09.09.2010 · Das bei den Proms uraufgeführte Orchesterstück „Wild Card“ der englischen Komponistin Tansy Davies deckt Karte für Karte die zweiundzwanzig Trümpfe des Tarot auf. Der Bericht über die Mittwochskonzerte übernimmt diese Form.
Von Patrick BahnersI - Der Magier. Martin Mosebachs Roman „Was davor geschah“ ist von der Jury des Deutschen Buchpreises nicht auf die Shortlist gesetzt worden. Man kann sich vorstellen, wie ein Vorwand gesucht wurde, um auch dieses Werk des Autors wieder als kunstgewerblich und konventionell abwerten zu können. Der Roman suggeriert, dass seine Form der Ordnung einer Patience folge. Da hat man es, das Buch sagt es ja selbst: Es geht aus, wie es begonnen hat, und führt zu nichts, eine Zerstreuung für einsame Tanten. Aber auch die 1973 in Bristol geborene Komponistin Tansy Davies legt Karten. „Wild Card“, ihr zwanzigminütiges Orchesterstück, das am Mittwochabend vom BBC Symphony Orchestra uraufgeführt wird, deckt die zweiundzwanzig großen Geheimnisse des Tarot auf. Ein von der Komponistin selbst verfasster Schlüssel im Programmheft ordnet die Motive den zweiundzwanzig Karten zu. Und was immer man, nachdem man das Stück gehört hat, an ihm kryptisch oder esoterisch finden mag - dass es avantgardistisch ist, ist offenkundig.
II - Die Hohepriesterin. Tansy Davies ist Hornistin und sieht sich als Schamanin. Ihr Trompetenkonzert von 2004 heißt „Spiral House“ und ist von den Arbeiten der Architektin Zaha Hadid inspiriert. Den Titel des Stücks, das sie 2007 für ihren Komponistenkollegen Thomas Adès geschrieben hat, „Falling Angel“, hat sie von Anselm Kiefer übernommen und nicht einfach von John Milton oder direkt aus der Bibel. Trotzdem steht auf ihrer Wikipedia-Seite der Warnhinweis, sie sei vielleicht nicht bedeutend genug für einen Eintrag.
III - Die Kaiserin. Spielen Scheiche Dudelsack, oder sind das die Schotten? Das kann man im Zeitalter der Weltmusik schon einmal durcheinanderbringen, aber die Frage ist falsch gestellt. Auch in Northumberland, im englischen Grenzgebiet zu Schottland, gibt es Dudelsackpfeifer. Die Fürstin der Northumbrian Smallpipes ist Kathryn Tickell. Mit neun Jahren erhielt sie ihren ersten Unterricht: Nach alter Weise lernte sie die alten Weisen von den Schäfern auf den Hügeln. Im zweiten Abendkonzert, mit der Folkband The Penguin Café, ist sie der Gaststar. Aus der Ferne gibt sie ein Bild herrscherlicher Lässigkeit ab, wie sie da steht inmitten der entfesselten Schrammler. Ihre flinken Finger scheinen etwas zu stricken, vielleicht Ohrenschützer für einen Räuberhauptmann, dem sie in ihrem Herzen gut ist.
IV - Der Kaiser. Die Berliner Philharmoniker sind seit Sonntag abgereist, aber die Rattle-Debatte unter den Dauerbesuchern kommt nicht zur Ruhe. Die langsamen Tempi im „Parsifal“-Vorspiel und den „Vier letzten Liedern“ am Samstag werden zwiespältig bewertet; als desolat wird das Freitagskonzert mit Beethovens vierter und Mahlers erster Symphonie eingestuft, das ich noch nicht hatte hören können. Rattles Manier, schöne Stellen herauszupräparieren, kommt als Parodie eines analytischen Interpretationsstils herüber. Jemand meint gesehen zu haben, dass die Philharmoniker eisige Distanz gegenüber ihrem Chefdirigenten gewahrt hätten. Symbiotisch dagegen Rattles Beziehung zum Publikum. Warum wird Sir Simon als einziger Dirigent schon mit Jubel begrüßt? Die Künstlermähne allein - immerhin stehe mit Stéphane Denève, der am Montag sein Royal Scottish National Orchestra vorstellte, schon ein Nachfolger bereit - kann seine Wirkung nicht erklären. Es muss wohl die Gestik und Mimik der Zuwendung sein, die das Publikum auf sich bezieht. Rattle geht mit der Musik mit und steigert sich in sie hinein, holt aus dem Orchesterkörper manchmal Steigerungen mit langem Arm heraus, als müsste er in einen Schlauch greifen. Die Schönheit, die unter seiner Leitung produziert wird, malt sich in seinem Gesicht als schmerzhafter Genuss - also genauso, wie sich der unvorbereitete Zuhörer die Wirkung großer Musik vorstellt. Es scheint undenkbar, dass auf Rattle die Bemerkung Sir Henry Woods zutrifft: Es gibt Dirigenten, die nicht hören, was sie dirigieren.
