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Zum Tode Saul Bellows : Unsere Moral schimmert wie eine Ölpfütze

Amerikas wichtigste Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts (mit Ausnahme Fitzgeralds) gaben sich als Landburschen oder waren es wirklich; und wenn nicht das, so hatte zumindest ihre Sprache die Ärmel hochgerollt. In den Romanen von Faulkner, Hemingway und Steinbeck mußten gleichsam die Baumstämme noch gesägt werden, aus denen das Papier ihrer Bücher entstand.

Der nur eine Generation jüngere Saul Bellow ließ sich von dem Einfachheitsideal der amerikanischen Prosa, das von Mark Twain herrührt und gewiß nicht ihr schlechtestes Erbe ist, zu keinem Zeitpunkt beeindrucken. Seine Sätze sind immer gemeißelt, und wenn seine Figuren auch nicht durchgehend die Intelligenz ihres Autors erreichen, ihre Sprache tut es verblüffenderweise wohl. Das gilt selbst für den wenig belesenen Henderson aus dem Roman "Der Regenkönig" (1964). Der ganze Bellow steckt in den schlagfertigen Dialogen, den Wortspielen und den Feuerwerken des Prosastils.

Die Moderne an der Gurgel gepackt

Soviel Schlauheit ist literarisch gelegentlich schiefgegangen, zum Beispiel in dem etwas matten "Dezember des Dekans" (1981) oder in der einen oder anderen Novelle des Spätwerks. Aber wo es klappt wie in "Herzog" (1965), einem neurotischen Meisterwerk lange vor Woody Allens besten Filmen, oder "Mr. Sammler's Planet" (1969), ist Bellow unvergleichlich. Denn den Befragungsfuror, den der Schriftsteller der Welt zumutet, wendet er auch gegen die Stellvertreter seiner selbst in der Fiktion. Die rasend komischen Briefe, die der von seiner Frau betrogene Moses Herzog an Spinoza, Kierkegaard oder Nietzsche richtet, sind für ihren Schreiber ja bitterer Ernst, so ernst, wie es Don Quijote um seinen ritterlichen Auftrag war.

In seiner intellektuellen Neugierde hatte Bellow, der sich lieber mit waschechten Professoren als mit "Intellektuellen" umgab, wenige Konkurrenten, zumal unter amerikanischen Schriftstellerkollegen. Deshalb zog er es vor, an der Universität von Chigaco, an der Northwestern University und zuletzt in Boston ein Büro zu haben und regelmäßig akademische Luft zu atmen. Was er dachte, steht in seinen Romanen oder Erzählbänden wie "Mosbys Memoiren" (deutsch 1973), aber auch in Essays und brillanten Reisereportagen wie "Nach Jerusalem und zurück" (1976). Ohne einen Hauch von Illusion hat Bellow die Moderne an der Gurgel gepackt, die Ideologien durchgeschüttelt wie einen alten Anzug und geprüft, was dort zu Boden fiel und vielleicht nach Metall klang. Viel war es nicht.

Keine Flauheiten und keine dumme Zeile

Heute ist es leicht, die abgestandeneren Thesen des Marxismus zu belächeln; damals, als Bellow es tat, war es noch nicht korrekt und wurde gern als Paktieren mit dem Klassenfeind verstanden. Man kann dem russisch und europäisch geprägten Amerikaner nicht vorwerfen, daß er wußte, was er nun einmal wußte. Anders als viele, die ihn kritisierten, war er im Nachkriegseuropa herumgekommen und hatte sich immer geweigert, Dogmen wiederzukäuen. "Wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, verspüre ich keine Genugtuung darüber, daß ich die Irrtümer von Sartre und anderen erkannt habe", heißt es in einem Essay aus dem Band "Wie es war, wie es ist" (deutsch 1995). "Vielmehr fühle ich mich entmutigt, weil alle diese hohen Ziele von Gerechtigkeit und Fortschritt sich nicht verwirklichen ließen . . . Traurig sehe ich, wieviel Genie in löchrige Theorien investiert wurde. Die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang, die dem Totalitarismus unmittelbar ausgesetzt waren, verfügten über eine weit bessere Orientierung."

Es heißt oft, nach der Zuerkennung des Nobelpreises komme nicht mehr viel, und wenn Bellow nach 1976 literarisch etwas nachgelassen hat, dann nicht nur aus biologischen Gründen. Die entscheidenden Dinge waren ja gesagt, nur daß die Umgebung, in der sie weiterhin geäußert werden konnten, unangenehmer für ihn wurde. Erst außerhalb aktueller akademischer Debatten wird sich zeigen, ob Saul Bellow am Ende wirklich so altmodisch und reaktionär geworden ist, wie ihn seine jüngeren Gegner gern gesehen haben. Daß er literarisch überleben wird, steht außer Frage. Es mag ungeduldige, rechthaberische Sätze in seinem Werk geben, aber keine Flauheiten und keine dumme Zeile. In einer amerikanischen Literatur, die unentwegt ihre Naivität beteuert, war Saul Bellow, der jetzt neunundachtzigjährig in Boston gestorben ist, der unbeugsame Verfechter des Selberdenkens.

Quelle: F.A.Z., 07.04.2005, Nr. 80

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