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Breth am Wiener Burgtheater : Jeder ist für seine Zerstörung selbst verantwortlich

Alles bleibt von Anfang bis Ende gleich schmutzig und unaufgeräumt: Sven-Eric Bechtolf und August Diehl in Andrea Breths Inszenierung am Wiener Burgtheater Bild: Bernd Uhlig

Unerbittlicher Kampf der Lebenslügen: Andrea Breth inszeniert Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Wiener Burgtheater. Das Unglück ist längst geschehen, jetzt geht es um den Schmerzensprofit.

          Meeresrauschen, glücklose Fahrt: Die Wellen schlagen, Nebel zieht auf, und drinnen zerstechen sie sich die Herzen. Was nützt die Liebe in Gedanken, wenn in den Worten nur Hass, Bosheit und Verleumdung übrig bleiben? Wenn jede Anrede allein aufs eigne Ich zielt, in jeder Mitleidsbekundung die Hoffnung mitschwingt, dass es dem Andern noch schlechter gehe als einem selbst? Um sich aneinander wund zu reiben, trifft sich die Familie Tyrone im Wohnzimmer ihres Sommerhauses, das ist ihre Bestimmung an diesem Augusttag im Jahre 1912: so tief in den jeweiligen Abgründen zu wühlen, bis aller Lebensdreck nach oben geschaufelt ist.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt keine eigentliche Handlung in Eugene O’Neills 1941 geschriebener, aber – wie testamentarisch verfügt – erst fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod veröffentlichter Tragödie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Alle signifikanten Ereignisse in diesem ganz aus dem Seelenkerbholz des Autors geschnitzten Stück haben in der Vergangenheit stattgefunden. Die Unglücksfälle sind längst geschehen, jetzt geht es für die vier Familienmitglieder nur noch darum, wer den größten Schmerzensprofit daraus schlagen kann.

          Kein Schicksal, kein Gott

          Statt eines Spannungsbogens präsentiert O’Neill eine andauernde Zermürbungssuada ohne Peripetie und Reinigung. Alles bleibt von Anfang bis Ende gleich schmutzig und unaufgeräumt. Mary, die Mutter, ist schwer morphiumsüchtig und kann ihren Rückfall nicht verheimlichen. Ihr Mann James, ein alter Bühnenstar irisch-katholischer Abstammung, säuft sich die Enttäuschung aus dem Leib, ohne sich je die Chance auf einen theatralischen Auftritt entgehen zu lassen. Die beiden Söhne leiden an schweren Krankheiten: Edmund, der jüngere, hat die Schwindsucht, und James junior – ewiger Fußstapfenvermesser seines Vaters –, ist von giftigem Zynismus befallen.

          Jeder ist hier für seine Zerstörung selbst verantwortlich, es gibt kein Schicksal, keinen Gott, alle Schuld liegt im Charakter begründet, der selbstsüchtig und nachtragend ist. „Die Vergangenheit ist unsere Gegenwart und Zukunft“, sagt Mary und gibt den Tyrones damit die Marschrichtung vor. Vergessen gilt nicht, stattdessen wird hier eine Lebensbeichte nach der anderen abgelegt – Schreckenserinnerungen an Krankheit, Kindstod und betrogene Illusionen plätschern dahin wie Wettereinschätzungen beim Smalltalk. Jeder Vorwurf provoziert einen nächsten, jede Erniedrigung führt zum sofortigen Gegenschlag. Die psychologischen Parteinahmen wechseln ständig, das Familiendasein ist ein unerbittlicher Kampf der Lebenslügen, unterbrochen nur von „tödlichem Schweigen“, wie es in den Regieanweisungen heißt.

          Wasserlachen als Wiederholung und Variation des einen existentiellen Themas: August Diehl und Alexander Fehling in Andrea Breths Inszenierung von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“
          Wasserlachen als Wiederholung und Variation des einen existentiellen Themas: August Diehl und Alexander Fehling in Andrea Breths Inszenierung von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ : Bild: Bernd Uhlig

          Der allgegenwärtige Nebel steht als Symbol für das menschliche Unvermögen, sich selbst zu erkennen. „Er versteckt dich vor der Welt und die Welt vor Dir“, schwärmt Mary und beschreibt damit gleichzeitig die beglückende Wirkung des Morphiums. In Wien gibt Corinna Kirchhoff sie als dominante, um äußere Haltung bemühte Mater dolorosa, die noch in der tiefsten Verzweiflung Heroin bleibt und einen Giftpfeil gegen den geizigen Ehemann abschießt. Ihre Stimme schraubt sich in die höchsten Höhen, um im nächsten Moment rasant in die Tiefe zu stürzen, sie bettelt, zetert, höhnt und säuselt so schnell und wild durcheinander, dass es einem unheimlich wird. Wenn einer ihrer Verwandten sie misstrauisch anschaut und auf ihre Sucht zu sprechen kommt, wird ihre Stimme jäh schneidend trocken: Rheumabeschwerden habe sie, nichts weiter. Sie, die ihre Ehe nur noch als Gefängnis ansieht und sich bei jeder Gelegenheit nach ihrer unschuldigen Kindheit zurücksehnt, hat panische Angst vor dem Alleinsein. Was immer in ihrer Nähe ist, benutzt sie als Halt – selbst wenn es nur die aufgescheuerten Knie des Dienstmädchens (lustvoll-kokett: Andrea Wenzl) sind.

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