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Samstag, 18. Februar 2012
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Akademietheater Wien Vom Kopf auf den Fummel

21.02.2005 ·  „Bunbury“ in Wien. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat das Stück neuübersetzt. Regisseur Falk Richter übernahm die Inszenierung. Auf der Strecke blieb dabei der Autor Oscar Wilde.

Von Gerhard Stadelmaier, Wien
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Welches ist der wichtigste Körperteil von Gwendolen, Cecily, John und Algernon? Ihr Kopf. Schon allein das macht sie fürs moderne Theater ziemlich ungeeignet. Und womit bewegen sie ihren Kopf? Mit ihrem Mund. Sprachkünstler von höchsten Graden. Das freilich schließt sie vom neueren Bühnenleben so gut wie aus. Man hat das jetzt in Wien wieder sehr schön, also sehr traurig erleben können.

Dort behauptet ein ziemlich kopf- wie sprachloses Programmheft, Gewendolen, Cecily, John und Algernon seien Dandys, also etwas Dekadentes, Vorletztjahrhundertmäßiges, Lächerliches. Dabei zeichnet es einen Dandy aus, daß er gerade keinen Kopf, sondern nur eine inszenierte Maske, keine Sprache, nur polierte Sprechblasen besitzt. Ein Dandy ist nichts als ein Selbstdarsteller.

Hütchenspiele

Gwendolen, Cecily, John und Algernon aber sind nichts weniger als Dandys. Das wäre ein allerdümmstes Mißverständnis. Denn sie stellen überhaupt nichts dar. Und begnügen sich nicht damit, Kopf und Sprache zu haben, sondern spielen auch noch dauernd damit. Sie schneiden sich sozusagen mit allerfeinstem Sprachschliffskalpell die Köpfe ab, setzen sich andere oder anderen die eigenen Köpfe auf, als seien Hirne und Seelen nur mal tolle Hütchen, unter denen ein irrwitziger Hauptgewinn verborgen sein könnte: die wahre Identität. Hütchenspiele gehören zu den verbotenen Glücksspielen. Also vier verbotene Glücksspieler. Zu viel fürs glücklose Theater.

Gwendolen und Cecily setzen sich "Ernst" in den Kopf: Sie verlieben sich in einen Männer-Namen, der jedem Mann über den Kopf steigt. Und John und Algernon geben beide vor, "Ernst" zu sein: John, Vormund von Cecily, der einen Bruder "Ernst" in der Stadt erfunden hat, damit er auf dem Land nicht ernst sein muß und als "Ernst" in der Stadt über die Stränge schlagen und Gwendolen den Hof machen kann; Algernon, der sich einen kranken Freund Bunbury erfindet, damit er, der in der Stadt ernst sein muß, auf dem Land über die Stränge schlagen und als Johns Bruder "Ernst" Cecily den Hof machen kann.

Ein Mann wird niemals so wie seine Mutter

John, als Findelkind in einer Reisetasche einst in die gute Gesellschaft gekommen, stellt sich am Ende als Algernons verlorener Bruder Ernst heraus. Das Leben ist nicht ernst, sondern eine Pointe, die Liebe ist weniger als der Sprachwitz, der sich auf sie machen läßt. Sie sind nicht nacheinander verrückt, sondern nach der Vorlust der Nachsätze, dem Lustgipfel der Nachzünder, die nach den Nachsätzen kommen und die Vorsätze in ein Brillantfeuerwerk aus Worten tauchen. Beispielsweise: "Alle Frauen werden wie ihre Mütter. Das ist ihre Tragödie. Ein Mann wird niemals so wie seine Mutter. Das ist seine Tragödie." Und unter jedem Hütchen ein Glückspiel aus gaukelnden Schmetterlingen, die nur die eine flirrende Frage umtaumeln: Wer bin ich? - und sie nie ganz zu Ende beantworten.

Ein paar Monate nach der triumphalen Uraufführung von "Bunbury oder Ernst sein ist wichtig" am 15. Februar 1895 im Londoner St. James Theatre wurde Oscar Wilde, der Schöpfer von Gwendolen, Cecily, John und Algernon, wegen "Sodomie" angeklagt. Und büßte für seine Neigung zu einem Adelsbürschchen, das ihn ausnahm wie eine goldene Gans, und zu Strichern, die ihn erpreßten, mit lebensvernichtendem Zuchthaus. Wilde war schwul und ein Dandy. Deswegen sind Gwendolen, Cecily, John und Algernon weder schwul noch Dandys. Die Biographie eines Autors entschlüsselt seine Figuren nicht - sonst müßte Shakespeare zum Beispiel eine Unmenge Leute umgebracht haben.

