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Zum Tode Saul Bellows : Unsere Moral schimmert wie eine Ölpfütze

Saul Bellow 1915 - 2005 Bild: REUTERS

In seinem Werk mag es rechthaberische Sätze geben, aber keine dumme Zeile. In einer amerikanischen Literatur, die unentwegt ihre Naivität beteuert, war Saul Bellow der unbeugsame Verfechter des Selberdenkens.

          Mit fünfundzwanzig Jahren hatte er eine Verabredung mit Trotzki in Mexiko-Stadt. Doch an jenem Morgen des Jahres 1940 wurde Trotzki mit einem Eispickel niedergestochen. Kurz darauf stand der Sozialwissenschaftler, Journalist und Gelegenheitsschriftsteller Saul Bellow am Bett des Mannes, den seine Eltern verehrt hatten und der soeben gestorben war.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          "Über seine Wangen, die Nase, den Bart, den Hals zogen sich Blutspuren und getrocknete irisierende Jodtröpfchen. Es heißt, er habe einmal gesagt, Stalin könne ihn töten, wann immer es ihm gefalle, und jetzt verstanden wir, was eine weitreichende Macht mit uns anstellen konnte; wie einfach es für einen Despoten war, den Tod anzuordnen; wie wenig es brauchte, um uns zu töten; welch geringen Einfluß wir trotz unserer historischen Philosophie, unserer Ideen, Programme, Absichten, unseres Willens auf den Stoff hatten, aus dem wir gemacht waren."

          Womit man rechnen muß

          Diese Episode enthält eine typische Bellow-Lektion. Der Geist und das Fleisch, beide, sind die Größen, mit denen man rechnen muß. Das Leben lehrt, daß man weder das eine noch das andere vernachlässigen darf, und wer die Augen davor verschließt, ist ein Idiot. Ein solcher Idiot wollte Saul Bellow nie sein. Die Daten seines Lebens sprechen dafür, daß die frühe kulturelle Schockbehandlung, der er lange vor der Ermordung Trotzkis unterworfen wurde, eine wesentliche Voraussetzung seiner Leistung als Schriftsteller war.

          Natürlich brauchte es außerdem noch ein starkes Herz und einen feurigen Kopf, abgesehen von der Lust an Wörtern; ganz so leicht werden Nobelpreisträger für Literatur nicht gemacht. Aber das Ferment, würdig eines lauten, wimmelnden Einwandererlandes wie Amerika, war sicherlich einzigartig, und mit Bellows Tod in der Nacht zum Mittwoch ist es endgültig in die Geschichte gesunken, um als literarhistorische Fußnote wiederaufzuerstehen.

          Über die Aussichten der menschlichen Zivilisation

          Bellows Leben erzählt ein Selbsterschaffungsepos, das aus dem willkürlichen Zusammentreffen zweier fremder Sphären hervorging. Hier das alte Osteuropa vor der Oktoberrevolution; dort die Neue Welt in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung. Im Jahr 1913 ziehen Bellows russisch-jüdische Eltern von St.Petersburg nach Montreal, wo zwei Jahre später der kleine Saul geboren wird.

          Der Achtjährige überlebt eine schwere Krankheit, so daß er sich fortan als Davongekommener fühlt. Der Neunjährige wird nach Chicago umgetopft. In unmittelbarer Umgebung der osteuropäischen Einwanderer-Enklave toben Ehrgeiz und Geldgier der Industrie- und Gangsterstadt. Chicago ist die Metropole der hastig ergriffenen Gelegenheiten, dubioser Moral und des puren Materialismus. Saul Bellow fand diesen Ort fraglos stimulierend. In solch einem Pandämonium aus Stein, Stahl und Asphalt läßt sich mit Gewinn über die Aussichten der menschlichen Zivilisation nachdenken.

          Wie die Welt uns in Besitz nimmt

          Grob gesprochen, ist Bellows literarisches Gesamtwerk genau das: eine Reflexion über den Zustand des menschlichen Geistes, während ihm Preßlufthämmer und ratternde Hochbahnen in den Ohren dröhnen - von ermordeten Revolutionären im Exil einmal zu schweigen. Was kann das Bewußtsein denken, wenn die ganze Welt auf es einstürmt? In seinem dritten und längsten Roman, "Die Abenteuer des Augie March" (1953), der ihm plötzlichen Ruhm und den ersten von insgesamt drei "National Book Awards" eintrug, sang Bellow aus voller Kehle vom Schmelztiegel des multikulturellen Amerika.

          Sein pikarischer Bildungsroman ist noch immer lebendig und müßte von jüngeren Kollegen, die den Ehrgeiz haben, den "großen amerikanischen Roman" zu schreiben, erst einmal übertroffen werden. Nicht eine Leitidee, sondern schiere Sprach- und Assoziationsenergie hält das Buch zusammen. Was macht es, daß Augie March stolpert, sich verirrt und verrennt oder daß seine Privatethik schimmert wie eine Ölpfütze? Dieser "Song of Myself" der letzten Jahrhundertmitte handelt ja gerade davon, wie die Welt uns in Besitz nimmt und was sie gegebenenfalls von uns übrigläßt.

          Abschied vom Einfachheitsideal

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