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„Die Wildente“ in Zürich : Schnippisch ist die Schicksalsträgerin

Mit sorgfältiger Anstrengung und scharfem Blick für die Schönheit der Lebenslüge: Marie Rosa Tietjen als Hedvig in der Zürcher „Wildenten“-Inszenierung Bild: Matthias Horn

Mit der Lüge lebt es sich leichter als mit der Wahrheit: In Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama „Die Wildente“ wird ein Familienleben zugrunde gerichtet. Marie Rosa Tietjen als Hedvig lohnt die Fahrt nach Zürich.

          Ein Kind. Sie ist doch nur ein Kind. Ohne Gesinnung, ohne Gewissen. Alles was sie braucht, ist Liebe und Sicherheit. Worauf die baut, ist ihr egal. Wie weich auch der Boden ist, auf dem das Fundament steht, selbst wenn es ein Sumpf ist, Hauptsache, das Haus hält. Hauptsache, die Familie bleibt zusammen. Alles würde sie tun, diese dreizehnjährige Hedvig Ekdal, sogar ihre geliebte Wildente erschießen, damit der Vater sich nicht von ihr abwendet. Sie wieder in die Arme schließt und ihr gut ist.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Im weißen Rüschenkleid tastet sie sich zitternd an einer Wand entlang, die mit Tiertrophäen gepflastert ist, blinzelt ängstlich staunend, ungläubig angesichts dessen, was hier vor sich geht. Denn ihr reines, gutes Gefühl hat unversehens einen bösen Gegner bekommen: die Moral. Mit brachialer Gewalt hat sie eingeschlagen in die abgeschiedene Sphäre ihrer kleinen, trauten Familie. Hat sich eingemischt, um aufzumischen, was all die Jahre ruhig und froh dahinging.

          In seliger Täuschung

          Gregers, der heimgekehrte Sohn eines reichen Großhändlers, hat ein krankes Gewissen, das beruhigt werden will. Sein Vater hat die Ekdals nämlich nicht nur geschäftlich in den Ruin getrieben und gedemütigt, er hat auch sexuell gewildert: Hedvig ist in Wahrheit sein Kind. Ihre Mutter, Gina, hat er geschwängert als sie in seinen Diensten stand und dann abgeschoben in die Ehe mit Hjalmar, dem trotteligen Sohn seines früheren Geschäftspartners. Der hat von nichts gewusst, lebte in seliger Täuschung: Er hat Hedvig als sein Kind geliebt und umsorgt. Nie daran gedacht, dass Fremdheit an ihr sein könnte. So wie er seine Fotos entwickelt und retuschiert, so behandelt er auch das Leben: Als Abzug der Wirklichkeit, an dem das eine oder andere noch bearbeitet werden muss, aber das im Großen und Ganzen ganz passabel aussieht. Kein Grund jedenfalls, wegen ein paar dunkler Flecken alles in Frage zu stellen und wegzuwerfen.

          Wie viel Wahrheit verträgt ein Familienleben? Christian Baumbach als Vater Hjalmar und Marie Rosa Tietjen als Tochter Hedvig

          Doch nun fällt bei den Ekdals in der Gestalt von Gregers ein moralischer Rigorismus ein, der alle Retuschen brutal offenlegen, alle Lebenslügen ans Licht bringen will. Mit seinem „Rechtschaffenheitsfieber“ und fanatischem Idealismus zerstört er innerhalb eines Tages das Familienleben. Er räumt gnadenlos mit allen Illusionen auf, bringt bitterste Aufklärung über das Geschehene. Und Hedvig zittert. Mit dem Rücken zum Publikum steht sie da, die Hände wollen sich verschränken, aber finden nicht mehr zueinander, unruhig schießt sie Sätze hervor, so schnell, dass man sie kaum versteht. Marie Rosa Tietjen spielt diese Hedvig als ein bissiges Kind, das nicht einsehen will, welchen Vorteil ein reiner Tisch haben soll, wenn keiner mehr daran sitzt. Ist sie bei Ibsen vor allem als hilflose Opferfigur angelegt, verleiht Tietjen ihrer Hedvig die eigenartige Souveränität einer schnippischen Schicksalsträgerin. Sie ist stolz auf ihre Besonderheit, zwinkert und lispelt drauflos und erhebt ihre gepresste Stimme gegen die ethischen Forderungen von Gregers (der bei Milian Zerzawy – texttreu mit „Schnurrbart und Kraushaar“ – allerdings kein gefährlicher Moralfanatiker, sondern nur ein harmlos-spröder Naturbursche ist, der seinem Gegenüber gern die Hand auf die Schulter legt).

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