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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Alfred Brendel zum Achtzigsten Klavierspielen hat ihm nie genügt

 ·  Der Pianist Alfred Brendel verstand sich immer auch als Charakterdarsteller am Klavier: Vielseitig begabt und universell gebildet, errichtete er aus Musik eine eigene Welt. Heute wird er achtzig.

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Vor zwei Jahren hat er sich als einer der größten Pianisten unserer Zeit von den Konzertpodien verabschiedet – und doch ist Alfred Brendel präsent wie eh und je. Nicht nur als Verfasser von Gedichten und Kurzgeschichten, als Autor und Vortragender musikästhetischer Aufsätze und als Lehrer, der seine Einblicke in die Geheimnisse der Musik in seinen Meisterkursen einer jüngeren Interpretengeneration (keineswegs nur Pianisten!) weitergibt; vielmehr wirkt Brendel auch als Pianist beharrlich fort – obwohl er seit seinem letzten Konzert am 18. Dezember 2008 konsequent als solcher nicht mehr auftritt. Aber in den Köpfen und Herzen lebt die (auch durch neu veröffentlichte Konzertmitschnitte ständig auffrischbare) Erinnerung an seine Kunst weiter. Und hier hat sie – man muss das abgegriffene Wort bemühen – Maßstäbe gesetzt, hinter die man nicht mehr zurückmöchte.

Nichts wäre Brendel sicher unangenehmer, als jetzt, nach dem Ende seiner Konzertkarriere, zu einem Säulenheiligen des Klavierspiels stilisiert zu werden. In künstlerischen Dingen von Größe und Wahrheit zu sprechen ist immer gefährlich und kann schnell ins Ideologische kippen – als hätten wir damit alle Wunder einer Beethoven-Sonate schon für uns gepachtet, noch bevor wir uns überhaupt die Mühe gemacht haben, das je Einzigartige, Unwiederholbare, Überraschende, womöglich gar schockierend Ungeschützte einer Interpretation tatsächlich nachzuvollziehen.

Dennoch: Brendel hat es verstanden, die vielen Paradoxa seiner Kunst in ein Gleichgewicht zu bringen, das man nahezu vollkommen nennen möchte. Benannt hat er sie selbst einmal im Vorwort jenes Buches, das in Deutschland 1978 unter dem etwas schwerfälligen Titel „Nachdenken über Musik“ erschien (der englische Originaltitel lautete „Musical Thoughts and Afterthoughts“) – und ihm prompt den irreführenden Ruf eines „Philosophen am Klavier“ einbrachte (irreführend, weil in diesem Pianisten, so umfassend gebildet, reflektiert und verantwortungsvoll er sich seinen Werken annähert, zugleich doch auch ein großer Exzentriker steckt).

Bändigung der Widersprüche

„Gibt es etwas Paradoxeres als den Interpreten?“, fragte Brendel dort und gab sich gleich selbst die Antwort: „Eigentlich nicht. Er soll sich kontrollieren und zugleich sich selbst vergessen. Er soll dem Buchstaben des Komponisten und der Laune des Augenblicks gehorchen. Er soll ein Handelsobjekt des Konzertmarkts sein und doch eine unabhängige Persönlichkeit.“ Dass ihm all dieses auf höchstem Niveau gelang, das macht, zusammenfassend, Brendels Meisterschaft und seine Größe aus. In seinen Interpretationen gibt es nichts, was nicht im sublimen Sinne geformt erschiene, ohne dass sich jedoch der gestalterische Eingriff selbst je in den Vordergrund drängen würde. Anders gesagt: Noch der von Brendels überbordend nuancenreichem Spiel erzeugte Eindruck, man lausche nicht der Einstudierung eines bekannten Werkes, sondern einer spontan erfundenen Äußerung, verdankt sich diesem umfassenden Gestaltungsdrang.

Die Kunst, so scheinbar beiläufig an die tiefsten Geheimnisse zu rühren, Beziehungsvollstes im Gestus eines gedankenverlorenen, spielerisch sich fortspinnenden „Bandelns“ auszufalten oder Abgründiges im Gewande der Skurrilität aufblitzen zu lassen, hat Brendel der Musik selbst abgelauscht: vor allem jener der großen Wiener Klassiker. Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert sind – neben Liszt, Busoni, Alban Berg – seine Fixsterne geblieben. Überhaupt scheinen Brendels wichtigste Lehrer die Werke selbst gewesen zu sein.

Nicht, dass er keinen Unterricht genossen hätte – den ersten erhielt er im Alter von sechs Jahren, und er studierte später bei Paul Baumgartner, Eduard Steuermann sowie vor allem bei Edwin Fischer, den er neben Alfred Cortot und Wilhelm Kempff bis heute bewundert. Doch seine akademische Ausbildung war für ihn mit der Staatsprüfung für Klavier als Externer an der Wiener Akademie schon im Alter von sechzehn Jahren beendet. Und so prägte ihn die Grundeinstellung, dass er „all das, was mich interessierte, allein für mich herausfinden musste“.

