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200 Jahre Abgrund : Kleists Tod

  • -Aktualisiert am

Unser liebster Abgrunddichter: Heinrich von Kleist Bild: Archiv

Er ist der Abgrunddichter, der etwas völlig Neues schuf. Doch seine Sprache, die die genaueste, größte, komplizierteste, erfüllteste und präziseste ist, wird auf den Bühnen zerplappert oder zertreten.

          Der Geschäftsführer einer großen Zeitung aus dem Württembergischen, womöglich einer der rechtschaffensten, aber auch der erregbarsten Menschen, war völlig außer sich. Er hatte, es war Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, den jungen Theaterkritiker seines Hauses zu sich bestellt und hielt ihm vor Zorn zitternd ein Blatt entgegen, in dem der Theaterkritiker bange einen seiner Reiseanträge wiedererkannte. „Sie wollen zu einer Premiere von dem Kleist fahren?“ (er sprach ihn als „Kleischd“ aus), fauchte der Gewaltige. Das komme überhaupt nicht in Frage. Er habe in einer juristischen Fachzeitschrift gelesen, dass „der Kleischd“ ein Mörder und dann auch noch ein Selbstmörder gewesen sei. Das sei ja ein Skandal. Das habe er ja gar nicht gewusst. „Das unterstütze ich nicht mit meinem Geld!“ So blieb der Kritiker zu Hause.

          Weder der Hinweis auf den skandalösen Alkoholismus eines Goethe oder Hauptmann noch auf die skandalösen venerischen Infektionen eines Schubert oder Nietzsche noch auf die skandalöse Spielsucht eines Mozart oder Lessing hätte die Contenance des Ahnungslosen so verstören können wie die ihm plötzlich zukommende Nachricht von den skandalösen Todesumständen des Heinrich von Kleist. Und der gute, der biedere Mann hatte ja eigentlich recht.

          Die poetischste aller Strophen

          Denn vielleicht war von all den skandalösen, gegen alle Geschäfts- und Schicksals- und Ordnungsführer dieser Welt geschriebenen Theaterstücke und Novellen Heinrich von Kleists sein Tod das tollste Stück. Und das wirksamste sowieso. Die beiden Schüsse, die am 21. November 1811 vor genau zweihundert Jahren am Kleinen Wannsee bei Berlin den heiteren Herbsttag durchpeitschten und das Leben der Henriette Vogel, seiner Todesgeliebten, und dann des Dichters Heinrich von Kleist beendeten, sind längst zur Literatur geworden, die jede Literatur übertrumpft. Ungeschrieben, aber wirksamer als jedes Buch hat Kleists Todes-Stück sich der Nachwelt eingeschrieben wie kein zweites. Erst erschoss er seine Gefährtin, nachdem sie gelacht und gescherzt und Kaffee und Rum getrunken hatten, dann sich selbst. Aber erst dieses Doppel-Picknick zum Tode hat den Dichter ins Leben katapultiert. Denn ein Leben hat ein Dichter erst im Nachleben.

          Entweder die Nachwelt lässt ihn leben, oder er bleibt für immer tot, gleichgültig wie er starb. Kleists sorgfältig inszenierter Tod unter Begleitung vorbereitender Briefe an ausgesuchte Adressaten, in denen er und seine Freundin von einem „Triumphgesang“ im Angesicht des Endes schreiben, lässt sich auch als ein Beginnen begreifen: der Moderne. Kommende, Heutige, womöglich auch Zukünftige können sich seit 1811 auf die berühmte Schluss-Strophe berufen, die der erfolglose, unglückliche, aus allen gesellschaftlichen Verbindungen und Aussichten gefallene erst vierunddreißig Jahre junge Dichter hinter sein Lebenslied setzte: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, schrieb er an seine Lieblingsschwester Ulrike. Diese Strophe ist die deutscheste, die sich denken lässt: so sentimental wie selbstverloren brutal. Aber natürlich ist es auch die poetischste aller Strophen: so traurig wie selbstgewiss verloren.

          Ein ungefähres Kleist-Gefühl

          Bis zu Kleist galt, dass der Mensch zu einem großen Ganzen selbst dann noch gehöre, wenn er an ihm zerschelle. Goethes und Schillers und Lessings Figuren sind auch noch, wenn sie untergehen: Aufgehobene. Ihnen ist zu helfen. In Höllen, Himmeln, Welten, Gesellschaften. Kleists Menschen sind die ersten, die ganz nur für sich auskommen müssen. Die an „des Wahnsinns grausen Hang umherschweifen“ („Käthchen von Heilbronn“). Deren „Küsse Bisse“ sind und die den Geliebten auffressen („Penthesilea“). Die nicht mehr wissen dürfen, wer sie sind („Amphitryon“). Die aus dem Paradies der Unschuld hinausgetrieben wurden in die schmutzigste, korrupteste Welt-Kloake („Der zerbrochne Krug“), die nicht mehr wissen, „was zu tun, was zu lassen“. In einem ständigen Krieg mit sich und einer Welt, an die sie nichts kettet außer das Bewusstsein, nicht zu ihr zu gehören. Seitdem buchstabiert man „Abgrund“ wie „Kleist“. Abgründe können einen erschrecken. Man kann sich in ihnen aber auch bergen und verstecken.

          Rühmliche Ausnahme in der Kleist-Inszenierungspraxis: Das „Käthchen von Heilbronn“ in Dieter Dorns Inszenierung von 2011
          Rühmliche Ausnahme in der Kleist-Inszenierungspraxis: Das „Käthchen von Heilbronn“ in Dieter Dorns Inszenierung von 2011 : Bild: dpa

          Der gescheiterte Militär, Beamte und Journalist Kleist, in dem ein Dichter nachlebt, wie ihn die Deutschen und die Welt kein zweites Mal haben, ist den Nachgeborenen zu einem Bewusstseinsleckerbissen geworden. Zum Lieblingsabgrunddichter. Man badet heute zwischen Bett und Bühne gerne in einem ungefähren Kleist-Gefühl, so à la: Ach, wir zerrissenen, weltverlorenen modernen Menschen! Und das möglichst gemütlich. Man hält zu Kleist - ohne ihn eigentlich auszuhalten.

          Dass seine Sprache („Was, sprich, was soll draus werden?“) in ihren Rissen, Brüchen und Stauchungen die genaueste, größte, komplizierteste, erfüllteste und präziseste ist, dass bei ihm Wort für Wort erobert, umgedreht, im Gefühl bedacht, im Denken erfühlt werden will - auf den Bühnen wird’s zerplappert oder zertreten, im Schulunterricht als peinlich empfunden. Kleists Tod aber kostet mehr als nur ein Gefühl. Denn wem wirklich auf Erden nicht zu helfen ist, dem hilft auch ein Dichter nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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