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200 Jahre Chopin : Die Welt spricht nur in Tönen

Frédéric (Fryderyk) Chopin, 1810-1849, in einer Daguerreotypie, die kurz vor seinem Tod entstand Bild: Archiv

Es gibt keine Jugendsünde und keine Alterstorheit von Frédéric Chopin. Was er hinterlässt, als er 1849 viel zu jung stirbt, ist vollendet. Aber was ist so neu an dieser Musik gewesen? Antworten zum zweihundertsten Geburtstag des polnischen Komponisten.

          Zehn Jahre nach Chopins Tod stellte sein Freund, der Maler Teofil Kwiatkowski, ein Gemälde fertig, dass den Jahresempfang der Exilpolen im „Hôtel de Lambert“ zeigt. Man kann darauf sehen, wie eine neue Welt entsteht aus Musik. Die Hotelhalle weitet sich zu einem sakralen Raum, der aus dem Bild in eine leuchtende Zukunft führt. Dreiteilig wie eine Chopinsche Etüde ist das Panorama angelegt: links Fürst und Fürstin Czartoryska mit ihren Gästen. In der Mitte historische und mythische Gestalten aus Polens blutiger Geschichte, Engel schreiten mitten unter ihnen. Und rechts im Eck sitzen und stehen die Künstler: der Dichter Adam Mickiewicz neben George Sand, der Maler Kwiatkowski neben Chopin. Er spielt eine Polonaise. Neben ihm seine Inspiration: ein Bauernkind aus Masowien, barfuß, mit blauen Bändern in den Zöpfen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Mit seinen Etüden op. 10 hatte Chopin im Jahr 1833 neues Terrain betreten. Diese Musik veränderte das Klavierspiel, sie beeinflusste den Klavierbau und auch das Komponieren fürs Klavier. Einige Kollegen, Kritiker und neu gewonnene Pariser Freunde dieses jungen Mannes, die sofort den frischen Wind verspürt hatten, der sie aus seinen zwölf kurzen Stücken anwehte, vertraten sogar die Auffassung, dass sich damit die Kunst des Komponierens verändern würde. Anzunehmen, dass Frédéric Chopin, bei aller Bescheidenheit, etwas Ähnliches dachte. Er zeigt diese erste Etüdensammlung zwei Jahre nach Eintreffen in der europäischen „Capitale du Musique“ vor wie eine Visitenkarte. Da ist er 23 Jahre alt. Hatte aber an einigen der Etüden schon herumzufeilen begonnen mit 19. Tatsächlich wissen wir fast nichts darüber, wie Chopin komponierte. Er selbst schweigt sich dazu aus. Dass es aber extrem mühevoll, quälend langsam und quasi „wissenschaftlich“ penibel vonstattenging, ist von etlichen, die ihm nahestanden, bezeugt worden, unter anderem von dem Maler Eugène Delacroix und von der Schriftstellerin George Sand.

          Verräterisch auch die luftige, flüchtige, kinderklare Notenschrift Chopins mit den hässlichen schwarzen Streifen und Flecken dazwischen: mit viel Tinte, in engmaschigen Schraffierungen wird alles Korrigierte so gründlich verborgen, als sei es nie geschehen. Fehler sind unkenntlich gemacht, Varianten ausgemerzt, Gefangene werden nicht gemacht. Auch seine Skizzen und Notizen hat Chopin vernichtet, noch in die Druckfahnen der a-Moll-Etüde op. 10 Nr. 2 wieder hineinverbessert, da trug er Ton für Ton die Fingersätze nach.

          Chopins Grab auf dem Père Lachaise in Paris
          Chopins Grab auf dem Père Lachaise in Paris : Bild: AFP

          Er brütete, schnitzte, verwarf

          Fingersatz ist ein wichtiger Teil des Konzepts dieser neuen Musik. Und dass es ein solches Konzept gegeben hat; dass Chopin, schüchterner „Ariel des Klaviers“, Liebling der Damen im Salon, eben nicht einfach nur mozartschnell aufschrieb und festhielt, was ihm die Muse gerade zuflüsterte oder was ihm beim Improvisieren aus den Fingern floss, sondern dass er brütete, schnitzte, verwarf und bis zur Vollendung an den Stücken herumfeilte, dafür spricht letztlich, dass überhaupt kein Gefälle festzustellen ist zwischen der ersten, kopfüber kaskadenhaft hereinstürzenden Etüde in C-Dur, die vermutlich 1829 im heimischen Warschau entstand oder der letzten in c-Moll, der sogenannten „Revolutionsetüde“, die Chopin 1830 auf Durchreise in Stuttgart komponierte, oder aber den zehn restlichen, von denen vier noch in Warschau, sechs später in Paris entstanden. Und dieses zuverlässig hohe Niveau gilt nicht nur für die Etüden op. 10, es gilt auch für die Etüden op. 25, die Préludes op. 28 und die restlichen veröffentlichten Werke, die Balladen, Mazurken, Nocturnes und Walzer, von op. 1 bis op. 74. Mehr ist nicht daraus geworden. Chopins kurzer Lebensfaden, seine Arbeitsweise ließen es nicht zu.

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