10.09.2010 · Robert Schumanns Lieder nach Gedichten der Königin Maria Stuart sind ein sprödes Werk des Abschieds. Die Orchesterfassung des englischen Komponisten Robin Holloway schafft einen Resonanzraum für das königliche Organ der Sopranistin Dorothea Röschmann.
Von Patrick BahnersBei der Last Night of the Proms dürfte wie bei der Generalprobe am vergangenen Sonntag die zweite Strophe der Nationalhymne wohl wieder ausgelassen werden, die Bitte an Gott, die Feinde der Königin in die vier Winde zu zerstreuen: „O Lord, our God arise, / Scatter her enemies / And make them fall; / Confound their politics, / Frustrate their knavish tricks, / On Thee our hopes we fix, / God save us all!“ Es wäre unsensibel, diesen staatsfrommen Wunsch nicht zu unterschlagen. Denn auch wenn die Feinde nicht benannt werden, ist nicht zweifelhaft, wer gemeint ist: die Katholiken. Das zeigt schon ein Blick ins Gesetzbuch. Nach dem Act of Settlement aus dem Jahre 1701 darf nicht nur der Monarch selbst kein Katholik sein; schon die Ehe mit einem katholischen Partner führt zum Ausschluss von der Thronfolge.
Den Kernbestand des Antikatholizismus bildet der Protest gegen schurkische Tricks, eine Politik des reinen Herzens und guten Gewissens, eigentlich eine Antipolitik. Alles Diplomatische, Vorläufige, Zweideutige, Formale am politischen Geschäft gilt dem protestantischen Patrioten als jesuitische List. Niccolò Machiavelli, der Feind der weltlichen Macht der Kirche, hat nach englisch-protestantischer Meinung die politische Moral der Priesterseminare öffentlich gemacht. Auch protestantische Staaten haben allerdings ihre „politics“ und erreichen das gelobte Land jenseits der Politik, das Reich der reinen Rechtsherrschaft, solange nicht, wie zu ihnen katholische Bürger gehören, die sich allen Bekehrungsbemühungen widersetzen. Den rabiaten Säkularisten, die im Namen des Humanismus gegen die Kirche des Thomas Morus zu Felde ziehen, stehen in England heute prominente Katholiken im Establishment gegenüber, an ihrer Spitze der frühere Premierminister Tony Blair, der aus politischen Gründen erst nach seinem Rücktritt konvertierte, und Mark Thompson, der Generaldirektor der BBC.
Panikmache mit Papst
Königin Elisabeth II., von Amts wegen Verteidigerin des protestantischen Glaubens, wird in der kommenden Woche Papst Benedikt XVI. empfangen und ihm die Ehren eines Staatsoberhaupts erweisen. Eine Welle antikatholischer Erregung geht durch die intellektuelle Öffentlichkeit; der Missbrauchsskandal, notierte Eamon Duffy, Professor für die Geschichte des Christentums an der Universität Cambridge, am Mittwoch in der „Irish Times“, dient heute zur Panikmache wie in früheren Jahrhunderten die Erinnerung an die Armada von 1588 und die Schießpulververschwörung von 1605, der Plan von Guy Fawkes, das Parlament am Tag der Eröffnung durch König Jakob I. in die Luft zu sprengen.
Der Menschenrechtsanwalt Geoffrey Robertson hat seine Forderung, den Vatikan als Schurkenstaat zu behandeln, in einem Buch begründet und am Mittwoch in einem Vortrag an der London School of Economics verteidigt. Unterdessen haben die organisierten Religionsfeinde ihr Projekt aufgegeben, Benedikt XVI. bei Betreten englischen Bodens mit anwaltlicher Hilfe Robertsons verhaften zu lassen. Der Schwulenaktivist Peter Tatchell erklärte, man nehme zur Kenntnis, dass der Papst als Staatsoberhaupt nach englischem Recht Immunität vor Strafverfolgung genieße. Tatchell gab diese Erklärung nach einem Treffen mit Paul Smith, dem Erzbischof von Southwark, ab. Das einstündige Gespräch, an dem weitere Sprecher der Kampagne „Protest the Pope“ teilgenommen hatten, fand unter dem Dach der Hauptstadtpolizeibehörde statt, in New Scotland Yard. Deutsche Leser mag überraschen, dass die Katholische Kirche in England und Wales sich auf solche quasi-diplomatischen Verhandlungen mit dem ideologischen Gegner einließ und einen ihrer ranghöchsten Bischöfe entsandte. Die englischen Katholiken sind seit Jahrhunderten in Vorsichtsmaßnahmen geübt; die „politischen“ Methoden, die man ihnen vorwirft, haben einen Grund darin, dass sie aus einer Position der Schwäche agieren.
