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André Heller „Es ist ewig schade, daß die Welt das nicht zu sehen bekommt“

16.01.2006 ·  Anderthalb Jahre Arbeit stecken bereits in der Eröffnungsgala zur Fußball-WM. Jetzt hat die Fifa sie abgesagt. André Heller über Ausweich- und Ersatzgedanken, Tore, die aufs Spielfeld laufen, und was wir sonst noch verpassen werden.

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Zum ersten Mal sollte im Juni in Berlin ein den Eröffnungsveranstaltungen von Olympischen Spielen vergleichbares Ereignis auch einer Fußballweltmeisterschaft vorausgehen. Motto: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Die künstlerische Leitung des von der früheren Bundesregierung mit auf den Weg gebrachten und danach vom Internationalen Fußballverband Fifa übernommenen und finanzierten Prestige-Unternehmens hatte der österreichische Multimedia-Künstler André Heller. Seit eineinhalb Jahren wurden dafür umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Jetzt hat die Fifa das Großereignis mit der Begründung abgesagt, der Rasen im Berliner Olympiastadion werde dadurch Schaden nehmen.

Herr Heller, wann ist das Thema Rasen zum erstenmal aufgekommen? Hat man daran nicht früher gedacht?

Man muß das in einem größeren Zusammenhang sehen. Das war alles streng geheim, aber jetzt kann ich ja darüber reden: Bis zur Premiere hätten wir in das Stadion einen LED-Boden in der Größe eines Spielfeldes eingebaut. Sie müssen sich das so vorstellen, daß sich die ganze Rasenfläche in einen riesigen, computergesteuerten Flachbildschirm verwandelt hätte, der unsere Bühne gewesen wäre. Auf dieser LED-Bühne wären dann in manchen Augenblicken bis zu dreizehntausend Menschen mit ebenfalls computergesteuerten Kostümen aufgetreten, zudem noch mit Projektoren von außen bestrahlt, so daß man nicht mehr gewußt hätte, was Schein und was Sein ist, wo die Realität endet und wo die Illusion beginnt.

Das erforderte einen unglaublichen, noch nie dagewesenen technischen Aufwand. Die Ausrüstung hätte wochenlangen Aufbau, aber auch einen Abbau innerhalb von etwa fünfzehn Stunden erfordert. Zuvor wäre der Rasen abgetragen und später wieder aufgerollt worden. Am 7. Juni hätte also die Gala stattgefunden, am 8. Juni abends wäre der neue Rasen verlegt worden, und am 12. Juni hätten die Brasilianer mit ihrem Training beginnen können. Dafür war ich aber nicht zuständig, ich bin für die Show verantwortlich. Der Rasen war immer ein Problem der Fifa.

War sich die Fifa dessen von Anfang an bewußt?

Selbstverständlich war allen Beteiligten klar, und zwar von der ersten Sekunde an, daß zu einer Fußballweltmeisterschaft ein voll spielfähiger Rasen gehört. Die Fifa war bisher wie ich der Meinung, daß das zu schaffen ist. Am Donnerstag nun hat sie mir mitgeteilt, ihr Kerngeschäft sei nicht Kunst, sondern Fußball. Und wenn nur eine winzige Gefahr bestehe, daß die mythenumwobenen Brasilianer auf einem nicht weltmeisterlichen Rasen antreten müßten, könne die Priorität nicht auf der Show liegen.

Es wird auch über andere Gründe spekuliert. Wie steht es mit dem künstlerischen Anspruch?

Seit mindestens einem Jahr wußte die Fifa über den Inhalt Bescheid. Das ist eine durchaus kritische, dem Fußball mit Ironie begegnende Inszenierung. Auch die Wahrheit über den Ort wird nicht ausgespart. Hitlers Olympiastadion, der Schauplatz für Leni Reifenstahls Olympiafilm. Wir wollten keine Hofberichterstattung. Die Fifa wußte das. Am Inhalt der Show lag es garantiert nicht.

Und an der Finanzierung?

Das Budget stand von Anfang an fest und wurde von uns nie überschritten. Wir haben uns immer im Rahmen von fünfundzwanzig bis dreißig Millionen Euro bewegt. Natürlich hat die von uns geplante Show für einen Privatmann gigantische Ausmaße, im Vergleich zu anderen Ereignissen dieser Art aber bewegen wir uns eher in einem moderaten Rahmen.

Ursprünglich war ja die Bundesregierung für die Gala zuständig. War es eigentlich nicht leichtsinnig, die Verantwortung und die Finanzierung an die Fifa abzutreten?

Man muß die ursprüngliche Situation in Erinnerung rufen. Wir, das heißt der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, Otto Schily und ich, haben bei mir in Gardone zusammengesessen und gedacht: Wieso hat eigentlich die Fußballweltmeisterschaft keine Eröffnungsveranstaltung wie die Olympiade? Herr Schröder meinte damals, das sei doch eine herrliche Möglichkeit, aus dem friedlich wiedervereinigten Deutschland ein Signal hinaus in die Welt zu senden, wes Geistes Kind wir sind. So fing es an. Die Fifa hat dann davon erfahren, es gab ein Treffen auf Wunsch von Joseph Blatter in Wien. Wir alle waren froh und haben gedacht, das ist ja wunderbar, daß unsere Idee der Fifa fünfundzwanzig Millionen Euro wert ist und der deutsche Steuerzahler keinen Groschen dafür hinlegen muß.

Ich weiß noch, wie Otto Schily und ich mit einem Glas Rotwein auf dieses Erfolgserlebnis angestoßen haben. Von diesem Tag an war also nicht mehr die Bundesregierung zuständig, sondern die Fifa, und statt der Eröffnungsveranstaltung der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland wurde es die Weltmeisterschafts-Gala der Fifa. Dadurch veränderte sich auch das Konzept. Die Fifa wollte eine Zeremonie, etwas wie die olympische Flamme. Wir sollten für die Zukunft eine Tradition begründen.

