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„Shostakovich Trilogy“ : Es gibt eine Zukunft klassischen Tanzens

  • -Aktualisiert am

Kammersymphonie in optimistischem Licht: das Amsterdamer Nationalballett Bild: Hans Gerritsen

Nicht wenige Werke der Ballettgeschichte wurden erst im zweiten Premieren-Anlauf richtig gesehen: Mit Alexei Ratmanskys „Shostakovich Trilogy“ hat sich Amsterdam ins Register der Tanzsternstunden eingetragen.

          Es gibt Abende, an denen man der Geburt eines Klassikers beiwohnt und das auch weiß. In diesem Bewusstsein hätte das amerikanische Publikum vor vier Jahren der Premiere von Alexei Ratmanskys „Shostakovich Trilogy“ beiwohnen sollen. Aber die Reaktionen waren, wie der scheue Weltstar berichtet, eher verhalten. Vielleicht gilt den Amerikanern der Russe, der 2008 aus dem Bolschoi-Schlangennest ins Ausland geflohen war, längst als Prophet im eigenen Land: Seit 2009 ist er Artist in Residence beim American Ballet Theatre in New York.

          Amsterdam und Ted Brandsens strahlendes, fünfundsiebzig fabelhafte Tänzer zählendes Nationalballett feierten das am Samstagabend einfach nach. Das Publikum im Opernhaus erhob sich von den Sitzen, noch bevor sich der Vorhang vollständig geöffnet hatte, zum ersten Applaus. Statt New York oder San Francisco hat sich an diesem Wochenende Amsterdam ins Register der Tanzsternstunden eingetragen als die Stadt, in der die echte Landung des Meisterwerks „Shostakovich Trilogy“ auf der Erde gebührend begrüßt wurde. Nicht wenige Werke der Ballettgeschichte wurden erst im zweiten Premieren-Anlauf richtig gesehen. Im Unterschied etwa zu „Schwanensee“ aber hat Ratmansky an seiner Choreographie nichts Wesentliches geändert gegenüber der amerikanischen Fassung. Man wüsste auch nicht, wo er das im Nachhinein tun sollte.

          Eine Idee zeiht die nächste nach sich

          Gegenüber früheren, tief berührenden, intelligent konstruierten Stücken wie dem in Dresden geschaffenen Richard-Strauss-Werk oder dem Amsterdamer „Souvenir d’un lieu cher“ hat das Vokabular des Achtundvierzigjährigen nochmals an Reichtum und Differenziertheit gewonnen. Er selbst lächelt bei der Frage, ob diese Beobachtung richtig sei, und sagt, es läge an den aufwendigen Recherchen und komplizierten ästhetischen Prozessen im Zusammenhang mit seinen Rekonstruktionen von Werken des neunzehnten Jahrhunderts.

          Das war bisher die Klassifizierung Ratmanskys für sein eigenes Schaffen: Rekonstruktionen der Klassiker, Neu-Interpretationen der Klassiker, vollkommene choreographische und thematische Neuschöpfungen. Innerhalb der letzten Kategorie bildet die „Trilogy“ nun eine Art ästhetisches Manifest, das die Möglichkeiten klassischen Tanzens weiter in die Zukunft treibt, als dies nach der Neoklassik George Balanchines und dem postmodernen Tanztheaterschamanen William Forsythe überhaupt möglich schien. Es gibt eine Zukunft, so sieht sie aus: Der erste Teil zur neunten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch ist rein abstrakter Tanz, spiegelt die Musik und bestätigt, was Ratmansky im Gespräch vor der Premiere beschreibt: dass nämlich eine Bewegungsphrase oder Idee die nächste nach sich zieht, als Umkehrung, Krebs, Spiegelung, Verdoppelung, Vertauschung.

          Zeitgenössisches Kunstwerk eigenen Rechts

          Hier steht im verspielten, feierlichen Anfang ein Mann allein auf der Szene vor einem Aushang, der sich im Gegensatz zu Balanchines himmelblauen Hintergründen schmutzig graublau eingetrübt hat, von Jennifer Tiptons mysteriösem Zwielicht malerisch vertieft. Schon springen vier weitere Männer herein, die ihn später aus vollem Flug auffangen, bevor sie unter weiteren Beweisen von Kraft und Übermut wieder verschwinden. Herein kommen vier Frauen, denen eine fünfte folgt.

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