Spröde Hinterlassenschaft des Liedkomponisten
Seit Martin Luther das evangelische Pfarrhaus begründete und der englische König Heinrich VIII. die protestantische Sache mit dem Interesse an der Ehescheidung verknüpfte, sind Vorwürfe sexueller Ausschweifungen eine der wirksamsten Waffen des antikatholischen Kampfes. Königin Elisabeth I., Tochter von Heinrich und Anne Boleyn, konnte sich ihres Throns nicht sicher sein. Ihre katholischen Untertanen hätten ihre Loyalität auf eine rechtgläubige Standesgenossin übertragen können, die sich zudem seit 1568 auf englischem Boden befand, als Elisabeths Gefangene. Aber Maria Stuart, die abgesetzte Königin von Schottland, wurde nicht zur Kristallisationsfigur einer antielisabethanischen Widerstandsbewegung. Sie umgab der Ruf der Ehebrecherin und Gattenmörderin. Ihr Gemahl Lord Darnley verdächtigte den Hofmusiker David Rizzio, der Vater des 1566 geborenen Thronfolgers zu sein. Darnley wurde 1567 ermordet, die königliche Witwe heiratete den mutmaßlichen Mörder, den Earl of Bothwell. Der schottische Adel hatte schon aus geringeren Gründen rebelliert, Bothwell und Maria wurden festgesetzt, die Königin befreite sich und floh in einem Fischerboot nach England. Nach fast zwanzigjähriger Gefangenschaft wurde sie am 8. Februar 1587 hingerichtet, nicht als Mörderin, sondern als Verräterin. Elisabeth setzte sich darüber hinweg, dass die Verurteilte eine souveräne Fürstin war - im Namen der absolut gesetzten Staatssicherheit nahm sie Robertsons Standpunkt in der Kontroverse um den Heiligen Stuhl vorweg.
Am Morgen ihrer Hinrichtung soll Maria ein lateinisches Gedicht mit dem ersten Vers „O Domine Deus! Speravi in te!“ niedergeschrieben haben. Eine deutsche Fassung erschien 1853 in der Sammlung „Rose und Distel. Poesien aus England und Schottland“. Der Übersetzer war der Münsteraner Regierungsrat Gisbert Freiherr von Vincke, Sohn des berühmten Oberpräsidenten Ludwig von Vincke und des nicht minder berühmten Parlamentsredners Georg von Vincke, des „Heros des Rechtsbodens“. Der spätere langjährige Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft stellte an den Anfang seiner anglo-schottischen Blüten- und Dornenlese eine „Zueignung an Britannia“: „Was kann der Sänger dir, du Reiche, schenken? Er bringt, was er vermag - die deutschen Lieder!“ Robert Schumann komponierte im Dezember 1852 seine 1855 als Opus 135 publizierten fünf Lieder nach „Gedichten der Königin Maria Stuart“. Offenbar lagen Vinckes Übertragungen dem Komponisten im Manuskript vor. Zu Weihnachten 1852 schenkte er die Partitur seiner Frau Clara - seine letzten Lieder.
Die BBC hat zur Feier des Schumannjahrs 2010 bei Robin Holloway, dem Professor für Kompositionslehre der Universität Cambridge, eine Instrumentierung der fünf Lieder in Auftrag gegeben. Am Donnerstag haben die Sopranistin Dorothea Röschmann und das BBC Philharmonic Orchestra unter der Leitung seines scheidenden Chefdirigenten Gianandrea Noseda das Werk bei den Proms uraufgeführt. Schon 1971 war der 1943 geborene Holloway mit Fantasiestücken nach Schumanns Heine-Liederkreis hervorgetreten. Holloway nahm den Auftrag unter der Bedingung an, dass er sich nicht auf die Orchestrierung der Lieder beschränken musste („eine Aufgabe, die man leicht in ein paar Tagen hätte erledigen können“), sondern Verbindungsmusik komponieren durfte. Er habe sich mit dieser Die Klagen der katholischen Königin Schumann nämlich immer schwer getan, wenn auch nicht ganz so schwer wie Eric Sams, der in seinem Standardwerk „The Songs of Robert Schumann“ vor diesen „five dismal songs“ einfach verstummt.
Auf Publikum nicht angewiesen
Bei der Arbeit, berichtet Holloway weiter, seien ihm dann die Qualitäten des abweisenden Werkes aufgegangen: die Eloquenz des Verstummens, das Schlüssige einer verschlossenen Sprache für die Äußerungen einer Gefangenen. Aber die Überleitungen, Prolog und Epilog sind jetzt trotzdem da. Aribert Reimann hat dagegen in seiner Instrumentierung für Kammerensemble von 1988 auf solche Zusätze verzichtet. In Holloways Version ist der Zyklus von neun auf sechzehn Minuten gewachsen. Die Erweiterungen arbeiten hauptsächlich mit den sparsamen Motiven des Klaviersatzes. So kehrt im Epilog das resignative Motiv aus dem vierten Lied, dem „Abschied von der Welt“, wieder, das Dietrich Fischer-Dieskau an die elisabethanischen Lautenlieder denken ließ. Es verwandelt sich nun, wie der Komponist erläutert, in die „Andeutung eines Trauermarschs“. Tatsächlich bleibt es bei der Andeutung, die für das Genre charakteristische Endlosschleife kommt nicht in Gang - obwohl Holloway schon im Prolog mit Wiederholungen wirtschaftet. Diese Königin gebietet über keine Reichtümer mehr. Vor dem Trauermarschzitat ist ein Klagemotiv durch das Orchester gewandert. So vermittelt der Epilog wirklich in glücklicher Weise zwischen der Einsamkeit der Königin und ihrer sozialen Umwelt. Für Maria Stuart gab es eben keinen Kondukt wie für Diana, Prinzessin von Wales. Die Trauer um sie war ein Gedanke einzelner Leidtragender, nicht die Sache einer Gemeinschaft.