V - Der Hierophant. Tansy Davies erklärt im Programmheft: „jemand, der erklärt oder einen Kommentar abgibt“. Die Programmhefte sind sehr informativ, obwohl die einzelnen Texte nicht lang sind: Vorstellung des Stücks, Vorstellung des Komponisten, Kasten mit Verweis auf frühere Aufführungen. Am Ende des Hefts eine Seite mit bibliographischen, diskographischen und linkographischen Hinweisen. Die Autoren sind freischaffende Musikkritiker und Professoren der Musikwissenschaft. Erstaunlich, dass sich so viel Talent findet, obwohl die Musikkritiken in den Zeitungen auf benotende Notizen geschrumpft sind und auch eine Zeitschrift wie „Gramophone“ ihren Schwerpunkt von der Interpretationsanalyse auf den Interpretenkult verlagert hat. Der Hierophant oder Kritiker ist eine der drei Karten, die ich aufgrund der Charakterisierung im Programmheft erkenne: „eine hochrhythmische Verlautbarung der Holzbläser in ekstatischem Unisono, zusätzlich verstärkt durch ein energisches Trommelmotiv“.
VI - Die Liebenden. Äußerst kraftvoll und beschwingt nimmt Jiři Bělohlávek, der Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra, das Vorspiel zum dritten Akt des „Lohengrin“, das Präludium zum Hochzeitsmarsch, den seine Musiker am Samstag in der Last Night spielen werden. Unterdessen spekulieren die Zeitungen über die Zukunft der Ehe von Wayne Rooney. Die Eltern der Prostituierten haben sich bei der betrogenen Gattin entschuldigt. Die „Times“ bricht eine Paralleldebatte zur Sarrazin-Kontroverse vom Zaun: Wie kann es sein, dass die Tochter des Managers einer Ölfirma zum Callgirl wird, obwohl sie im Unterschied zur Spielerfrau eine Privatschule besucht hat?
VII - Der Wagen. Eines der Stücke des Penguin Café heißt „In the Back of a Taxi“. The Penguin Café spielen die Stücke des Penguin Café Orchestra, das Simon Jeffes 1972 gegründet hatte. Sein Sohn Arthur Jeffes hat zuerst Archäologie und Anthropologie in Cambridge studiert und setzt jetzt die Arbeit seines Vaters fort, der 1997 gestorben ist, mit achtundvierzig Jahren. Simon Jeffes war ein begnadeter Bastler, der seine Melodien überall fand. Auf der Rückbank seines Taxis hat ein ganzes Bruckner-Orchester Platz, obwohl im Penguin Café weder Blech- noch Holzbläser mitspielen.
VIII - Die Gerechtigkeit. Er mache sich über seine Figuren nicht lustig und stelle sie nicht bloß - zweifelhafte Komplimente für einen Romancier. Auch was als Barmherzigkeit gerühmt wird, ist oft eine ängstliche, stickige Fürsorge, die die Figuren vielleicht benötigen, die Leser aber nicht. An Mosebachs Roman zu diskutieren: das Verhältnis von poetischer Gerechtigkeit und poetischer Gnade. Da gibt es einen von aller Welt verachteten Menschen, der sich wundersamerweise seiner selbst erbarmt.
