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Büchersammlung für die Biennale : Eine Dummheit

Ein Künstler will zur Berlin Biennale mindestens 60.000 Exemplare von Sarrazins umstrittenem Buch recyceln. Was er für politisch hält, trägt nur zur Verblödung einer politischen Debatte bei.

          Der tschechische Künstler Martin Zet ruft zu einer Bücherentledigung auf. Von den 1,3 Millionen verkauften Exemplaren von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ will er mindestens 60.000 einsammeln, um sie während der Berlin Biennale zu recyceln. Das ist natürlich ein ungeheuer scharfsinniger Einfall, vor allem wenn man den Titel „Deutschland schafft es ab“ mitbedenkt. Von wem glaubt Zet diese Exemplare zu erhalten? Von empörten Lesern? Er wolle mit seiner Aktion „den Menschen“, sagt er, „ermöglichen, ihre eigene Position zu bekunden“.

          Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“

          Die Zahl derer, die solche gönnerhafte Hilfe brauchen, schätzt Zet selbst eher vorsichtig ein: Es handelte sich wohl mehr um ein geheimes Deutschland, das „es“ dann abgeschafft hätte. Oder denkt Zet an Leute, denen es die zwölf Euro für das Taschenbuch wert wären, zu einer „Installation“ beizutragen? Dann könnte die Kulturstiftung des Bundes, die das Spektakel fördert, ja praktischerweise gleich mit 720.000 Euro den Erfolg des Werkes sicherstellen, wenngleich die Bücher zuvor niemand gelesen hätte.

          Die Symbolik der Aktion, an der sich außer dem Bund auch noch andere Einrichtungen - von der Berlinischen Galerie über das Haus der Kulturen der Welt bis zum Bauhaus Dessau - als „Sammelstellen“ beteiligen, ist die andere Seite. Lassen wir den aufdringlichsten Aspekt von Büchervernichtung beiseite. Halten wir uns nur an des Künstlers Auskunft, von einem bestimmten Moment an sei es „nicht mehr wichtig, was die Qualität oder wahre Intention eines Buches ist, sondern welchen Effekt es in der deutschen Gesellschaft hat“. Über den Effekt befindet hier selbstverständlich der Künstler, so wie einst mit demselben Argument der Zensor. Möchte Zet in Konsequenz dieser Logik demnächst auch ausgewählte Schriften von Karl Marx, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger oder Georg Lukács einsammeln? Oder bedauert er es, dass sie zu ihrer Zeit nicht pünktlich eingesammelt worden sind? Manchen widerfuhr es immerhin später.

          Was am Installateur, der sich mitsamt seinem Sammelmilieu ungeheuer politisch vorkommt, aber am meisten erschreckt, ist die sagenhafte Dummheit dessen, der von Effekten redet, ohne zu sehen, welcher für sein eigenes Treiben der wahrscheinlichste ist: die Debatte um Einwanderung, Demographie und Bildung weiter zu verblöden und Wasser auf die Mühlen derjenigen zu lenken, die vor allem deshalb „Positionen bekunden“ möchten, weil es für Gedanken nicht reicht.

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