Frauenstammtischhumor

Wenn nun aber die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die den Wilde jetzt neu übersetzt und in eine "Fassung" unter dem irreführenden Titel "Ernst ist das Leben (Bunbury)" gebracht hat und von der man öffentlich an Persönlichem wenig mehr weiß, daß sie wahnsinnig gerne als "humoristische Autorin" verstanden werden möchte, aus einem "Apropos", das Algernon hinwirft, nun ein "A Popo" macht und von "Vertierten und Invertierten" kalauert, den kultiviertestsprechenden Wilde-Schmetterlingen eine "Ach du Scheiße" um die andere ins Maul stopft, die zarten Hütchenspieler von "Meter Physik" statt von "Metaphysik", von "Vögeln" statt von "Lieben", vom "Puff" statt vom "Nichts" handeln läßt und den Mann mit Griff zum Hosenladen einer Frau "meinen Bunbury zeigen" läßt, dann sagt das nicht nur viel über den doch sehr verquälten Frauenstammtischhumor der Jelinek (unter dicken Schmockschwaden). Hier wird auch widerwärtig mit Lebensschleimbatzen nach einem Werk geschmissen. Die Jelinek bringt den Wilde vom Kopf auf den Po, vom Hirn auf den Unterleib, von der Pointe auf den Pimmel.

Zusammen mit dem Regisseur Falk Richter verhängt Elfriede Jelinek im Wiener Akademietheater gleichsam die Tuntenstrafe für den schwulen Dichter: Als habe dieser nicht schon genug gebüßt, werden seine Geschöpfe in Fummel gesteckt und aufgeschwuchtelt. Die Bühne ist - zum tausendsten Mal; wann gibt es endlich den wasserbeckenverbietenden Intendanten? - wieder ein Bassin mit Whirlpool-Mechanik. Worin Michael Maertens als Algernon im Pyjama und Roland Koch in roter Feinripp-Unterwäsche sich ausgiebig plantschend darüber unterhalten, wer wen "von vorn" und wer wen "mehr von hinten" kenne.

Richters Popo-Regie

Bevor sie patschnaß und halbnackt Lady Bracknell empfangen und etliche von Rocko Schamoni und Falk Richter gemeinsam gedichtete Songs a la "Die Frauen wollen uns pflücken und uns den Samen ausdrücken" singen. Oder einfach Gitarren zerhauen und pampig und schnöselig die pubertären Popstar-Rampensauen rauslassen. Wobei Maertens, der in Schotten- und auch Weiberröcke zum Hermelin-Jackett schlüpft, brutaler, Koch dezenter sich auskotzt. Der Diener Lane, im Stück ein Lieferant dezent zynischer Stichworte, ist hier ein Stricher mit ledernem Hosenlatz, der "nur den Körper" von Algernon will und sonst mit dem Eisbärenfell aus "Dinner for one" a tergo schmust. Es liegt ein übel lachgashaftes Parfum namens "Denunziation" über der Szene. Und es scheint, als haue sich Richters Popo-Regie jeden Augenblick lustig auf die schon etwas arg welk gewordenen Pop-Schenkel.

Warum es hier diese doch eindeutig orientierten Herren dann noch nach Damen gelüstet, ist auch deshalb unerklärlich, weil sie weder Hirn noch Sprache, sondern nur Dreck im Schädel haben. Und warum Dorothee Hartinger als Gwendolen und Christiane von Poelnitz als Cecily unter einer Herde von lauter Holzziegen und -schafen noch auf diese Herren scharf sind, die dauernd ihre Damenperücken wechseln, bleibt das Geheimnis kopflos kecker Backfische, die allerdings ganz reizend auf heruntergelassenen Kronleuchtern schaukeln.

Es trifft immer die Falschen

Johann Adam Oest als Pastor Chasuble greift sich da lieber gleich immer onanistisch ans Geschlechtsteil, um seinen Samenstau zu illustrieren. Und Kirsten Dene mit Stachelperücke als Punk-Walküren-Fregatte Lady Bracknell und Ligbart Schwarz als Gouvernanten-Zicke Prism liegen auf dieser musicalumschäumten, jungherrenwitzversauten Chargen-Scharteke wie Zierschnecken auf einer Guillotine. Unter derem Regiefallbeil liegt der Kopf des Oscar Wilde. Die Wiener Premierenbiederia kräht vor Vergnügen. Der Kopf des Dichters fällt. Es trifft immer die Falschen.

Die nächsten Vorstellungen:

Montag, 21. Februar
Dienstag, 22. Februar

Mittwoch 2. März
Donnerstag 3. März
Sonntag 6. März
Sonntag 13. März
Samstag 26. März
Sonntag 27. März

Quelle: F.A.Z., 21.02.2005, Nr. 43 / Seite 39
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