Home
http://www.faz.net/-gr0-111lo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod von Michael Crichton Späher der verlorenen Welt

06.11.2008 ·  „Jurassic Park“ war sein größter Erfolg, aber nicht sein bestes Buch: Der internationale Bestseller-Autor Michael Crichton ist im Alter von sechsundsechzig Jahren in Los Angeles gestorben.

Von Hannes Hintermeier
Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (0)

Viele seiner Geschichten funktionieren nach einem Kinderschema. In eine Lebenswelt dringt das unbekannte Böse ein. Es entfaltet wie auf dem Schachbrett seine tödliche Bedrohung. Diese Entfaltung ist der eigentliche Kern des Buches, sie wird mit der Routine eines in Drehbuchkategorien denkenden Erzählers in einer Mischung aus Science-Fiction und Dokumentar-Drama ausgebreitet - da ist das fachwissenschaftliche Seminar manchmal nah, aber so simplifiziert und flott erzählt, dass etwaige Brüche in der Plausibilität vom Leser gnädig übergangen werden.

Die Ökonomie dieser Erzählweise verlangt zwingend, auf die Entwicklung von glaubwürdigen Charakteren und auf deren psychologische Ausdeutung zu verzichten. Schablonen handeln in diesen Büchern, und da sie meist unter enormem Zeitdruck stehen, hetzen sie durch die Erzählung, beschleunigen die Umblätterfrequenz. Langweilig sind diese Bücher selten, lieblos geschrieben oft. Das hätte den erklärten Vorbildern des Autors - Arthur Conan Doyle und Alfred Hitchcock - vermutlich weniger gefallen.

Schriftsteller einer bedrohten Spezies

Aber den sicheren Instinkt, kommende Katastrophen vorab in Romanen und Filmen durchzuspielen, den hatte der am 23. Oktober 1942 als Sohn eines Journalisten in Chicago/Illinois geborene Michael Crichton stets. Eigentlich wollte er schon als junger Mann in die Schriftstellerei, aber ein strenger Harvard-Professor ließ ihn abblitzen. Crichton blieb an der Elite-Universität, studierte Anthropologie und promovierte anschließend in Humanmedizin. Nach einem kurzen Ausflug in die ärztliche Praxis begann er Ende der sechziger Jahre eine bald vierzigjährige Karriere als Schriftsteller, Drehbuchautor, Produzent und Filmregisseur. Auch nach siebenundzwanzig Romanen, davon etliche unter Pseudonym, reichlich mehr als hundert Millionen verkauften Büchern, fünf Ehen, einer Tochter und einer Wagenladung Weltruhm hörte Crichton doch niemals auf, sich mit der Zukunft dieser merkwürdigen Spezies zu beschäftigen, die sich so überheblich „homo sapiens“ nennt.

Der Bestsellerautor Michael Crichton ist im Alter von 66 Jahren gestorben

Er wollte dieser Gattung zumeist ein paar Schritte voraus sein. Ob es um außerirdische Bakterien gingt, die die Menschheit bedrohen („Andromeda“, 1969), um eine Rasse von Superaffen, die Diamanten bewachen („Congo“, 1980), geklonte Dinosauriereier („Jurassic Park“, 1990, „The Lost World, 1995), sexuelle Diskriminierung („Disclosure“, 1994), japanische Wirtschaftsattacken („Rising Sun“, 1992), Gefahren der Nanotechnologie („Prey“, 2002) oder die Erderwärmung („State of Fear“, 2006) ging - immer war für Debattenstoff gesorgt.

Schöpfer der eigenen Marke

Im Fall des letztgenannten Romans führte Crichtons Zeitdiagnostik bis ins Weiße Haus, weil Präsident Bush die skeptische Haltung des Autors gegenüber den Vorhersagen der Wissenschaftler in Sachen Klimawandel ins politische Kalkül passte. Dass Crichton als Sammler zeitgenössischer Kunst auch eine Biographie über den Maler Jasper Johns geschrieben hat, fügt dem Bild des geschäftstüchtigen, immer gleichzeitig mehrere Medien bedienenden Mehrfachverwerters eine weitere Facette hinzu. Bereits vor zwanzig Jahren legte er mit „Travels“ eine Autobiographie vor, in der er auch von seinen früheren schriftstellerischen Ambitionen erzählt und von seinem harten Vater.

Die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg bescherte der Welt Crichtons größten Erfolg, den Blockbuster „Jurassic Park“; der Film löste eine weltweite Dinosaurier-Begeisterung aus, deren Ausläufer noch heute spürbar sind. Dem Fernsehpublikum legten die beiden Weltrekordler die ungeheuer erfolgreiche Arztserie „E.R.“ wie „Emergency Room“ vor, die schonungslos ins kaputte Milieu der vermeintlichen Halbgötter in Weiß führte.

Kein Wunderglauben an die Technik

Sich an Romane Crichtons zu erinnern heißt, sich an ihre Themen zu erinnern, die Ideen, die er in ihnen auf den Prüfstand stellte, noch einmal aus der Ablage zu holen. Sie sind vorgezogene Prüfberichte einer Wirklichkeit, die in den meisten Fällen noch nicht eingetroffen ist. Dabei war der zweihundertacht Zentimeter hohe Autor technischen Revolutionen gegenüber stets aufgeschlossen, aber er verbat sich den Wunderglauben an sie. So wie das Fernsehen nicht eingelöst hat, was es versprach - die Verbreitung von Bildung, die Verfeinerung des Geschmacks -, war Michael Crichton auch den Segnungen des Internets gegenüber durchaus skeptisch. Am Tag, als sein Land in eine neue politische Ära eintrat, am vergangenen Dienstag, ist Michael Crichton im Alter von sechsundsechzig Jahren in Los Angeles gestorben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge