Home
http://www.faz.net/-gs5-6ko11
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

The Last Week of the Proms (2) Feine Filetarbeit aus echtestem Seemansgarn

06.09.2010 ·  Schon vor hundert Jahren war im letzten Promenadenkonzert der Londoner Saison „Rule Britannia“ zu hören, und schon damals hat das Publikum wohl mitgesungen. Nun gab es eine Reprise der Last Night of the Proms des Jahres 1910.

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Autohupe von 1910! Die haben sie bestimmt nicht! Sollte Paul Daniel das den Musikern des BBC Concert Orchestra bei der Probe zugerufen haben, so kennt er seine „Promenaders“ schlecht. Dem wohlbekannten munteren Thema des „Sailor's Hornpipe“ tief unten auf dem Podium der Royal Albert Hall antwortet vom Oberrang der fast noch besser bekannte Doppelquietschlaut, und so fröhlich knarzt die Druckluft beim Entweichen, als hätte sie tatsächlich ein Jahrhundert lang auf diesen Moment gewartet. Offenkundig hat ein fanatischer Amateurmusiker das Instrument im Automobilmuseum abgeschraubt, vielleicht bei einem noch von Gottlieb Daimler persönlich gebauten Kraftfahrzeug - denn in der Jugendzeit der Promenadenkonzerte kamen die Wunderwerke der Technik ebenso wie die Meisterstücke der Tonkunst aus Deutschland.

Der letzte Sonntag der 116. Saison ist zu Ehren des Gründers der Proms als Henry Wood Day ausgewiesen, und am Nachmittag, sechs Tage vor der Last Night of the Proms, gibt es eine Reprise der von Wood dirigierten Last Night des Jahres 1910. Damals, als die Last Night noch nicht Last Night hieß, sondern einfach das Abschlusskonzert war, stand Woods „Fantasia on British Sea Songs“ schon auf dem Programm. Oder muss man sagen: noch? Das maritime Medley gehört zur Last Night, wie man sie aus Funk und Fernsehen kennt, zusammen mit Edward Elgars erstem „Pomp and Circumstance“-Marsch, William Blakes „Jerusalem“ mit der Melodie von Hubert Parry und „God Save the Queen“. Die letzte Station von Woods Meeresrundfahrt ist „Rule Britannia“, zu Elgars Melodie wird „Land of Hope and Glory“ von A. C. Benson gesungen - gelegentlich spricht man von den vier englischen Nationalhymnen. In diesem Jahr fehlt Woods Fantasie auf dem Programm der Last Night, wie schon in der vergangenen Saison.

Transparente für den Dirigenten

„Rule Britannia“ ist nicht ausgemustert worden, wird freilich auch nicht in glänzender Isolation dargeboten, sondern erhält einen neuen, transatlantischen Konvoi: zwei Nummern aus Hans Zimmers Filmmusik zu „Pirates of the Caribbean“, darunter ein „Hornpipe“. In der Neuauflage des Finales von 1910 regiert Mr. Wood - wie er damals noch hieß, ein Jahr vor dem Ritterschlag - wieder unbeschränkt, und so wird die „Fantasia on British Sea Songs“ ohne die von Sir Malcolm Sargent in den fünfziger Jahren vorgenommenen Kürzungen aufgeführt. Mit Bedauern nimmt man zur Kenntnis, dass die Seeliedparade auch im Original keine Variation über Samuel Taylor Coleridges „Fluch des Albatros“ enthält.

Sargent, insoweit der Karajan der Proms, erkannte die Chancen des Fernsehens. Die Last Night von 1947 war das erste im englischen Fernsehen übertragene Konzert. In der Musikredaktion der BBC fürchtete man, Scheinwerfer und Kameras würden die Musiker und den Dirigenten stören. Sargent aber ließ sich von der Welle des Jubels emportragen und genoss den Gedanken, dass sie auch in die Wohnzimmer schwappte. Später brachten seine Fans Transparente mit ins Stehplatzrund unterhalb des Dirigentenpults, als wäre diese „Arena“ ein Fußballstadion. Beim Gedenkgottesdienst für Sargent war ein Schiff der Westminster Abbey für Proms-Abonnenten reserviert. Wie das gotische Parlamentsgebäude von Westminster aus viktorianischer Zeit und nicht aus dem Mittelalter stammt, so gehen die auffälligsten Bräuche des letzten Abends von Sir Henry Woods Promenadenkonzerten nicht auf Wood, sondern auf Sargent zurück.