Spielt bei dem ganzen Geschehen nicht auch ein wenig die Rivalität zwischen Berlin und München eine Rolle? Denn die Gala hätte ja in Berlin stattfinden sollen, das Eröffnungsspiel wird aber in München ausgetragen.

Es gab von Anfang an Bestrebungen, die Eröffnungsgala in München zu machen. Die Begründung war, und dagegen läßt sich schwer argumentieren, daß es in München ja ein leerstehendes Olympiastadion gibt, das für kein Spiel benötigt wird, wo man länger hätte proben können und auch der Rasen keine Rolle gespielt hätte.

Warum hat man diese Idee nicht weiterverfolgt?

Weil es der politische Wille war, die Eröffnung in der Hauptstadt durchzuführen. Das ist ja kein absurder Gedanke. Wenn die Weltmeisterschaft in Frankreich oder England ausgetragen würde, fände eine Eröffnungsveranstaltung ja auch in Paris oder London statt.

Aber wäre ein Umzug in eine andere Stadt, vielleicht sogar ins Münchner Olympiastadion, nicht doch noch möglich?

Wir müßten ein Drittel des Programms eliminieren. Dann müßte die gesamte technische Planung neu beginnen, weil ja alles auf die Architektur des Berliner Olympiastadions zugeschnitten wurde. Es gibt etwa im Marathontor eingebaute Bühnenteile. Das wären immense zusätzliche Kosten. Außerdem finde ich es nicht seriös, eineinhalb Jahre lang fünf Tage in der Woche an etwas zu arbeiten und dann zu sagen, wir könnten das in zwei Monaten hinschustern.

Kann man nicht wenigstens Teile der Gala retten?

Schauen Sie, die Pointe liegt in diesem LED-Boden, der eine vollkommen surreale Grundstimmung schafft. Wir können 25.000 Bilder mit dem Computer individuell ansteuern und nebeneinanderlegen. Wir können die unglaublichsten Muster daraus machen oder es als Farbuntergrund verwenden. Man kann eine Wasseroberfläche schaffen, und jeder Schritt, den ein Mensch darauf setzt, wirkt so, wie wenn man im Wasser geht und Wellen erzeugt werden.

Offenbar ist das einzige, was Sie nicht erzeugen können, ein Rasen, auf dem die Brasilianer spielen können.

Wir haben einen Rasen, aber es ist halt leider ein künstlicher. Es gibt da eine wunderbare Szene von etwa zehn Minuten, die wir uns ausgedacht haben, ein surreales Fußballspiel, bei dem das Spielfeld zurückschlägt. Das Spielfeld, das immer getreten wird, auf dem Menschen ständig hin und her rutschen, schlägt zurück, verändert sich. Da sieht man dann auch vielbeinige Fußballspieler, die der Choreograph Philippe Decouflé entwickelt hat, bei denen man nicht mehr weiß, welcher Fuß gerade im Spiel ist. Plötzlich verändern sich die Linien, werden die Tore kleiner und fangen an, ins Spielfeld zu laufen. Solche Dinge gibt es.

Könnte sich nicht die Bundesregierung einschalten, um noch etwas zu retten?

Sie könnte. Aber die Bundesregierung wird es nicht finanzieren. Ich habe jetzt den Künstlern mitgeteilt, daß die Gala nicht stattfinden wird.

Wie haben die Künstler reagiert?

Philippe Decouflé war wirklich verzweifelt und wütend zugleich. Denn er hat einen Film, den er drehen wollte und der für ihn wichtig gewesen wäre, abgesagt. Vor eineinhalb Milliarden Menschen neunzig Minuten lang zaubern zu können erschien ihm Ersatz genug. Peter Gabriel hat mir gerade eine Stunde durchkomponierte Musik vorgespielt, Brian Eno hat eine zehnminütige Fifa-Zeremonienmusik geschrieben. Wir haben Künstler aus Tibet, aus Afrika, aus Südamerika unter Vertrag. Lang Lang hätte zum Beispiel zu einem realen Feuerwerk ein Klavierfeuerwerk hinzuimprovisiert. Also da ist schon sehr, sehr viel geschehen.

Hat Ihnen Herr Blatter die Absage persönlich mitgeteilt?

Nein, ich bin zu einem routinemäßigen Rapport nach Zürich geflogen. Aber die Verantwortlichen wollten gar nichts sehen, sondern haben mir nur mitgeteilt, daß alles abgesagt werde. Ich glaube, daß es ewig schade ist, daß die Welt das nicht zu sehen bekommt. Im Grunde ähneln sich all diese Eröffnungsfeiern. Aber wir wollten es wie ein Theaterstück inszenieren, ein Theaterstück in einer Arena.

Wir wollten die technischen Möglichkeiten im Jahr 2006 nutzen. Sinnlichkeit stand an oberster Stelle. Wir wollten etwas machen, was eine große Schönheit besitzt, mit Ernst und Ironie und hoher Energie - aber gleichzeitig für Kinder und Erwachsene, für Intellektuelle und Arbeiter funktioniert. Kann man nicht ein Massenereignis inszenieren, das so subtil und gleichzeitig so wirksam ist, daß Menschen, die uns das Kostbarste von sich geben, nämlich neunzig Minuten von ihrem Leben, sich nicht um diese neunzig Minuten betrogen fühlen? Das wollten wir.

Mit André Heller sprach Wolfgang Sandner.

Quelle: F.A.Z., 16.01.2006, Nr. 13 / Seite 33
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