Die Sensationen, die Maria Stuart im neunzehnten Jahrhundert zur romantischen Heldin eines ökumenischen großen Publikums machten, sparen Vinckes und Schumanns Lieder aus. Das verstanden Holloway und seine Auftraggeber als Einladung, das Werk durch erläuternde Ergänzungen heutigen Zuhörern nahezubringen - so dass es sogar in einem Riesensaal wie der Royal Albert Hall aufgeführt werden kann. Aber die Weltabgewandtheit macht gerade die Eigenart des Werkes aus. Maria ist Königin - ihr Ich, so wie es sich diese in der Mehrzahl apokryphen Lieder ausmalen, ist auf ein Publikum nicht angewiesen. Darum nimmt sie im ersten Lied nicht von ihren ehemaligen französischen Untertanen Abschied, sondern vom „Frankenland“. Sie spricht mit Jesus, Gott und der ihr ebenbürtigen Königin Elisabeth; Freunde und Feinde lässt sie nur wissen, dass sie mit ihnen nichts mehr zu tun hat.
Die himmlische Friedensvision nach dem Oktavsprung
Nach einmaligem Hören lässt sich schwer voraussagen, ob eine solche Bearbeitung das Werk wirklich aufschließt. Im Entr'acte zwischen zweitem und drittem Lied erklingen eine Sarabande und eine Bourrée, Tänze aus Marias glücklicheren Tagen am französischen Hof. Ja, das ist wohl plausibel, dass die Achtzehnjährige den Tänzen nachtrauerte, als sie 1561 von Frankreich nach Schottland segeln musste. Doch ist diese Illustration nicht so trivial, wie Vergnügungen von Prinzessinnen nun einmal sind? Ist es nicht viel anrührender, dass Vincke und Schumann Maria über die „schöne Zeit“ nichts weiter sagen lassen? Verfehlt wirkt die Übermalung des zweiten Liedes, des Gebets „Nach der Geburt ihres Sohnes“, mit einer flirrenden Struktur, die Holloway einen Heiligenschein nennt. Vom Verdacht auf die Unheiligkeit der jungen Mutter abgesehen: So wird die Monodie verdeckt, das einfache Abbild der Einsamkeit Marias am feindlichen Hof. Man muss sich dieses Gebet, so der inspirierte Einfall Graham Johnsons in den Notizen des Pianisten zu seiner Einspielung mit Juliane Banse, geflüstert vorstellen! Im punktierten Rhythmus des Briefliedes „An die Königin Elisabeth“ erkennt Johnson mit einem weiteren typischen Geistesblitz das Eintauchen der Feder ins Tintenfass. Holloways Gefangene kommandiert eine Armee von Schreibern.
Man darf der Bearbeitung zugutehalten, dass sie einen Resonanzraum schafft, in dem Marias Stimme als königliches Organ zur Geltung kommen kann. Aus dem Liederzyklus, der Stationen von Jahrzehnten zusammenspannt, wird eine zusammenhängende, zwangsläufig opernhafte Szene. Das passt dann doch so schlecht nicht zu dem Charakter Marias, der unsere Einbildung beziehungsweise die des neunzehnten Jahrhunderts ist. Dorothea Röschmanns Maria muss sich selbst die Fackeln anzünden, in deren Licht sich ihr Untergang vollzieht: herrlich die Verseinsätze bei „Des Schmerzes Übermaß wird mich verzehren“ und „Erfleht mir meinen Teil am ew'gen Frieden“, überirdisch leuchtend die himmlische Friedensvision nach dem Oktavsprung. Im Gebet vor der Hinrichtung wendet sich die Stimme abwechselnd nach außen und nach innen, als ihr eigenes Echo in den Versen „In Klagen, dir klagend, / Im Staube verzagend“. Dass der inneren Stimme des verzweifelten Komponisten durch eine solche Interpretation eine Art von Verklärung widerfährt, mag der Schumann-Liebhaber bei sich denken, der das opus ultimum ja nicht der Schicklichkeit zuliebe in eine „schöne Zeit“ zurückdatieren kann. Am besten gefällt an Holloways Bearbeitung der Titel: „Reliquary“. Als Reliquiar schließt die Orchestrierung die kostbaren Lieder ein. Stilunterschiede, die immer eine Geschmacksfrage sind, gehören also zur Form.
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