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150 Jahre Gustav Mahler : Von der Kraft, mit Musik ganze Welten aufzubauen

  • -Aktualisiert am

Gustav Mahler (1860-1911) Bild: dpa

Je weiter man sich in die Biographie des getauften Gustav Mahler vertieft, um so stärker wird man der Bedeutung seiner jüdischen Identität gewahr. Aber reicht diese in seine Musik hinein? Komponierte Mahler jüdische Musik oder war er einfach nur ein jüdischer Komponist?

          Am Ende des zweiten der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler stellt sich der Wanderer mitten in einer im Sonnenlicht funkelnden, mütterlich zugewandten Natur die Frage nach seinem Schicksal: „Nun fängt auch mein Glück wohl an?“ Die niederschmetternde Antwort gibt er sich sogleich selbst: „Nein! Nein! Das ich mein, mir nimmer, nimmer blühen kann.“ Sie erhält in der Vertonung keine Spur von Bitterkeit oder Resignation. Stattdessen taucht Mahler die Worte in eine Musik voller Klangschönheit und melodischer Wärme. Der weitgeschwungene Gesang sinkt in eine tröstliche Wendung, die von der Solovioline träumerisch zu Ende geführt wird. So löst sich unaufhebbare irdische Heimatlosigkeit in überirdische Schönheit auf.

          Diese Poesie der Desillusionierung wird im letzten der vier Lieder zu einer Musik des Abschieds radikalisiert. Die Wanderschaft verdämmert dort in einem schleppenden Kondukt, der sich dann unmerklich in die Glücksvision vom Lindenbaum wandelt, unter dem der Geselle seine Ruhe findet. Dieser Trauermarsch schließt nicht - er weist noch mit seinen letzten hörbaren Formeln in die Ferne: Der Geselle befindet sich immer noch auf dem Weg, aber er ist nicht mehr gebunden durch irdische Schwerkraft. Mahler komponiert einen Übergang in die Auflösung, der auf spezifische Weise Trauer und Entrückung verknüpft und durch den das romantische Thema der Einsamkeit eine völlig neue Dimension erhält.

          Musik des Abschieds in überirdischer Schönheit

          Eine tief verwurzelte biographische Erfahrung wird in ihr kompositorisch produktiv, denn die spirituelle Perspektive auf Leid und Trauer gehört, zumindest noch zu Mahlers Zeiten, zu den wesentlichen Dimensionen des jüdischen Lebens. Der Musikphilosoph Theodor W. Adorno betrachtete diese Erfahrung als zentral für Mahlers Komponieren: „Mahler hat subjektiv aus der realen Angst des armen Juden seit dem letzten Gesellenlied die Kraft eines Ausdrucks gezogen, dessen Ernst alle ästhetische Nachahmung überstieg.“

          Gustav Mahler mit Alma, Maria Moll, seiner Tochter Anna, dem Dirigenten Oskar Fried und Anna Moll im Jahr 1910
          Gustav Mahler mit Alma, Maria Moll, seiner Tochter Anna, dem Dirigenten Oskar Fried und Anna Moll im Jahr 1910 : Bild: The Kaplan Foundation, New York

          Diese Angst hatte in Mahlers Familie eine lange Tradition. Grund dafür waren vor allem die 1726/27 erlassenen „Familiantengesetze“. In einem schikanösen Willkürakt war die Anzahl der jüdischen Familien, die sich in Böhmen und Mähren aufhalten durften, auf eine bestimmte Zahl reduziert. Nur der erstgeborene Sohn durfte nach dem Tod des Vaters die „Familiennummer“ erben, was es ihm erlaubte, zu heiraten. Die jüngeren Kinder waren zu Schattenexistenzen mit vielfach wechselnden Abhängigkeiten gezwungen. Noch Ehe und Kinder des Großvaters Simon Mahler waren aus kaiserlicher Sicht illegal. Die sich nach und nach verbessernde rechtliche Lage der Juden erlaubte es dann Simons Ältestem, dem Vater des Komponisten, sich eine vergleichsweise solide Existenz aufzubauen.

          Vor hundertfünfzig Jahren wurde Gustav Mahler in dem kleinen böhmischen Ort Kalischt geboren, in dem Vater und Großvater eine Weile gelebt hatten. Im selben Jahr zog Bernhard mit seiner Familie nach Jglau, der zweitgrößten Stadt in Mähren. Als erfolgreicher Betreiber einer Brennerei mit zugehöriger Schankstube rückte er bald in die städtische Elite auf. Bernhard stand dem Bildungsausschuss der ansässigen jüdischen Gemeinde vor, leistete Synagogendienste und pflegte eine intensive Freundschaft mit dem Kantor, der sich auch eines Rufs als Schriftgelehrter erfreute. Gustav Mahler wuchs in einer religiösen jüdischen Atmosphäre auf, die ihn prägte. Prag, wo er die höhere Schule besuchte, galt seit langem als Zentrum des Judentums. Die Prager „Judenstadt“ trug den Ehrentitel „Mutter Israels“. Es gab hier berühmte rabbinische Autoritäten und vielbesuchte jüdische Hochschulen.

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