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50 Jahre Rolling Stones : Goldene Hochzeit

Hier ist noch nichts zu sehen von „seltsam affenähnlichen Bewegungen“: Charlie Watts, Brian Jones, Keith Richards, Mick Jagger und Bill Wyman 1965 in London Bild: AFP

Man muss sich am Rock nicht aufreiben und er ist auch kein Privileg der Jugend: Dafür ist der 50. Geburtstag der Rolling Stones der eindeutige Beweis.

          Die Rolling Stones sind nicht alt; sie waren ja auch nie neu. Neu war damals nur die Art, wie sie sich gaben, und die hatte sich ihr Manager ausgedacht. Es war deswegen nicht unbedingt überraschend, als Karl Korn 1965 in dieser Zeitung „seltsam affenähnliche ruckweise Bewegungen“ bei ihnen beobachtet haben wollte; viele Leute dachten so, wie einer regelrechten, sich über Wochen hinziehenden Leserbriefdebatte zu entnehmen war.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Alt war nur die Musik. Bei ihrem allerersten Konzert, das sie unter dem Namen „Mick Jagger and the Rollin’ Stones“ auf den Tag genau vor fünfzig Jahren, am 12. Juli 1962, im Londoner Marquee-Club gaben, spielten sie im wesentlichen Lieder von Bluesmusikern, die nach damaligen Maßstäben alte Männer waren. Der Blues als solcher war damals nichts Neues; neu war nur die Rückhaltlosigkeit, mit der junge, fast noch minderjährige Engländer sich ihm hingaben. Und es ist das bleibende Verdienst der Rolling Stones, dass sie darin eine so ungeheure Energie investierten und damit entfachten, die es möglich machte, diese Unterpriviligierten-Musik dorthin zurückzugeben, wo sie herkam, nach Amerika nämlich, wo sie zu jener Zeit weniger galt als in Europa und wo vom Blues kaum jemand leben konnte, wenn er nicht sowieso schon gestorben war.

          Unverholener Hedonismus in Musik und Lebensweise

          Das wünschte man bald auch den Rolling Stones. Sie steckten gerade in der Phase ihrer absoluten Meisterwerke, die von der Platte „Beggars Banquet“ (1968) bis zu „Exile On Main St.“ (1972) reicht, da wollte man sie schon wieder loswerden: „Wenn sie wirklich Stilgefühl haben“, schrieb der Kritiker Nik Cohn 1970, „dann sorgen sie dafür, dass sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag bei einem Flugzeugabsturz umkommen.“ So etwas könnte sich heute niemand mehr erlauben.

          Zwar noch jung, aber nie jugendlich: Die „Rolling Stones“, Mick Taylor, Charlie Watts, Mick Jagger, Keith Richards und Bill Wyman, bei einer Konzertprobe im Londoner Saville Theatre 1969 Bilderstrecke
          Zwar noch jung, aber nie jugendlich: Die „Rolling Stones“, Mick Taylor, Charlie Watts, Mick Jagger, Keith Richards und Bill Wyman, bei einer Konzertprobe im Londoner Saville Theatre 1969 :

          Woher kam dieser Hass? Und wieso wird auf der Trivialität, dass Menschen älter werden, ausgerechnet in diesem Fall so herumgeritten? Das damals schon unverhältnismäßig lange Ausharren der Rolling Stones, ihre Stabilität liefen langsam, aber sicher diesem albernen Jugendlichkeitsversprechen zuwider, das die Popmusik angeblich darstellte und das doch nur eine Erfindung der Industrie war. Die Rolling Stones bedienten sich dieser Industrie. Aber statt sich nach den damit verbundenen Image-Erwartungen zu richten, schrieben sie dem unverholenen Hedonismus ihrer Musik und ihrer Lebensweise frühzeitig einen resignativen Zug ein, der es unmöglich machte, sie für irgend eine Richtung zu vereinnahmen, ohne an ihrem grundsätzlichen Befreiungscharakter etwas zu ändern: „But what can a poor boy do than to sing in a rock’n’roll band?“, fragten sie schon 1968, um im Jahr darauf zu behaupten: „You can’t always get what you want.“

          Eine absolut angemessene Form

          Selbstgenügsam, manche sagen auch: selbstzufrieden, wurde und blieb diese Musik, die sie in der Folge nur noch verfeinerten und ökonomisierten. Es fällt auf, dass es von den Rolling Stones bis auf eine Platte keine nennenswerten Stilexperimente gibt. Selbst in ihrer Disco-Phase um 1980, als sie die Konkurrenz noch einmal von der Tanzfläche schubsten, taten sie dies auf ihrer Rhythm&Blues-Basis. Das ermüdet irgendwann, nur eben sie selbst nicht. Wenn es eine Erklärung für ihre Langlebigkeit gibt, dann dürfe sie, neben ihrer unbestrittenen konstitutionellen Zähigkeit, in dieser Selbstbeschränkung liegen. So etwas wie künstlerische Differenzen, die manche ambitioniertere Gruppe damals sprengten, gab es bei ihnen nicht; sie wurden zumindest nicht bekannt. Keith Richards Gitarrenriffs mögen genauso vorhersehbar sein wie Mick Jaggers Phrasierungen; aber ihre gleichsam archaische Form ist der Aggression und der Lebenslust, die sich in ihnen verdichten, absolut angemessen.

          Die Rockmusik hat das Altern und Sterben ihrer Protagonisten von Anfang an thematisiert: „Hope I die, before I get old“ (The Who) oder „Live fast, love hard and die young“ (Beatnik-Motto) - aus solchen Sprüchen wurde, ob sie nun kokett oder ernst gemeint waren, viel früher Realität, als man sich das wohl dachte. Um 1970 herum häuften sich die prominenten Todesfälle. Auch die Rolling Stones hatten einen zu beklagen; sie gingen allerdings aus dieser Krise wie auch aus dem Desaster vom Altamont-Konzert im Dezember 1969, bei dem ein Zuschauer erstochen wurde, seltsam unberührt hervor.

          Eine langlebige Institution

          Mit ihrem Lebens- und Musizierstil, haben die Rolling Stones die Annahme, in der Rockmusik reibe man sich geradezu zwangsläufig auf, genauso widerlegt wie die Jugendlichkeitsidee: Rockmusik als etwas von jungen Leuten für junge Leute. Eine Reihe von Solointerpreten aus derselben Generation hat mit diesen Irrtümern ebenfalls längst aufgeräumt. Aber dass eine Gruppe von dieser Bedeutung und mit diesen Erfahrungen nun schon so lange besteht, ist noch etwas anderes.

          Nach ungefähren Berechnungen beträgt die durchschnittliche Existenzdauer aller Institutionen überhaupt vierzig Jahre, eine Firma wie Daimler-Benz genauso eingerechnet wie ein schnell wieder geschlossenes Start-up-Unternehmen. Ein Magazin fragte vor dreißig Jahren; „Was macht ein Stone mit vierzig? Es ist die traurigste Sache von der Welt, sich einen vierzigjährigen Stone vorzustellen.“ Heute ist die ganze Band noch zehn Jahre älter. Eigentlich unerhört. Aber es gibt Schlimmeres.

          Quelle: F.A.Z.

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