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Veröffentlicht: 16.02.2010, 19:42 Uhr

Amsterdamer Ballett-Sternstunde Wir sind alle Don Quichotte

Ein Titelheld, der nicht tanzen kann und dennoch einem Klassiker der Tanzkunst den Namen gibt: In Amsterdam hat nun der Choreograph Alexei Ratmansky den „Don Quichotte“ auf geniale Weise neu gedeutet. Alles fliegt, springt, dreht, battiert und schwirrt, dass es eine Lust ist.

von Wiebke Hüster
© Angela Sterling Faszinierte Zuschauer auf der Bühne und im Parkett: Kitri (Anna Tsygankova)

Was als seltsamer Einfall der Ballettgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts anmuten mag – ein Titelheld, der nicht tanzen kann –, hat sich als eines der erfolgreichsten Werke erwiesen: „Don Quichotte“, nach Motiven des Romans von Miguel Cervantes, zählt spätestens seit Jean-Georges Noverres Version von 1768 zu den Klassikern der Tanzkunst.

Worin das Geheimnis dieses Erfolgs liegt, arbeitet eine funkelnd neue Fassung heraus, die der ehemalige Direktor des Bolschoi-Balletts und seit einem Jahr Hauschoreograph des American Ballet Theatre, der einundvierzigjährige Alexei Ratmansky, jetzt mit dem niederländischen „Het Nationale Ballet“ im Amsterdamer Muziekteater uraufgeführt hat. Das Ballett verstärkt die Logik des Romans. Dieser erzielt seine komödiantische Wirkung durch das Auseinanderfallen von Don Quichottes Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Realität aller anderen handelnden Figuren.

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Wenn sich nun aber alle in der Sprache des Tanzes ausdrücken, nur der Ritter von der traurigen Gestalt und sein kleiner dicker Knappe umherstolpern, ist der Boden aller komischen Missverständnisse – und auch der tragischen Einsamkeit des Helden am Ende – schon bereitet. Der mit dem Kopf in den Ritterromanwolken steckende Leser als Titelheld steht mit zwei linken Füßen auf der Erde, während um ihn herum ständig noch gesteigerte Schwierigkeiten des klassischen Tanzens präsentiert werden.

Don Quichotte B 2 © Angela Sterling Vergrößern Der Schlaf der Vernunft gebiert Kakteen: Don Quichotte (Peter de Jong)

Durch stetiges Steigern baut sich Spannung auf

Alles fliegt, springt, dreht, battiert, schwirrt durch glissade assemblé und pas de basque, grand jeté und entrelassé, dass dem Publikum schwindlig wird. Das Thema dieses Balletts ist seit Marius Petipas bahnbrechender Fassung von 1869 sein ins absolut Virtuose gesteigerter Umgang mit dem klassischen Schrittmaterial sowie mit einer Dramaturgie, die auf dem Prinzip der Steigerung basiert: von der einzelnen Variation über die Szene bis zum übergreifenden Bogen über drei Akte hinweg.

Wie hier Spannung aufgebaut wird durch vorauspreschende Temposteigerungen, retardierende Momente, den Wechsel von spanischem Charaktertanz auf Absatzschuhen und Spitzentanz, das zeugt von einer sehr genauen Vorstellung des angestrebten Gesamteindrucks. Alles läuft entsprechend Petipas grandioser Dramaturgie auf den Höhepunkt des Stücks zu, den grand pas de deux des nach vielen bestandenen Abenteuern und überwundenen Hindernissen glücklich vereinten Paares Kitri und Basilio. Wenn das Thema der Virtuosität auf mehreren Ebenen augenfällig wird, so haben in reizvollem Kontrast dazu in Don Quichotte alle Nichttänzer im Publikum einen Stellvertreter auf der Bühne: Hier sehen sie ihr regungsloses Staunen blechern gerüstete Gestalt annehmen.

Besonders deutlich wird das in dem vielleicht bezauberndsten, dem zweiten Akt von Ratmanskys Inszenierung. Da träumt der Ritter sich wieder einmal fort aus der Wirklichkeit. Und während ihn zunächst mannshohe laufende Kakteen umzingeln, die zu Schlimmerem mutieren: zu Monstern wie von Hieronymus Bosch, so wandelt sich sein Erschrecken kurz darauf in elysische Entrückung, wenn Nymphen und Cherubine in griechischen Tuniken und kurzen Tutus zwischen hochstengligen Kelchblüten und flirrenden Gräsern erscheinen. Jerome Kaplans sensationell schöne Ausstattung verbindet hier eine fast virtuell moderne Anmutung mit dem traditionellen Habit der an die Elfen alter englischer Kinderbücher erinnernden Cherubine.

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