hinzugeben, und tötet ihn schließlich. Die Befreierin wird zur Mörderin.

          Die Symbolik der bizarren Episode ist so unübersehbar wie vieldeutig. Dass die Frau und das deutsche Wappentier nicht zu einer friedlichen Koexistenz finden, der Akt der Befreiung das Tor zur Tortur öffnet, ist zumindest ein ebenso fatalistisches Resümee wie die Freiheitserwartung für Dallapiccolas Gefangenen. Rihm hat sein „Gehege“, anders als Strauß, weniger deutlich in der deutschen Aktualität als vielmehr im Mythos beheimatet und begreift es mit „Penthesilea“ und „Aria / Ariadne“ als Teil einer Trilogie.

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