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200. Geburtstag von Niels Gade : Was man den Zugvögeln ablauschen kann

Niels Wilhelm Gade, gemalt 1867 von Wilhelm Marstrand Bild: Den Hirschsprungske Samling Kopenhagen

Zu Lebzeiten konnten Brahms, Dvořák, Tschaikowsky und Bruckner nicht an seinen Erfolg heranreichen. Doch Niels Wilhelm Gade geriet in Vergessenheit. Jetzt feiern Dänen und Deutsche den 200. Geburtstag des Komponisten.

          Beim Kunstgespräch zu Tisch platzt Wrschowitz der Kragen: „Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.“ Das Verhältnis des böhmischen „Musikdoktors“, denn ein solcher ist Wrschowitz, zu dem dänischen Komponisten darf „gereizt“ genannt werden, und Theodor Fontane verrät in seinem Roman „Der Stechlin“ auch, warum: „Wrschowitz’ Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte.“ Niels Wrschowitz, das muss man zugeben, ist namenskundlich ein Fall von kosmopolitischer Komik. Doch was Fontane anhand dieser Posse eigentlich überliefert, ist die immense Popularität, die Niels Wilhelm Gade im neunzehnten Jahrhundert genoss.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine erste Symphonie, von Felix Mendelssohn Bartholdy 1843 in Leipzig uraufgeführt, konnte man bald „sehr oft, sogar in Garten- und Bierconcerten“ hören, wie eine Zeitung 1852 berichtete. Mendelssohn und Robert Schumann schlossen den jungen Dänen, der im Herbst 1843 nach Leipzig gekommen war, schnell ins Herz; 1861 konstatierte die „Niederrheinische Musikzeitung“, Gade habe „Mendelssohn und Schumann in den Hintergrund gestellt“.

          Damals hatte man in Leipzig mit gewaltigen Geldmitteln, großen Schmeicheleien, luxuriösen Zugeständnissen und doch vergebens versucht, Gade aus Kopenhagen zurück nach Leipzig zu holen, wie Yvonne Wasserloos im aktuellen Magazin des Leipziger Gewandhauses gerade dokumentiert. Gade war nämlich seit 1844 stellvertretender, ab 1847 hauptamtlicher Gewandhauskapellmeister als Nachfolger Mendelssohns gewesen, hatte am Konservatorium Komposition unterrichtet, das Land aber im Zuge des Deutsch-Dänischen Krieges von 1848 verlassen. Außerdem wollte er Dänemarks Musikleben neu organisieren. Den Glanz, den er um sich verbreitet hatte, die Freundlichkeit, die er verströmte, die Produktivität, durch die er staunen machte, vermisste man in Leipzig seitdem.

          An seinen Erfolg reichte niemand heran

          Nun, da sich am 22. Februar der Geburtstag Gades zum 200. Male jähren wird, feiert man sein Andenken nicht nur in Aalborg (seit dem 19. Januar), Kopenhagen (vom 22. bis 25. Februar) und Ribe (3. September) mit Konzerten. Auch Leipzig knausert nicht: Am 9. Februar beginnt mit einem Großen Konzert des Gewandhausorchesters unter der Leitung von John Storgårds eine ganze Veranstaltungsreihe zum Gade-Jubiläum, die bis zum Mai andauert und ein Orgel- sowie zwei Kammermusikkonzerte umfasst. Gleichzeitig setzt auch das Konzerthausorchester Berlin mit seinem einstigen Chefdirigenten Michael Schønwandt am 11. und 12. Februar Gades erste Symphonie aufs Programm. Sein Oratorium „Die Kreuzfahrer“ ist mit der Sing-Akademie zu Berlin und Kai-Uwe Jirka am 11. März zu erleben.

          Kurz nach seinem Tod am 21. Dezember 1890 fiel Gade außerhalb Dänemarks in Vergessenheit; seit knapp zwanzig Jahren aber kehrt das Interesse an ihm zurück. Der Bärenreiter-Verlag, und das muss sich ja rechnen, hat eine Gade-Gesamtausgabe in Angriff genommen; die Musikwissenschaft, zuletzt durch eine mehrbändige deutsch-dänische Briefausgabe von Inger Sørensen („Niels W. Gade und sein europäischer Kreis“) und eine deutschsprachige Monographie von Michael Matter („Niels W. Gade und der nordische Ton“) bereichert, misst Gade neue Relevanz zu. Eine großangelegte statistische Auswertung von Konzertprogrammen ergab im Frühjahr 2015, dass die vierte Symphonie op. 20 von Gade zwischen 1850 und 1890 die meistgespielte Symphonie eines lebenden Komponisten weltweit war. Vierzig Jahre lang hat es auf dem ganzen Globus durchschnittlich eine Aufführung pro Woche von diesem Stück gegeben. Alle Symphoniker seiner Zeit, die heute als „groß“ gelten, Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Peter Tschaikowsky, Anton Bruckner, durften sich hinten anstellen. An Gades Erfolg reichte niemand heran.

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