IX - Der Eremit. Sir Henry Wood dirigierte Bruckners Siebte in einem Promenadenkonzert der Saison 1903. Wie er in seinen Memoiren berichtet, stieß er auf eine solche Ablehnung des Publikums, dass er nur noch gelegentliche Einzelsätze in seine Programme aufnahm. Erst 1961 war die Siebte wieder bei den Proms zu hören. Seitdem gab es achtzehn Aufführungen, davon fünf unter Bernard Haitink und zwei unter Simon Rattle.
X - Das Rad des Schicksals. Mosebachs Roman habe ich ausgelesen. Daher habe ich mir Adam Sismans Biographie des Historikers Hugh Trevor-Roper gekauft, der zum König der Geschichtsschreiber berufen war. Er hat mehr geschrieben, als seine Verächter gelten lassen, war aber in den Überschriften der Nachrufe der Autor des Gutachtens, das die Echtheit der Hitler-Tagebücher bestätigt hatte.
XI - Die Kraft. Im Programmheft steht, in manchen Aufführungen von Bruckners Siebter gebe es auf dem höchsten Punkt des Adagio einen von Triangel und Pauken unterstützten Beckenschlag. Das sei nicht Bruckners Einfall gewesen, sondern ein Vorschlag zweier Freunde. Günter Wands letzte Live-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern wird empfohlen - man dürfe nur nicht auf den Beckenschlag warten, Wand habe ihn nicht ausstehen können. Bělohlávek teilt Wands Skrupel nicht.
XII - Der Gehenkte. In ein Sägewerk verwandeln sich die Streicher des Penguin Café bei „Swing the Cat“. Nach Brewer's Dictionary of Phrase and Fable war das Katzenschleudern einmal ein Volkssport. „Cat“ war aber auch ein schottisches Wort für den Schurken - der naturgemäß am Galgen baumeln sollte.
XIII - Der Tod. Meine Sitznachbarn meinen, dass „Wild Card“ einen guten Soundtrack für einen altmodischen, in Schwarzweiß gedrehten Kriminalfilm abgäbe. Er müsste im Hochmoor spielen, denn das bei weitem am häufigsten eingesetzte Instrument ist die Windmaschine. Das Pressebüro der Berliner Philharmoniker wäre als Schauplatz wohl doch nicht attraktiv genug, obwohl Hans Scharoun allemal mit Zaha Hadid mithalten kann.
XIV - Die Mäßigkeit. Zu den Traditionen der Mitwirkung des Publikums gehören Sprechchöre. In der Pause verkünden „Promenaders“ in der ersten Reihe der „Arena“, die mit ihren T-Shirts und ihrer kräftigen Statur auch Streikposten der U-Bahner-Gewerkschaft sein könnten, dass sie am Ende mit Eimern an den Türen stehen werden, um für bedürftige Musiker zu sammeln. In der laufenden Saison sind in dreiundsiebzig Konzerten 79000 Pfund zusammengekommen. Ein weiteres akustisches Ritual begrüßt die Öffnung des Klavierdeckels. Der zweisilbige Ruf hört sich an wie „I-A“. Wird der Virtuose mit typisch britischem Humor als Tastenesel apostrophiert? Man muss schon wissen, dass die Arena „Heave!“ und die Galerie „Ho!“ ruft. Im Foyer wird man von einem klagenden Ruf verfolgt, den ich als „wal-ker“ dechiffrieren wollte. Ehre und freie Bahn dem „promenader“, der noch nie in seinem Leben einen Sitzplatz in Anspruch genommen hat? In Wahrheit wird „wa-ter“ angeboten, das einzige Pausengetränk mit eigenem Ausrufer.
XV - Der Teufel. Wenn die Londoner abstimmen dürften: Bob Crow, der Generalsekretär der National Union of Rail, Maritime and Transport Workers. Mir hat der U-Bahn-Streik eine einstündige Busfahrt von Hampstead zum Picadilly Circus beschert, auf der ich die letzte Seite von Mosebachs Roman erreicht habe.
