05.09.2010 · Eine Woche vor dem Abschlusskonzert der legendären Londoner Promenadenkonzerte dirigiert Sir Simon Rattle in der Royal Albert Hall die Berliner Philharmoniker mit den Fünf Orchesterstücken von Arnold Schönberg. Bei der Uraufführung war noch gelacht und gezischt worden.
Von Patrick BahnersDie musikalische Bildung ist ein Spaziergang. Das ist die revolutionäre Idee der Londoner Proms, der Promenadenkonzerte, die der Dirigent Henry Wood vor hundertfünfzehn Jahren erfunden hat. Henry Wood wurde 1869 geboren und starb 1944. Volkstümliche Konzerte, die man im Vorübergehen konsumierte, hatte es in London schon vorher gegeben.
Man spazierte hinein, nahm Marschmusik, Balladen und die schönsten Leckerbissen der größten Komponisten zu sich und spazierte wieder hinaus. Und weil's so schön gewesen war und ein Ticket nicht viel kostete, kam man wieder. Mit dieser Freude an den bekannten Genüssen machte Wood sein Geschäft. Die Konzerte, die er den Sommer hindurch veranstaltete, wenn die feine Welt London verlassen hatte, wurden nicht subventioniert. Sein Orchester, das jedes Konzert der Saison bestritt, musste sich selbst ernähren.
Musikkenner verfluchten damals den Da-Capo-Ruf als Erkennungszeichen des unkultivierten Geschmacks: Die Masse wollte dasselbe noch einmal hören, weil es nichts kostete, wie manche Gäste im Restaurant auch dann einen Nachschlag vom Dessertwagen nehmen, wenn der Magen voll ist. Wood wünschte sich Zuhörer, die nicht nach jeder vollsaftigen Darbietung ein „encore“ verlangten. Aber er ließ sich auf ihre Lust an der Wiederholung ein, um sie auf den Geschmack an der Abwechslung zu bringen. Der Appetit kam beim Hören: Das Prinzip der Programmgestaltung der Promenadenkonzerte war die Repertoirepflege, die Wiederbegegnung mit den symphonischen Hauptwerken der Klassik und Romantik; die Vertrautheit mit dem Bekannten sollte empfänglich machen fürs Neue. Sein Orchester erzog Wood eigentlich gar nicht anders als sein Publikum. Für Proben war nicht viel Zeit; indem man den ganzen Sommer über an jedem Werktag ein Konzert gab, wuchs die Sicherheit, mit der man dann auch Unbekanntes vom Blatt spielen konnte.
Töne wie zur Fütterung
Die Proms hatten und haben etwas Zirzensisches. Während der Darbietungen nahm man Erfrischungen zu sich. Wie Akrobaten wurden die Sänger gefeiert, wie ein Raubtierbändiger der Dirigent. Zu den Sensationen, mit denen Wood Werbung machte, gehörten die Novitäten. Am 3. September 1912, ein Jahr, nachdem er, gerade zweiundvierzig Jahre alt, zum Ritter geschlagen worden war, brachte Henry Wood die Fünf Orchesterstücke op. 16 von Arnold Schönberg zur Uraufführung. Unruhe auf den billigen Plätzen war das charakteristische Hintergrundgeräusch der Promenadenkonzerte, unterschied sie von Konzerten für stillsitzendes Publikum. Unerhört aber, was an diesem Abend geschah: Große Teile des Saales ließen sich mit anhaltendem Gelächter und Zischen vernehmen. Ähnliches hatte Wood bei der Probe wohl schon von den Musikern hören müssen. Er rief sie auf, sie sollten sich zusammenreißen: „Das ist noch gar nichts gegen das, was Sie in fünfundzwanzig Jahren spielen werden!“
Die Londoner Musikkritik wollte sich auf solche divinatorischen Kunststücke nicht einlassen und gab dem Publikum recht. Von „Naturlauten der krudesten Form“ war in der „Morning Post“ zu lesen; „The Referee“ äußerte die Vermutung, der Komponist habe wohl die Töne illustrieren wollen, die man zur Fütterungszeit im Zoologischen Garten hören könne. Anderthalb Jahre später fand eine Wiederholung der Fütterung statt, die der Komponist persönlich vornahm. Auf Einladung Woods dirigierte Schönberg sein Werk in einem Nachmittagskonzert am 17. Januar 1914. Auf dem Programm standen ferner Stücke von Brahms, Haydn, Tschaikowsky und Charpentier, im gedruckten Programm stand ein Warnhinweis: „Herr Arnold Schönberg hat seine Mitwirkung im heutigen Konzert unter der Bedingung zugesagt, dass während seiner Orchesterstücke vollkommene Stille gewahrt bleibt.“ In der Probe sollen einige Musiker stellenweise absichtlich falsch gespielt haben, weil sie immer noch glauben wollten, der Komponist erlaube sich einen Scherz mit ihnen. Als eine Passage für sechs Hörner im vierten Stück partout nicht gelingen wollte, schlug Schönberg Wood vor, vielleicht sollten acht Hörner die Stelle spielen. Der Orchesterchef riet ab: „Um Gottes willen, nein; dann gäbe es noch mehr falsche Noten!“ Diesmal wurde das Werk mit Begeisterung aufgenommen; die wenigen Zischer gingen unter, und nun stand in den Zeitungen, dass gemessen an der üblichen Zurückhaltung des englischen Publikums die Lautstärke des Zuspruchs bemerkenswert war. Schon nach dem zweiten und dem vierten Stück hatte es Beifall gegeben.