Der Anteil der Ironie an der Inspiration

Nationale Traditionen werden in England traditionell als unvordenklich angesehen, englisch „immemorial“: so alt, dass die Anfänge sich im Nebel der Urzeit verlieren. Das Urbild ist das Common Law, das gemeine, von keinem Gesetzgeber gemachte Recht. Englische Historiker kritisieren diese Legenden, ebenfalls schon seit sehr langer, fast schon unvordenklicher Zeit, spätestens seit dem siebzehnten Jahrhundert. In der modernen Kulturgeschichte lautet die Losung der Kritiker „invention of tradition“. Ein Konstruktivismus, der an allen nationalen Gedächtnisorten wie im Antiquitätengeschäft entweder trügerische Provenienzen aufdeckt oder schlechten Geschmack, ist die akademische Antwort auf die „Heritage“-Industrie - und ihr Pendant. Der Nostalgiediskurs ist nicht weniger ritualisiert als ein Festkonzert, bei dem die Zuhörer lustige Hüte aufsetzen und Autohupen einschmuggeln, und dient ebenfalls der Stabilisierung von Gefühlen des Behagens.

Die Forschung überschätzt das Neue an ihren Novitäten. So sieht der Historiker David Cannadine, der auch über die Last Night einen Aufsatz geschrieben hat, das Moderne am englischen Krönungszeremoniell darin, dass der Monarch mit den Insignien einer Macht ausgestattet wird, die er unter parlamentarischen Bedingungen gar nicht mehr besitzt. Aber schon im Mittelalter konservierte die Herrschaftsliturgie einen vergangenen Verfassungszustand: Das hat Cannadines deutscher Kollege Percy Ernst Schramm in der Geschichte des englischen Königtums herausgearbeitet, die er 1937 aus Anlass der Krönung Georgs VI. vorlegte. Das Studium der Last Night of the Proms kann die Kulturhistoriker darüber aufklären, dass man nicht jede Tradition einem Erfinder zuordnen kann. Wo mitgesungen wurde, das steht nicht in Programmheften und muss auch nicht aus Zeitungsberichten hervorgehen - denn die Kritiker sahen sich früher als Hüter der Seriosität und wollten im Zweifel vielleicht auch durch Schweigen erzieherisch wirken. Und selbst wenn man durch Interviews mit Nachkommen den „prommer“ ermittelt hat, der als erster den Union Jack über der Brüstung entrollte, dann muss man immer noch nachweisen, dass er es war, dessen Beispiel befolgt wurde.

Bei patriotischen Phantasieprodukten im Stil von Woods feiner Filetarbeit aus echtestem Seemannsgarn unterschätzt man wohl den Anteil, den die Ironie schon an der Inspiration hatte. Wood hatte die Fantasie für ein Sonderpromenadenkonzert zur Hundertjahrfeier der Schlacht von Trafalgar am 21. Oktober 1905 komponiert. Der „Hornpipe“, der nach dem schottischen Blasinstrument benannte Tanz, hatte wohl schon zu Nelsons Zeiten als altmodischer Ringelpiez gegolten. Die gepanzerten Schlachtschiffe, in deren Herstellung das edwardianische England und das wilhelminische Deutschland ihr Heil suchten, konnten nicht so flink beidrehen wie die Matrosen, die Wood Abschied von den „Spanish Ladies“ nehmen lässt. Sie wurden für die Entscheidungsschlacht gebaut. Aber der ungeschriebene Refrain der Fantasie lautet nicht: England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut, sondern eher schon: England beherrscht die Weltmeere so unangefochten, dass jedermann sich amüsieren darf.

