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Zum Tode von Jean Vautrin : Die Pistole zur Hand

Der Schriftsteller und Regisseur Jean Herman alias Jean Vautrin Bild: Getty

Der französische Literaturpreis Prix Goncourt adelte Jean Vautrin verdientermaßen zum Schriftsteller. Als Krimiautor wurde er zu einem Stützpfeiler der berühmten Reihe „Série noire“. Jean Vautrin verstarb im Alter von 82 Jahren.

          Dass Jean Vautrin 1989 den Prix Goncourt bekam, war einer ausgeklügelten Strategie seines Verlags Grasset zu verdanken. Bei der Lektorin Claire Gallois wurde er zum Nachtessen in Gesellschaft des Goncourt-Juroren und legendären Preismachers François Nourissier eingeladen. Jetzt, da beide gestorben sind, darf man das ohne Skrupel erzählen. Nourissier gefiel der schüchterne Autor, der sich mit Krimis und Drehbüchern (zum Beispiel für Georges Lautner) ein großes Publikum erschlossen hatte. Die Auszeichnung ließ nicht lange auf sich warten, und sie adelte Vautrin verdientermaßen zum Schriftsteller.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Der militante Antimilitarist hatte Indien und Italien bereist. Er schlug sich als Pressezeichner durchs Leben und arbeitete in verschiedenen Funktionen für Film und Fernsehen. Unter seinem bürgerlichen Namen Jean Herman drehte er drei Filme. Doch er war weder für die Regie noch für Teamarbeit besonders begabt. Im Alter von vierzig Jahren veröffentlichte er 1973 unter dem Pseudonym Jean Vautrin einen ersten Roman. Er handelt von Motorradfahrern, die in der Epoche von Präsident Pompidou einen Immobilienskandal aufdecken. In weiteren Büchern beschrieb er die aufkommende Konsumgesellschaft und den Zerfall der politischen Sitten. Ein paar Krimis verfasste er zusammen mit Dan Franck. Vautrin wurde zu einem Stützpfeiler der berühmten Reihe „Série noire“. Es war die große Epoche des „Néo-Polars“, als links und rechts engagierte Autoren wie Jean-Patrick Manchette und ADG (er gab den Faschisten unter ihnen) die Gattung emanzipierten. Sie trafen sich im Keller von Gallimard und tranken Whisky. Auf einer Doppelseite in „Paris Match“ posierten sie mit gezückten Pistolen.

          Jean Vautrin stellt 1990 auf der Paris Buchmesse sein Buch „Un grand pas vers le Bon Dieu“ (dt. „Das Herz spielt Blues“) vor.
          Jean Vautrin stellt 1990 auf der Paris Buchmesse sein Buch „Un grand pas vers le Bon Dieu“ (dt. „Das Herz spielt Blues“) vor. : Bild: AFP

          Jean Vautrin war ein Schriftsteller in der besten französischen Tradition des volkstümlichen Romans. Seine deutsche Rezeption litt unter den Unwägbarkeiten der Gattung. Vautrins glänzende Romane „Bloody Mary“, „Die Dame aus Berlin“ oder auch „Das Herz spielt Blues“ erschienen in Verlagen wie Econ, Bastei-Lübbe und Rotbuch, sind aber ausnahmslos vergriffen. Der extremen Linken blieb er als Wähler verbunden. Jean Vautrin verstarb in seinem Haus in der Nähe von Bordeaux. Er wurde 82 Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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