Das Bildungspotential des Potpourris
Als Sir Simon Rattle jetzt mit seinen Berliner Philharmonikern Schönbergs op. 16 im 66. Promenadenkonzert der 116. Saison zur Aufführung brachte, bat er das Publikum in der Royal Albert Hall nach der Pause darum, etwaigen Applaus erst am Ende des Konzerts zu spenden und nicht nur Schönbergs fünf Stücke, sondern auch die anschließenden Werke der Schönberg-Schüler Anton Webern und Alban Berg, Weberns Sechs Stücke für großes Orchester op. 6 und Bergs Drei Orchesterstücke op. 6, ohne Unterbrechung anzuhören. Schon Wood hatte seinem Publikum beigebracht, den Beifall zu dosieren. Da die Darbietung einzelner Symphoniesätze üblich war, lag es nahe, auch bei einer Gesamtaufführung nach jedem einzelnen Satz zu klatschen. Als Wood ganze Haydn-Symphonien in seine Programme aufnahm, um Muster des klassischen Stils vorzuführen, ersuchte er das Publikum, sich den Applaus bis zum Schluss aufzuheben.
Rattle setzte fast auf den Tag genau 98 Jahre nach Woods Uraufführung der Schönberg-Stücke Woods didaktische Mission fort, indem er in seiner kleinen Ansprache erläuterte, bei den Proben sei deutlich geworden, dass die drei mehrteiligen Werke der Zweiten Wiener Schule einen quasi-symphonischen Zusammenhang ergäben - „sozusagen Mahlers elfte Symphonie“. So war in den Anfangsjahren der Proms das Zerlegen und Neuzusammensetzen kanonischer Werke ein wesentliches Mittel von Woods musikalischer Volksaufklärung. Wood entdeckte das Bildungspotential des Potpourris und der Hitparade. Seine Fantasien über vertraute Themen gaben den Orchestersolisten Gelegenheit, ihre Virtuosität zu demonstrieren, und damit den Zuhörern die Chance, sich mit den Möglichkeiten der einzelnen Instrumente vertraut zu machen. Rattle ist Woods kongenialer Nachfolger als Pädagoge der Gewöhnung durch Verwöhnung. Noch heute bezeichnet Schönberg mit seiner Schule die Schwelle eines vermeintlichen Unschönklangs, an der viele Konzertgänger zurückschrecken. In der ersten Konzerthälfte boten die Berliner Wagners Parsifal-Vorspiel und die Vier letzten Lieder von Richard Strauss mit Karita Mattila. Der Massenexodus in der Pause, den ein kulturpessimistisch gestimmter Zuhörer befürchtete, blieb aus. Das Konzert war seit vielen Wochen ausverkauft.
Das demokratische Selbstbewusstsein der „promenaders“
Nach der Aufführung der Orchesterstücke unter Schönbergs Stabführung sagte der Komponist Hubert Parry zu Adrian Boult, dem späteren Chefdirigenten des BBC Symphony Orchestra, des Hausorchesters der Proms nach deren Übernahme durch die BBC: „Merkwürdiges Zeug, nicht wahr? Es gefällt mir, wenn sie es laut spielen, als wär's von Strauss; aber wenn sie es die ganze Zeit leise spielen, wirkt es fast obszön.“ Rattle ließ schon Strauss nicht laut spielen und hatte das Publikum mit dem langsam genommenen Parsifal-Vorspiel darauf aufmerksam gemacht, wie genau die Berliner Philharmoniker die Schlusspartien großer Bögen gestalten können, das Verlöschen und Ersterben. Markant dann das plötzliche Aufhören des dritten Schönberg-Stücks und im Kontrast das Verklingen des fünften. Wie in einer Fantasie Woods kamen die einzelnen Holzbläser zu schönster Geltung, ja, man hörte das gesamte Werk wie eine voraussetzungslose Darlegung der Elemente des Orchesterklangs, ein „Guide to the Orchestra“ nicht nur für junge Leute.
Bei einem Promenadenkonzert im August 1914 wollte Wood Anton Weberns Fünf Stücke für Orchester op. 10 aufführen. Wegen des Krieges kam es nicht mehr dazu. 1941 wurde das Haus der Promenadenkonzerte, die Queen's Hall am oberen Ende der Regent Street, durch eine deutsche Bombe zerstört. Die Proms gingen weiter und finden bis heute im Ersatzquartier der noch größeren Albert Hall statt. Rauchen ist dort heute nicht mehr erlaubt, und nur nichtalkoholische Getränke darf man mit in den Saal nehmen. Es ist kein Kommen und Gehen mehr, sondern ein Sitzen und Stehen. Und vorher ein geduldiges Anstehen. Vor allem unter den Stehplatzkartenkäufern, die viele Stunden lang vor der Albert Hall gewartet haben, hat sich das demokratische Selbstbewusstsein der „promenaders“ erhalten. Das Bewusstsein der Londoner, dem Bombenkrieg durch Fortsetzung des bürgerlichen Lebens getrotzt zu haben, ist in diesen Stolz eingegangen, in heitere Gelassenheit transponiert. Nur ganz selten meldet sich noch einmal das Schreckliche dieser Erinnerung, wie ein gespenstisches Mahler-Zitat bei Alban Berg. Es müsse ein Kampf der Kulturen gewesen sein, bis Orchester und Dirigent zu dieser Harmonie gefunden hätten, sagte eine Dame in der hinausströmenden Menge. Denn Rattles Vorgänger bei den Berliner Philharmonikern sei ja wohl ein SS-Mann gewesen. Sie meinte das NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan.
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