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Zum Tod von Péter Esterházy : Meister der Montage

  • Aktualisiert am

Péter Esterházy (1950 - 2016). Bild: dpa

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy ist im Alter von 66 gestorben. Er war einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Ungarns. 2004 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

          Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Vor gut einem halben Jahr thematisierte Esterhazy seine Erkrankung in seinem Buch „A bünös“ (Der Schuldige). „Ich glaube nicht, dass das Schreiben eine Therapie wäre, aber nachdem ich seit 45 Jahren schreibe, fehlt mir vielleicht der Überblick“, sagte er. Im Oktober des vergangenen Jahres hatte der Schriftsteller seine Erkrankung erstmals öffentlich gemacht und erwähnt, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leide. Damals hatte er damit eher beiläufig und selbstironisch sein Fernbleiben von der Buchmesse im schwedischen Göteborg begründet.

          Esterházy wird zur Generation der Postmodernen der ungarischen Literatur gezählt, er galt neben Péter Nádas und dem im März dieses Jahres verstorbenen Imre Kertész als bedeutendster Gegenwartsautor Ungarns. Schon mit seinem ersten Buch, dem Novellenband „Fancsikó és Pinta" (1976), vollzog Esterházy eine strikte Abkehr vom sozialistischen Realismus und wandte sich gegen die von der parteilichen Kulturkritik geforderte Wirklichkeitsdarstellung. Esterházy spielte in seine Büchern vielmehr mit der Bedeutung von Worten, er reflektierte und verzerrte bekannte Formen und Muster, löste das erzählende Ich in verschiedene Erzählweisen auf und persiflierte den Realitätsverlust rein beschreibender  Literatur.

          Vom Alltag eines Datenverarbeiters

          Über Nacht bekannt wurde Esterházy durch sein Werk „Termelési regény“ im Jahr 1979, das erst 2010 in deutscher Übersetzung erschien. Darin schildert er in grotesker Übersteigerung die Geschichte eines mit seinem Arbeitsalltag kämpfenden Datenverarbeiters. Esterházy wusste, wovon er schrieb: Bis 1978 hatte er vier Jahre lang am Institut für Datenverarbeitung im ungarischen Ministerium für Hütten- und Maschinenbauindustrie gearbeitet. Zuvor hatte er, von 1969 bis 1974, an der Universität Budapest Mathematik studiert.

          Aufgewachsen war Esterházy, der einer der ältesten und einst vermögendsten Aristokratenfamilien Ungarns entstammt, in bescheidenen Verhältnissen. Er wuchs mit drei Brüdern in einem abgelegenen Dorf auf, wohin seine Familie, die 1948 enteignet worden war, deportiert worden war. Erst 1957 durfte die Familie nach Budapest zurückkehren, wo Péter Esterházy am 14. April 1950 geboren worden war. Sein Großvater war 1917 und 1918 Ministerpräsident von Ungarn, sein jüngerer Bruder Martin spielte in den achtziger Jahren in der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft.

          Péter Esterházy am 10. Oktober 2004 in der Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Neben ihm der damalige Bundespräsident Horst Köhler.
          Péter Esterházy am 10. Oktober 2004 in der Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Neben ihm der damalige Bundespräsident Horst Köhler. : Bild: dpa

          Die meisten von Esterházys  Romanen wurden ins Deutsche übersetzt.  Bekannt wurde er unter anderem durch die Werke „Kleine ungarische Pornographie“ (1997), „Donau abwärts“ (1992) und „Harmonia Caelestis“ (2000). 2004 erhielt  er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

          „Harmonia Caelestis“, in dem er die Geschichte seiner Familie über vierhundert Jahre hinweg in zahllosen Episoden und Stimmungsbildern verarbeitet, wird als Esterházys Hauptwerk verstanden. In Ungarn führte die Chronik monatelang die Bestsellerlisten an. Kurz bevor er den Roman fertigstellen konnte, erfuhr Esterházy, dass sein Vater, der bis dato als Opfer des kommunistischen Regimes galt,  jahrelang für den ungarischen Geheimdienst gespitzelt und Familie und Freunde ausgehorcht hatte. Für Esterházy war das ein Schock, den er in einer Art Nachtrag mit dem Titel „Verbesserte Ausgabe“ dokumentierte. 2003 erschien das Buch auf dem deutschen Markt. 2006 folgte auf deutsch die „Einführung in die schöne Literatur“, die im Original 1986 herausgekommen war. Die F.A.Z. nannte das fast neunhundert Seiten umfassende Werk eine „Bibel der ungarischen Moderne“. 2008 erschien „Keine Kunst“, in dem Esterházy über seine Mutter schrieb, die er als fußballbesessene Frau schildert, die eine Liebesbeziehung zu dem Fußballnationalspieler Puskas hatte. 2013 lieferte Esterházy mit „Esti“ eine Hommage auf Kornél Esti, einen berühmten ungarischen Romanhelden.

          Immer in Opposition zum Regime

          Mit dem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und dessen Fidesz-Partei stand Esterházy auf Kriegsfuß. Die neue Zensur in seinem Heimatland bekam der Schriftsteller Ende 2012 zu spüren, als ein Kulturtip von ihm für den staatlichen Rundfunksender "Kossuth-Rádió" um eine Passage gekürzt wurde, in der er aufgefordert hatte, noch einmal ins Nationaltheater in Budapest zu gehen, bevor der dortige Intendant wechselte. Dieser wurde durch einen bekennenden Fidesz-Anhänger ersetzt. Die Leitung des Senders entschuldigte sich im Januar 2013 und bestritt, dass es sich um politische Zensur gehandelt habe. Zuletzt, noch in diesem Jahr, erschien von Péter Esterházy der Roman „Die Markus-Version“, in dem es um die Geschichte der vom kommunistischen Regime bedrängte Familie des Erzähler, das Markus-Evangelium und die letzten Dinge geht. Auch in diesem Werk zeige sich Esterházy, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ befand, abermals als „Montagemeister“.

          Quelle: FAZ.NET

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