Ein englischer Odysseus, nur ohne Witz

Als das BBC Concert Orchestra beim „Sailor's Hornpipe“ angekommen ist, dreht sich Paul Daniel zum Publikum um. Er will das Stampfen nicht unterbinden, das gleich losbrechen wird. Die Tradition, dass sich Orchester und Saal in dieser Nummer einen Wettlauf liefern und die Musiker den Klatschmarschierern zu enteilen versuchen, wurde von Wood und nicht von Sargent begründet. Sir Henry war ein Sportsmann reinsten Wassers. In einer typischen Saison leitete er sechs Wochen lang pro Woche sechs Konzerte. Da kam es auf die Geschicklichkeit des Dirigenten an und auf die Ausdauer aller Beteiligter. In den hundert Jahren seitdem sind wir Musikspaziergänger dank Grammophon, Kassettenrecorder und Download ganz schön aus der Übung gekommen. Nach der Pause bedankt sich Paul Daniel in der traditionellen Ansprache des Dirigenten, die 1910 noch nicht zum ungedruckten Programm der Last Night gehörte, für unser Durchhalten bei diesem „außergewöhnlichen Marathonkonzert“. Erst nach zweieinviertel Stunden waren wir in die Pause geschickt worden.

Wir hatten als Ouvertüre die Ouvertüre zum Fliegenden Holländer gehört und zum Schluss der ersten Hälfte Wagners dank Orgeldonner noch geräuschvolleren Kaisermarsch von anno 1871, dazwischen Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre (wie in Woods Konzert zum diamantenen Thronjubiläum von Königin Viktoria 1897), Bizets Arlésienne-Suite, noch einen Beethoven, zweimal Dvorák, Paganinis „Moto perpetuo“ für volles Orchester, eine Kritikersatire von Mussorgsky, die Zitronenarie aus der Mignon-Oper von Ambroise Thomas (nein, dieses Treibhausland kennen wir nicht mehr!) sowie, denn in ein authentisches Wood-Konzert gehört eine Uraufführung, ein neues Stück von David Matthews, „Dark Pastoral“ für Violoncello und Orchester mit dem Solisten Steven Isserlis. Matthews hat Material von Ralph Vaughan Williams verarbeitet, der immerhin drei Jahre jünger als Henry Wood war. Der Hirte, dessen Gesang Matthews rhapsodisch ausphantasiert hat, scheint von Seefahrern abzustammen, ein englischer Odysseus, nur ohne Witz. Bei Wiederaufführungen des eingängigen Werkes, mit denen durchaus zu rechnen ist, werden die Hupen wohl stumm bleiben.

Die historische Aufführungspraxis stößt bei einem Konzertereignis von der Art der Last Night an ihre Grenzen. Warum sollte das Mitsummen bei „Home, Sweet Home“ unterbleiben, das 1910 bestenfalls ein vereinzeltes oder inneres gewesen sein wird? Allerdings sollten die Historisten des Konzertbetriebs eingestehen, dass sie sowieso bei keinem Werk von jeder Aufführungstradition abstrahieren können. Auf dem Podium der Albert Hall sind Palmen aufgestellt worden, wie sie vor hundert Jahren die Bühne der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Queen's Hall schmückten. Aber Paul Daniel hat sich nicht als Henry Wood verkleidet, hat sich weder eine weiße Nelke ins Knopfloch gesteckt noch einen falschen Bart angeklebt. Als Wood 1898 mit neunundzwanzig Jahren als ein Gustavo Dudamel seiner Zeit ein Privatkonzert auf Schloss Windsor dirigierte, fragte ihn Königin Viktoria: „Sagen Sie, Mr. Wood, sind Sie ein richtiger Engländer? Sie sehen eher unenglisch aus.“ Wahrscheinlich spielte die Königin auf den Bart an, den Wood nach der Mode von Arthur Nikisch trug. Wood wusste natürlich, was sich für einen loyalen Untertan und Gast-Meister der königlichen Musik gehörte, und gab nicht zurück, dass in seinen Adern mehr englisches Blut zirkuliere als in denen der Witwe und Cousine des Namensgebers der Albert Hall. Für ihr persönliches Promenadenkonzert hatte sich Viktoria Stücke von Saint-Saens und Tschaikowsky gewünscht, Humperdincks Ouvertüre zu „Hänsel und Gretel“ sowie fünfmal Wagner.

Alle Folgen der Serie

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5