XVI - Der Turm. Tony Blair hat nicht nur die Signierstunde am Mittwochnachmittag abgesagt, sondern auch die Party, mit der er am Mittwochabend in der Tate Modern das Erscheinen seiner Memoiren feiern wollte. Naturgemäß wollte er es nicht unterlassen, den Kriegsgegnern, die eine Demonstration angekündigt hatten, eine Lektion in gesellschaftlichem Anstand zu erteilen. „Es gibt etwas, das man in der Politik, ja, im Leben gelernt haben sollte: Diejenigen, die am lautesten schreien, haben nicht das größte Recht, gehört zu werden.“
XVII - Der Stern. Die bronzene Büste von Sir Henry Wood, die auf jedes Promenadenkonzert in der Royal Albert Hall hinabblickt, steht außerhalb der Saison in der Royal Academy of Music. Sie ist ein Werk des Bildhauers Donald Gilbert und wurde aus der zerstörten Queen's Hall gerettet.
XVIII - Der Mond. Das Penguin Café war ein Traum von Simon Jeffes - im Wortsinn. Er lebte in Frankreich und sah eines Nachts in eine Zukunft, in der die Leute in grauen Hochhäusern lebten und Musik am Computer mit Kopfhörern produzierten. Aber am Ende der Straße war ein heruntergekommenes Haus, aus dem Licht und Lärm nach außen drang, mit langen Tischen, einer Bar und einer Band - das Penguin Café. Bruckner hat das erste Thema der siebten Symphonie geträumt. Sein Jugendfreund Ignaz Dorn erschien ihm und spielte es ihm auf der Bratsche vor. „Pass auf, sagte er, mit dem wirst du dein Glück machen.“
XIX - Die Sonne. Vor zwanzig Jahren habe ich meinen Smoking gekauft, bei einem Bonner Herrenausstatter, der längst von einem Kettenladen für Sportklamotten verdrängt worden ist. Für die persönliche Beratung in einem solchen Geschäft, die Bestimmtheit mit Höflichkeit zu verbinden hatte, gibt es wohl heute keine Nachfrage mehr. Als ich auch eine weiße Smokingjacke von der Stange nahm, gab mir der Verkäufer in vollendeter Liebenswürdigkeit zu bedenken, Gelegenheit zum Tragen eines weißen Smokings werde sich höchstens auf einer Kreuzfahrt ergeben. Die Herren des BBC Symphony Orchestra und ihr Chefdirigent treten im weißen Smoking auf, den sie auch nach der Pause, für Bruckner, nicht gegen eine dunkle Uniform eintauschen.
XX - Das Gericht. Der Musikwissenschaftler Derek B. Scott vertritt die These, dass Aufbau und Harmonik der Symphonien Bruckners von der christlichen Lichtmetaphysik bestimmt seien. Das Licht erscheint plötzlich in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. Dunkelheit-Moll ist Abwesenheit von Licht-Dur, aber Licht-Dur ist nicht Abwesenheit von Dunkelheit-Moll. Die Heilsgeschichte kenne keine Dialektik, bei Bruckner finde keine Bearbeitung und Entwicklung der Themen statt, sondern deren Transfiguration, die rhythmisch stabile, durch Tonartverschiebung und Neuinstrumentierung verklärte Wiederkehr. Unter Bělohláveks Händen wird die Siebte eine fröhliche Serenade für den längsten Nachmittag des Jahres an Deck des größten Kreuzfahrtschiffs der Welt. Im ersten Satz haben die Komödianten aus der „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss einen Gastauftritt, und zur Trauermusik des zweiten Satzes gehört ein Totentänzchen. Äußerst dezent gleiten die Salonorchestermusiker hinein in den Dreivierteltakt, gleichsam mit schwarzer Binde auf dem weißen Ärmel - ein Ritus des Übergangs, der wohl nicht im Widerspruch zur Kirchenlehre steht.
XXI - Die Welt. In „Wild Card“ repräsentiert durch „ekstatische und virtuose Einwürfe des Blechs, die die ernste Stimmung des Gerichts verwandeln und sich zu seltsamen Tänzen und Ausbrüchen der Freude auswachsen“. Die Welt im Saal nimmt das Werk deutlich weniger ekstatisch auf. Die Komponistin bedankt sich mit sehr artigen Verbeugungen.
XXII - Der Narr. Berichtet morgen wieder an dieser Stelle.