Phantasie und Einfühlung

Geboren wurde er 1931 im nordmährischen Wiesenberg als Sohn einer österreichisch-deutsch-italienisch-slawischen Familie. Der Vater unterhielt auf der Insel Krk ein Hotel, wo der kleine Alfred den Plattenspieler aufzog und Operettenschmachtfetzen von Jan Kiepura mitsang. Später, in Zagreb, wo Brendels Vater ein Kino leitete, folgten die ersten prägenden Filmerfahrungen, wie der Mozart-Film „Wen die Götter lieben“ von Karl Hartl. Die erste eigene Komposition, einen Walzer, führte er im Alter von sieben Jahren auf – ein Mädchen tanzte Ballett dazu. Das erste öffentliche Konzert – 1948 in Graz, unter dem ambitionierten Titel „Die Fuge im Klavierwerk“ – präsentierte einen wahren Fugen-Marathon nebst einer eigenen Sonate, die eine Doppelfuge enthielt. Nebenbei wurden auch noch Aquarelle von Brendel ausgestellt.

Dass Brendels Interessen immer schon weit gefächert waren, lange Zeit auch der Malerei und dem Komponieren galten und bis heute der Bildenden Kunst, der Architektur, der Literatur und dem Schreiben gehören, davon hat seine pianistische Kunst sehr profitiert. „Klavierspiel, und wäre es auch noch so makellos, darf ihm nicht genügen“, heißt es in einem Text über den idealen Mozart-Spieler aus Brendels Essaysammlung „Musik beim Wort genommen“. Das könnte getrost als Leitsatz über allen Interpretationen dieses Pianisten stehen, in denen ein skrupulöses Verantwortungsempfinden gegenüber dem Notentext, eine schier unerschöpflich wirkende Phantasie und großes Einfühlungsvermögen zur scheinbar bruchlosen Einheit verschmelzen.

Charakterologie der Musik

Über das Klavier drängt Brendels Kunst mindestens in doppelter Weise hinaus: zum einen durch das verblüffend reiche Farbenspektrum, das er auf dem Steinway erzeugen kann. Die Vielfalt der Klangnuancen scheint sämtliche instrumentalen Möglichkeiten bis hin zur menschlichen Stimme einzubeziehen. Zum anderen folgt Brendel seiner Maxime, dass ein guter Pianist auch etwas von einem großen Schauspieler in sich tragen müsse: Nur so nämlich könne er der Charaktervielfalt der Musik gerecht werden. Als würde er alles übermäßig Deutliche schon der Prätention verdächtigen, vermeidet Brendel dabei jedoch harsche Kontraste. Als musikalischem Charakterdarsteller sind ihm alles Chargieren, Geziertheiten und Manierismen jeder Art, zutiefst suspekt und verhasst. Die wechselnden Ausdruckslagen teilen sich in seinem Spiel vielmehr mit großer Selbstverständlichkeit und „Natürlichkeit“ mit, sie „sprechen“ sich aus – nicht selten auch in einem bis zur Lakonik getriebenen Understatement.

Es steckt bei aller Ausdrucksintensität keinerlei Reklame in diesem Klavierspiel – weder eine für den Pianisten noch eine für das Werk oder gar für das Plattenlabel, das seine Aufnahmen produziert. Vielleicht ist dies in einer Zeit, da die (Selbst-)Vermarktung im Musikbetrieb eine immer dominantere Rolle spielt, das Wichtigste, was wir von Alfred Brendel lernen können. Heute wird er achtzig Jahre alt.

Gedichte von Alfred Brendel

Schutzteufel

Jetzt seht euch diese Engel an
die in ihrem himmlischen Harnisch
alles kurz und klein schlagen
was nicht zur höheren Ehre
wimmernd auf die Knie fällt
ein Leib- und Seelengemetzel
von apokalyptischer Vollständigkeit
dem nur jene von uns
nicht rettungslos zum Opfer fallen
die ihren Schutzteufel mit dabei haben
ein
in diesen Zeitläufen
überaus nützliches Wesen
dessen Fähigkeit
in den Ruinen und Kellerlöchern des

neuen Jerusalem
häuslich sich einzunisten
uns zweifellos
noch gute Dienste leisten wird

*

Ungeborene Kinder

Ein Religionsstifter (Gott ist eine Kugel)
ein auf seinen Händen turnender Familienvater
mehrere rabiate Mütter
ein Clown
ein Nichtstuer ohne innere Bedeutung
eine Susanna oder Fiordiligi
ein Lachforscher
ein verkanntes Genie (naiv aber ironisch)
ein Anarchist (der sogenannte Tortenwerfer)
eine Duse
ein Trappist
ein Zwitter
zwei Idioten
eine in fünf Sprachen zugleich lallende
Dichterin der ekstatischen Schule
ein komischer Bastler
eine Vestalin
eine Messalina
ein Hofzwerg
eine Samariterin (bedürftige Herren stützend)
ein Fabelwesen (halb Affe halb Engel)
meine ungeborenen Kinder

*

Der Namenlose

Als der Namenlose
aus seinem Urschlaf erwachte
fand er sich umringt
von Engeln der Zerstörung
geflügelten Riesenschlangen
Geschöpfen des mythischen
Anbeginns
tausendäugig und lüstern
Keiner blickte ihn an
Ohnedies zählte er kaum
ein kosmischer Mißgriff
leuchtend zwar
doch nur im Teleskop zu orten
durchs All ziellos dahintreibend
und nun auch
bis ans Ende der Zeiten
auf der Flucht vor sich selbst

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Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

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